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Ausgabe 19/2010
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10.05.2010
 

SPIEGEL-Gespräch

"Staatshilfe ist keine Lösung"

Interview Marcus Brauchli: "Staathilfe ist keine Lösung"
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AP

Marcus Brauchli, Chefredakteur der "Washington Post", über die Medienkrise, sich wandelnde Lesegewohnheiten und die Frage, was Qualitätsjournalismus künftig wert ist.

SPIEGEL: Herr Brauchli, was lesen Sie morgens nach dem Aufstehen als Erstes?

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Brauchli: Zuerst gucke ich auf meinen BlackBerry und schaue mir die Schlagzeilen an. Dann lese ich mehrere Zeitungen, die "Post", die "New York Times", das "Wall Street Journal". Ich surfe online auf Nachrichtenseiten. Vor allem will ich sehen, welche Geschichten wir verpasst haben. Unsere Redaktion ist längst 24 Stunden geöffnet, es gibt gar keinen Redaktionsschluss mehr. Deswegen sehe ich morgens immer auch über Nacht entstandene "Post"-Geschichten, die ich noch nicht kenne.

SPIEGEL: Also pflücken Sie Ihre Nachrichten aus vielen Quellen zusammen, was ja immer mehr Menschen tun. Macht die Entwicklung Sie nicht nervös?

Brauchli: Der Medienkonsum ändert sich bereits seit Jahren radikal. Viele kennen morgens die Nachrichten schon, sie sind ja auf allen möglichen Kanälen schnell erhältlich. Es reicht deshalb nicht, unsere Zeitung einfach mit den Nachrichten von gestern zu füllen. Wir müssen Kontext liefern: Analyse, Perspektive, Kommentare. Lange investigative Geschichten. Eben Texte, die sonst nirgendwo stehen. Es gibt immer mehr Informationen, die leicht zugänglich sind, aber es wird schwerer, diese einzuordnen. Die Leute suchen etablierte Leuchttürme, an denen sie sich orientieren können.

SPIEGEL: Vor allem junge Leute sagen: Wenn eine Nachricht wirklich wichtig ist, findet sie mich schon. Sie vertrauen darauf, von ihren Facebook-Freunden oder Twitter-Bekannten informiert zu werden.

Brauchli: Wir haben gerade eine neue Facebook-Applikation eingerichtet, bei der Mitglieder ihren Freunden Artikel empfehlen können, die sie mochten. Sie sehen auch, was ihre Freunde gelesen haben. Das hat uns viele neue Leser beschert. Wir haben zahlreiche Blogs, die große Fangemeinden haben. Zudem starteten wir neue Lokalseiten online, auf denen die Leser Infos über ihre Nachbarschaft leichter finden können. Wir experimentieren erfolgreich mit E-Mail-Newslettern. Insgesamt erreichen wir viel mehr Leute als je zuvor, obwohl unsere Druckauflage gefallen ist.

SPIEGEL: Nur Geld verdienen Sie mit alldem nicht. Die Zeitungssparte hat Ihrem Mutterkonzern voriges Jahr rund 164 Millionen Dollar operativen Verlust eingefahren. Auf der Suche nach neuen Verdienstmöglichkeiten ging Ihr Blatt vergangenes Jahr dann sogar so weit, Abendessen anzubieten, bei denen Lobbyisten für viel Geld Zugang zu einflussreichen Politikern und Journalisten erhalten sollten.

Brauchli: Das war ein Fehler. Wir haben das Projekt gestoppt. Aber klar: Wir müssen ständig nach neuen Einnahmequellen suchen. Die Organisation von Konferenzen oder Lesungen ist eine Möglichkeit für Zeitungen. Aber wenn wir das machen, müssen wir es natürlich offen tun, um unseren strengen journalistischen Ansprüchen zu genügen.

SPIEGEL: Es wäre einfacher, wenn Ihre vielen Online-Leser genauso zahlen würden wie Ihre Zeitungsleser. War es ein Fehler, Inhalte umsonst ins Netz zu stellen?

Brauchli: Schwer zu sagen. Ich bin aber überzeugt, dass die Menschen bereit sind, für Inhalte auf die eine oder andere Art zu zahlen. Sie tun es ja bereits. Sie zahlen, um sich sieben Tage die Woche die "Post" nach Hause liefern zu lassen. Wir haben bloß noch nicht die richtigen Online-Geschäftsmodelle gefunden.

SPIEGEL: Könnten sich nicht einfach alle Verlage abstimmen und mit einem Schlag für ihre Online-Angebote Geld verlangen?

Brauchli: So müsste es wohl laufen. Aber es wird immer einen Verlag geben, der ausschert und sich denkt: Na, wenn alle Geld- und Zugangshürden errichten, dann biete ich alles umsonst - und sichere mir so viele neue Leser.

SPIEGEL: Was macht Sie dann so optimistisch, dass Verlage einen Weg finden werden, für ihre Angebote künftig auch wieder Geld verlangen zu können?

Brauchli: Ich weiß auch noch nicht, wie es genau funktionieren wird, aber ich bin sicher, dass die Leute am Ende bereit sind, für Informationen zu zahlen. Die Lösung wird wohl aus verschiedenen Ansätzen bestehen, darunter auch weiterhin Werbung. Wir nehmen zum Beispiel Geld für unsere iPhone-Applikation. Es ist nicht viel, aber es ist ein Anfang. Entwickeln wir also ein maßgeschneidertes Angebot für eine Plattform, die Leute bequem mit sich herumtragen können, dann dürfte es Sinn machen, dafür doch auch was zu berechnen.

SPIEGEL: Etwa für ein Angebot auf dem neuen iPad von Apple. Manche Medienmacher hoffen, dass es die Branche fast im Alleingang rettet. Die "Post" hat dafür noch kein Angebot entwickelt. Warum?

Brauchli: Wir waren da ein bisschen langsam. Aber wir wollen auch ein Angebot bieten, das alle Möglichkeiten des iPad ausschöpft.

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insgesamt 3 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.05.2010 von digidigi: .

Sehr geehrter Transmitter, das sie "Qualitätsjournalismus" in Hochkommas gesetzt haben kann ich nicht interpretieren. Vielleicht könne Sie mir dabei helfen. Das was SPON macht hat - auch wenn die Journalisten was [...] mehr...

14.05.2010 von cantona1969: Wir müssen ständig nach neuen Einnahmequellen suchen ..."

Diese Stelle finde ich interessant: SPIEGEL: ... auf der Suche nach neuen Verdienstmöglichkeiten ging Ihr Blatt vergangenes Jahr dann sogar so weit, Abendessen anzubieten, bei denen Lobbyisten für viel Geld Zugang zu [...] mehr...

14.05.2010 von Transmitter: Ein Abgesang mehr. . .

"Qualitätsjournalismus" wird es auch zukünftig geben, weiter virtualisiert wird allerdings zwangsläufig die Publizistik. Der SPIEGEL macht es doch schon ganz anständig vor; auch mit SPON. Das Problem, dafür irgendwann [...] mehr...

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Zur Person

Martin H. Simon
Marcus Brauchli ist der erste Chefredakteur der "Washington Post" seit Jahrzehnten, der nicht aus den eigenen Reihen der US-Hauptstadtzeitung stammt. Der aus Boulder, Colorado, stammende Brauchli führte zuvor das "Wall Street Journal", gab den Posten aber nach nur einem Jahr im Frühjahr 2008 auf, nachdem Rupert Murdoch das Traditionsblatt übernommen hatte. Den Großteil seiner Journalistenzeit hat der 48-Jährige als Korrespondent unter anderem in Shanghai und Stockholm verbracht.

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