SPIEGEL: Herr Koch, ist Angela Merkel noch die richtige Kanzlerin?
SPIEGEL: Warum haben Sie dann in den vergangenen Wochen ihre mangelnde Entschlossenheit kritisiert?
Koch: Wenn Sie genau gelesen hätten, wäre Ihnen aufgefallen, dass ich die Führung der Koalition insgesamt gemeint habe, mich eingeschlossen. Es war unser gemeinsamer Fehler, nach der Bundestags- und vor der NRW-Wahl die Probleme möglichst behutsam anzugehen. Das Abwarten hat zu mehr Unruhe und Angst in der Öffentlichkeit und in der Koalition geführt als jede möglicherweise nötige, auch harte Entscheidung.
SPIEGEL: Jetzt haben die Wähler in NRW das Machtwort gesprochen.
Koch: Das ist in gewissem Umfang richtig.
SPIEGEL: Nun fehlt Ihnen aber die Mehrheit im Bundesrat, um die schwarz-gelben Projekte umzusetzen. Sie müssten einen neuen Koalitionsvertrag aushandeln.
Koch: Wir müssen jetzt einen Strich ziehen und den Bürgern klar sagen, was geht und was nicht. Wir dürfen keineswegs langsamer werden, sondern müssen das Tempo forcieren. Die Entscheidung der Bundeskanzlerin, die Steuersenkungen zu vertagen, ist ein wichtiger erster Schritt. FDP und CSU haben signalisiert, dass das alle verstanden haben.
SPIEGEL: Wie wollen Sie ohne Mehrheit im Bundesrat die Laufzeit der Atomkraftwerke verlängern oder eine Kopfpauschale im Gesundheitswesen durchsetzen?
Koch: Dass Gesetze in zustimmungsfreie und -pflichtige Teile gespalten werden, gehört seit 60 Jahren zum gesetzgeberischen Handwerk in dieser Republik. Da Rot-Grün den Ausstieg aus der Kernenergie seinerzeit ohne Zustimmung des Bundesrats durchgepaukt hat, werden wir auch Änderungen des Gesetzes auf dem gleichen Weg vollziehen dürfen. Aber das sind nicht die drängendsten Fragen.
SPIEGEL: Wir sind gespannt.
Koch: Die Schuldenbremse in der Verfassung zwingt uns dazu, die staatlichen Ausgaben in den nächsten Jahren dramatisch zurückzuführen. Es geht nicht mehr um die Frage, ob wir sparen, sondern wie wir sparen. Manche hegen offenbar noch die Illusion, sie könnten Ausgabepositionen finden, bei denen alle übereinstimmend der Auffassung sind, es könne locker ohne Widerspruch gespart werden. Das wird nicht gelingen.
SPIEGEL: Sie haben selbst Einschnitte bei der Kinderbetreuung und bei der Bildung vorgeschlagen - und damit einen Proteststurm in der eigenen Partei entfacht.
Koch: Ich habe offenbar das Privileg, Menschen aufregen zu können. Das nutze ich und sehe im Unterschied zu manchen Kollegen nicht meine Aufgabe darin, Aufregung zu vermeiden. Ich glaube nämlich vielmehr, dass wichtige demokratische Prozesse ohne Aufregung gar nicht in Gang kommen. Wir müssen in den nächsten Jahren 50 Milliarden Euro einsparen. Das ist eine gewaltige Größenordnung. Deshalb müssen wir raus aus den alten Fronten, bei denen jeder erst mal sagt, was nicht geht, jedenfalls nicht vor seiner Haustür und in seinem Politikfeld.
SPIEGEL: Sogar die Kanzlerin kritisiert Ihre Bemerkungen zur Bildung.
Koch: Der Bund hat es aber auch leichter, weil der Bildungsanteil am Haushalt minimal ist. Die Länder dagegen stecken 80 Prozent ihrer Etats in Bildung und Sicherheit.
SPIEGEL: Bildung und Kinderbetreuung sind Investitionen in die Zukunft. Bildungsministerin Annette Schavan hält es für eine Sünde, ausgerechnet hier mit dem Sparen anzufangen.
Koch: Was wäre wohl los gewesen, wenn ich zuerst über die rund 80 Milliarden Euro staatlichen Zuschüsse zur Rentenversicherung gesprochen hätte? Dann wären Vertreter der älteren Generation mit derselben Empörung über mich hergefallen wie jetzt die Bildungspolitiker. Natürlich hält jeder das eigene Anliegen für prioritär. Nur hat sich etwas verschoben. Früher bedeutete Priorität, dass ein Bereich mehr Geld bekam. Heute bedeutet Priorität, dass er beim Kürzen oder beim Kappen von Steigerungen besser behandelt wird. Wir dürfen nicht länger mehr ausgeben, als wir einnehmen. Das wäre ein Versündigen an der Zukunft.
SPIEGEL: Unterscheiden Sie doch mal bitte, welche die wichtigen und welche die weniger wichtigen Ausgaben sind.
Koch: In der Tat gehören Bildung und Kinderbetreuung zu den Feldern, in denen am wenigsten gespart werden kann. Aber gespart werden muss auch hier. Und das sage ich nicht theoretisch, sondern in der Verantwortung für meinen Haushalt.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Koch: Bund und Länder haben in besseren Zeiten verabredet, dass wir ab 2015 rund 13 Milliarden Euro jährlich mehr für Bildung ausgeben wollen. Für Hessen wären das 500 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr. Dieses Geld haben wir nicht, denn die Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um fünf Prozent eingebrochen. So schwer es fällt, wir werden das Zehn-Prozent-Ziel für Bildung verschieben müssen.
SPIEGEL: Haben Sie noch weitere Sparvorschläge - wo Sie gerade in Fahrt sind.
Koch: Bei der Arbeitslosenversicherung gibt der Bund zweistellige Milliardenbeiträge für Beschäftigungsmaßnahmen aus. Das kann man nicht ignorieren. Ich bin auch sehr dafür, dass wir bei den Subventionen kürzen, von den Steinkohlehilfen über die Zuschüsse für den öffentlichen Personen-Nahverkehr bis zu den Subventionen für die energieintensive Industrie. Und nichts wird ohne Ärger abgehen, denn Kürzungen beim Nahverkehr bedeuten höhere Fahrpreise oder ein geringeres Angebot. Nach mehr als einem Jahrzehnt Regierungserfahrung weiß ich: Das meiste Geld sparen Sie dadurch, dass Sie überall etwas sparen. Zu glauben, bei dieser Größenordnung kommt der Batzen aus einer einzigen Maßnahme, liegt abseits jeder Realität.
SPIEGEL: Das heißt Rasenmäher.
Koch: Ja, aber ein differenzierter Rasenmäher: einer, der die Blumenbeete stehen lässt. Vor vier Jahren haben wir das mit der sogenannten "Koch-Steinbrück-Liste" schon einmal geschafft. Was wir damals erreicht haben, entlastet den Staat noch heute um 8,5 Milliarden Euro jährlich. Ich habe keinen Zweifel, dass man da noch einmal zehn Prozent streichen kann.
SPIEGEL: Und wenn das alles nicht reicht, muss die Regierung am Ende doch die Steuern erhöhen.
Koch: Ich will keine Steuern erhöhen. Wir dürfen nicht die 13 Millionen Bundesbürger entmutigen, die heute 50 Prozent aller Steuern zahlen. Aber richtig ist auch: Wir können Steuererhöhungen nur vermeiden, wenn wir die staatlichen Ausgaben entsprechend den Vorgaben der Schuldenbremse senken.
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noch ein passender link: http://www.zeit.de/2010/03/DOS-Wo-das-Geld-geblieben-ist?page=1 mehr...
dazu gibts (angeblich) dieses zitat: "Wenn ich das Geld einer Nation kontrolliere, interessiert es mich nicht, wer die Gesetze macht" (C. Rothschild, USA 2007) das ganze wurde auch mal etwas im nachtsudio [...] mehr...
Der Beitrag hat einige Fehler. Es gibt in der Schweiz keinen gesetzlichen Kündigungsschutz, aber es gibt einen gewerkschaftlich ausgehandelten Kündigungschutz, der viel weitgehender ist als der gesetzliche deutsche. [...] mehr...
Betrachtet man alles einmal objektiv, so ist zu hinterfragen, ob es nicht am besten wäre an der EZB zu sparen? Wie ist das nun gemeint? Die EZB ist doch gut, gibt uns Lösungsvorschläge und hilft durch Hinweise, was man in der [...] mehr...
Die größten Posten sind Verteidigung und Verwaltung. Wir haben 16 Landesparlamente mit Abgeordneten, Ministern und Staatssekretären. Hinzu kommen Bezirke mit Landräten und Parlamentariern. In den letzten 30 Jahren gab es nur [...] mehr...
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