Von Philip Bethge, Alexander Jung, Nils Klawitter und Renate Nimtz-Köster
Das Öl, das nun in rötlich-braunen Schlieren den Golf von Mexiko überzieht, hat einen langen Weg hinter sich. Wer ihn nachzeichnen will, muss 1500 Meter tief in den Ozean hinabtauchen, eine mächtige Schlammschicht passieren und anschließend durch hartes Salz stoßen.
Ein Höllentrip - doch Konzerne wie BP, Shell, ExxonMobil und Chevron wagen ihn inzwischen immer öfter. Wer jene Stelle überfliegt, an der Ende April die Bohrinsel "Deepwater Horizon" versank, sieht am Horizont Dutzende Ölplattformen aus dem Wasser ragen, wie Spielzeuge in der Badewanne.
Rund 60 Milliarden Barrel Öl, so eine aktuelle Schätzung der US-Regierung, lagern unter dem Meeresgrund des Golfs von Mexiko. Das gigantische Vorkommen reicht aus, um Amerikas Wirtschaft, seine Trucks, Chevrolets, Learjets und Boeings, seine Chemie- und Werkstoffindustrie fast für ein Jahrzehnt am Laufen zu halten. Doch wie riskant ist die Ölförderung unter dem Meer? Die folgenschwere Explosion der "Deepwater Horizon", bei der elf Menschen ums Leben kamen, rückt die Herausforderungen der Offshore-Förderung in den Blickpunkt.
Der Versuch, die Öllecks am Grund des Ozeans zu stopfen, erinnere an die Rettung des "Apollo-13"-Raumfahrzeugs, das 1970 auf dem Weg zum Mond havarierte, räumte BP-Chef Tony Hayward ein. "Die Energieindustrie arbeitet hier sicherlich an den Grenzen der Geologie, Geografie und Technologie", sagt der Ölmanager im SPIEGEL-Interview.
Die "Tyrannei der Entfernung und der Tiefe" beklagte auch Admiral Thad Allen von der US-Küstenwache, der die Bekämpfung der Ölpest vor der Küste im Auftrag des US-Präsidenten Barack Obama koordiniert. "Ohne Beispiel" sei die Arbeit mit ferngesteuerten Unterwasserrobotern an einem Bohrloch in 1500 Meter Tiefe.
Ende voriger Woche wurde damit begonnen, eine tonnenschwere Stahlkuppel am Unglücksort hinabzulassen. Sie soll über dem größeren der zwei verbliebenen Lecks platziert werden und nach BP-Schätzungen 85 Prozent des auslaufenden Öls einfangen und kontrolliert nach oben ableiten. Doch auch wenn die Rettungsmission gelingt: Die Folgen des Unglücks werden noch Jahre zu spüren sein. Der Ölteppich ist schon doppelt so groß wie das Saarland.
Fischerei und Tourismusindustrie rechnen mit Verlusten in Milliardenhöhe
Erste Ölreste wurden am vergangenen Freitag an die Strände der Chandeleur Islands gespült, einer unbewohnten Inselkette vor der Küste Louisianas. Rund 10.000 Helfer kämpften fieberhaft darum, das Öl von weiteren Stränden fernzuhalten. Flugzeuge vom Typ Lockheed C-130 versprühten Tonnen des Chemikaliengemischs Corexit, das den Ölteppich auflösen soll - und das selbst im Verdacht steht, die marine Lebenswelt zu schädigen. Fischerei und Tourismusindustrie rechnen mit Verlusten in Milliardenhöhe.
Eine beispiellose Klagewelle rollt auf BP sowie auf die "Deepwater Horizon"-Betreiberfirma Transocean zu. "Im Golf von Mexiko ist genau das eingetreten, wovor wir immer gewarnt haben", kritisiert der Geologe Klaus Bitzer von der Association for the Study of Peak Oil and Gas. "Es wurden Dinge angerührt, die man besser ruhen lässt."
Wenn in immer tieferen Gewässern gebohrt werde, seien Desaster wie jenes vor der Küste Louisianas, Alabamas, Mississippis und Floridas künftig häufiger zu erwarten, sagt der Professor von der Universität Bayreuth voraus. Zwar sei derzeit noch unklar, welche Schuld BP an dem Desaster treffe, so Bitzer, "doch einen Vorwurf müssen wir der Industrie bereits heute machen: die standhafte Realitätsverweigerung bei der Einschätzung der künftigen Möglichkeiten der Erdölförderung".
Der Wagemut der Ölbarone scheint selbst angesichts der Krise grenzenlos. "Die Tiefsee-Arena ist nichts für die Mutlosen", schreibt der Experte Mark Riding von der Ölexplorationsfirma Schlumberger in der Mai-Ausgabe des Branchenblatts "Offshore": "Mit dem Erfolg kommt der Enthusiasmus."
Ölreiche Tiefseeböden umspannen die Erde. Für die Gewässer vor Madagaskar, vor dem Horn von Afrika, vor Grönland, südlich der Arabischen Halbinsel oder entlang der Kontinentalränder rund um den Atlantik hat der Ölmann eine simple Parole: "Reife Ziele für den Bohrkopf".
Abenteuerspielplatz für Ingenieure
So wird die Tiefsee zum Abenteuerspielplatz für Ingenieure und Energiemarktstrategen. Die Begeisterung ist indes aus der Not geboren. Freiwillig würden es die Multis kaum wagen, die schwierigen unterseeischen Vorkommen zu erschließen. Ihnen bleibt aber nichts anderes übrig. Denn seit etwa fünf Jahren verharrt die globale Ölförderung bei etwa 85 Millionen Barrel pro Tag. "Trotz bester Bemühungen und massiver Investitionen", sagt Sadat al-Husseini, ehemaliger Vizepräsident der Ölgesellschaft Saudi Aramco, sei es nicht gelungen, "dieses Produktionsplateau zu überschreiten".
Ein großer Teil des globalen Erdöls wird aus Feldern gepumpt, die zum Teil bereits vor mehr als 60 Jahren ohne großen technologischen Aufwand gefunden wurden. Heute jedoch müssen die Prospektoren mit kostspieligen Methoden nach Feldern suchen, die an den unzugänglichen Standorten der Erde liegen - und die Ölmengen liefern, die früher als marginal angesehen wurden.
Vor allem den westlichen Unternehmen fehlt inzwischen weitgehend der Zugang zu den einfachen, billigen, aussichtsreichen Quellen in Asien und Lateinamerika. Diese nämlich befinden sich inzwischen alle in der Hand nationaler Ölgesellschaften. Sie heißen Saudi Aramco (Saudi-Arabien), Gazprom (Russland), NIOC (Iran) oder PDVSA (Venezuela) und stehen unter staatlicher Obhut. Sie sind die wahren Giganten im Geschäft; sie kontrollieren mehr als drei Viertel der globalen Reserven. Saudi Aramco zum Beispiel spielt in einer eigenen Liga: Wäre der Konzern an der Börse notiert, wäre er mit Abstand das wertvollste Unternehmen der Welt.
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10-15% etwa können durch den Eigendruck der Ölquelle gefördert werden. Primärförderung (http://de.wikipedia.org/wiki/Erd%C3%B6lf%C3%B6rderung#Prim.C3.A4rf.C3.B6rderung) Meiner Meinung macht dieser Absatz keinen Sinn. [...] mehr...
Ja, das sind verzweifelte Versuche, peak oil aufzuhalten So sieht das Produktionsprofil aus: http://tonto.eia.doe.gov/dnav/pet/hist_chart/MCRFP3FM2m.jpg In Australien gibt es auch Probleme Western Australia's battle for [...] mehr...
Ha! Ziemlich gleichzeitig geschrieben :) mehr...
Es geht ja nicht um die Wassrtiefe plus die Sedimentenschicht sondern um die Sedimentenschicht alleine. Das Wasser mag ja vor der Kueste Brasiliens tief sein aber das spielt ueberhaupt keine Rolle. mehr...
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© DER SPIEGEL 19/2010
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