SPIEGEL: Sie glauben nicht an die so oft zitierte Attacke der Zocker, Glücksritter und Spekulanten?
Pöhl: Nein, das sind doch weit überwiegend ganz ehrenwerte Institutionen, also Banken, aber auch Versicherungen, Investment- und Pensionsfonds, die die Situation ausnutzen. Das ist doch ganz klar. Dafür ist der Markt doch da.
SPIEGEL: Wie bitte? Pensionsfonds sind dafür da, mit hochspekulativen Schuldtiteln zu spekulieren?
Pöhl: Nein, sie sind dafür da, das Geld ihrer Anleger möglichst sicher anzulegen. Und wenn sich die Bonität eines Schuldners verschlechtert, weil er über Jahre hinweg über seine Verhältnisse lebt, dann ist es völlig rational, dass diese Institutionen die Bonds abstoßen - gerade weil sie zu unsicher werden. Und dann kaufen sie andere Investoren, zu einem niedrigeren Preis. Die erhalten dann eine höhere Rendite - haben aber auch ein höheres Risiko. Das ist ganz normales Marktgeschehen.
SPIEGEL: Mit der Ausnahme, dass die Zocker jetzt eben gar kein Risiko tragen, weil die Euro-Länder sich entschlossen haben, für Griechenland zu bürgen.
Pöhl: Ja, und das ist schädlich. Da stimmt die Grundgleichung der Marktwirtschaft nicht mehr.
SPIEGEL: Kann es sein, dass die Politik den angeblichen Angriff der Spekulanten nur erfunden hat, um eine Legitimation für den Bruch des Lissabon-Vertrags und die EZB-Satzung zu haben?
Pöhl: Natürlich, das ist möglich. Es ist sogar plausibel.
SPIEGEL: Was sind die politischen Auswirkungen der Krise?
Pöhl: Der ganze Mechanismus der europäischen Gemeinschaft wird sich ändern. Die EU ist ja ein Staatenbund - und kein Bundesstaat. Jetzt jedoch wird die EU-Kommission sehr viel mehr Befugnisse und Macht erhalten, haushaltsrechtliche Eingriffsmöglichkeiten und Ähnliches. Das aber ist wiederum verfassungsrechtlich in Deutschland äußerst problematisch.
SPIEGEL: Aber eigentlich ist das doch eine gute Entwicklung. Es wurde ja immer kritisiert, dass vor der Einführung einer Gemeinschaftswährung eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik stehen müsste. Dem Ziel jedenfalls kommen wir einen Schritt näher.
Pöhl: Ja, das ist die logische Weiterentwicklung dieser Gemeinschaft, aber eben zu unseren Lasten. Sie müssen ja sehen, was uns Deutsche das alles kosten wird. Mir wäre es jedenfalls lieber gewesen, wenn es gar nicht so weit gekommen wäre.
SPIEGEL: Früher haben sich die Bundesbanker vehement gegen Eingriffe der Politik gewehrt, zum Beispiel als die Regierung auf die Goldvorräte zugreifen wollte. Jetzt geht es um weit schlimme-re Tabubrüche. Warum bleibt der Aufschrei aus?
Pöhl: Bundesbank-Präsident Axel Weber steckt in einer Zwickmühle. Er hat ja massiv vor so einer Entwicklung gewarnt, und er tut dies immer noch. Aber es ist natürlich schwer, dies gegen die politische Mehrheit zu tun...
SPIEGEL: ... zumal er EZB-Präsident werden will und deshalb auf die Politik angewiesen ist.
Pöhl: Das spielt vielleicht auch eine Rolle.
SPIEGEL: Im Vorfeld der deutsch-deutschen Währungsunion im Jahre 1990 wurde der Satz geprägt: Was ökonomisch falsch ist, kann politisch nicht richtig sein. Ist das Rettungsprogramm für die schwächelnden Euro-Staaten sinnvoll?
Pöhl: Das kommt darauf an, was Sie erreichen wollen. Wenn es lediglich darum geht, die Märkte kurzfristig zu beruhigen, dann ja. Aber das kann ja nicht der einzige Grund sein.
SPIEGEL: Sie meinen, die Nebenwirkungen sind zu groß?
Pöhl: Auf alle Fälle. Stellen Sie sich doch nur mal vor, wir würden in Anspruch genommen. Deutschland müsste zig Milliarden zahlen, das ist doch fürchterlich. Und es kann dazu führen, dass der Euro zu einer Schwachwährung wird.
SPIEGEL: Wenn Sie heute noch Bundesbank-Präsident wären, würden Sie dann wieder D-Mark drucken lassen, sozusagen auf Vorrat für den - unwahrscheinlichen - Notfall?
Pöhl: Nein, nein, so weit sind wir noch nicht. Der Euro ist in meinen Augen nicht gefährdet. Vielleicht muss das eine oder andere kleinere Land ausscheiden aus dem Pakt...
SPIEGEL: Wie soll das gehen?
Pöhl: Indem Griechenland, um bei diesem Fall zu bleiben, beispielsweise die Drachme wieder einführt.
SPIEGEL: Daran aber hat das Land kein Interesse, und zum Ausscheiden zwingen kann man es laut den Europäischen Verträgen nicht.
Pöhl: Das ist richtig. Solange ein Land so massiv gestützt wird, hat es natürlich kein Interesse daran.
SPIEGEL: Sie meinen, das könnte sich ändern?
Pöhl: Ich würde das mittel- oder langfristig nicht ausschließen.
Das Interview führte Wolfgang Reuter
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Meine Bank möchte oder kann mein Geld nicht auszahlen? Das ist doch dann eher ein Versagen der Bank, denn der Politik, oder? Meine Bank hat mein Geld jederzeit auszuzahlen, ansonsten nehme ich den Strick mit. Daß meine Bank [...] mehr...
Bloß nicht! So verblödet und uninformiert, wie große Teile der Bevölkerung sind, sind Volksbegehren viel zu riskant. Beispiel "Spekulationssteuer" - Ich zitiere mal der Einfachheit halber: "Die Politiker [...] mehr...
[/QUOTE] Sie klingen nicht "zu rot", sondern sehr vernünftig. Soweit kommt's noch, daß Sie sich dafür auch noch entschuldigen müssen. Lassen Sie sich nicht einschüchtern vom neoliberalen Zeitgeist - der hat [...] mehr...
Dass die grossen Konzerne alle Vorteile der EU abschöpfen (Bsp. gezwungene Waffendeals mit Griechenland und Spanien auf Basis des EU-Rechts) und die Bürger nichts davon sehen, ist doch viel eher das Problem. Ich glaube die SPD [...] mehr...
........ Das war in der Tat ein Fehler, aber die Alternative, die West-DM mitsamt aller Vermögen zu halbieren und die Ost-DM dementsprechend anzuheben, hätte in der BRD erst recht einen Sturm der Entrüstung herbeigeführt, so [...] mehr...
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