SPIEGEL: Man nannte Sie den Mann aus Glas, weil Sie so oft verletzt waren, in Spanien sollen Sie in zwei Jahren allein neun Muskelverletzungen erlitten haben. Hatten Sie in München bisher nur Glück?
Robben: Da haben die Zeitungen in Spanien mal wieder übertrieben. Aber es stimmt schon, ich war häufig verletzt, und es gibt einen Grund: Das ist mein Körper. Gut, manches war einfach Pech, ein Mittelfußbruch, die Knieverletzung. Aber die vielen Muskelverletzungen dürfen nicht sein, das ist mein Schwachpunkt. Ich denke, wir haben jetzt zusammen mit dem Teamarzt Doktor Müller-Wohlfahrt die Lösung gefunden: die richtige Behandlung durch die Physiotherapeuten.
SPIEGEL: Es heißt, Sie arbeiten mit einem Osteopathen aus Limburg zusammen, den Sie selbst bezahlen. Was macht der?
Robben: Er heißt Hub Westhovens, in Absprache mit dem Mannschaftsarzt und den Physiotherapeuten ziehe ich ihn alle drei, vier Wochen hinzu. Seine Spezialität ist es, alle Gelenke frei zu machen. Es dürfen keine Störungen im Körper sein. Wenn es im Rücken zum Beispiel eine Fehlstellung gibt, dann leidet die Muskulatur. Diese Behandlung ist sehr wichtig für mich. Aber ich kann machen, was ich will, der Ruf holt mich immer wieder ein. Sobald ich mal ein Spiel aussetzen muss, heißt es: Er ist wieder verletzt.
SPIEGEL: Woher haben Sie Ihre Körperbeherrschung, die es Ihnen erlaubt, bei höchstem Tempo immer den Ball und den Gegner zu kontrollieren?
Robben: Früher habe ich mal geturnt. Aber ich weiß nicht, ob es daran liegt. Ich denke, es ist die Natur. Talent plus Training. Schon als Kind hatte ich immer einen Ball am Fuß.
SPIEGEL: Das moderne Fußballspiel wird immer mehr systematisiert und reglementiert, ganze Mannschaftsteile verschieben sich wie nach Choreografien, Spielzüge werden am Computer berechnet. Über Sieg und Niederlage entscheiden aber zunehmend Individualisten wie Sie, Ribéry oder Lionel Messi - Anarchisten also, die sich über alle Regeln hinwegsetzen. Ist das die Ironie des Fußballs?
Robben: Es ist kein Widerspruch. Die Menschen sind verschieden, und wenn Sie Franck oder mir verbieten, unsere individuellen Qualitäten auszuspielen, können Sie gleich andere aufstellen. Wichtig ist aber, dass trotzdem die Ordnung stimmt. Auch Franck und ich müssen unsere defensiven Aufgaben erledigen. Das ist nicht unsere größte Stärke, aber wir müssen es versuchen. Ich kann nicht jedes Mal, wenn mein Gegenspieler nach vorn rennt, zu unserem Außenverteidiger rufen: Da kommt er wieder, lös du das Problem, ich bleib hier vorn!
SPIEGEL: Ihr Teamkamerad Miroslav Klose machte allerdings darauf aufmerksam, dass andere für Bayerns Solisten die Drecksarbeit machen. Schafft Ihr Spiel eine Zweiklassengesellschaft?
Robben: Ob es Probleme gibt, hängt immer von den Persönlichkeiten ab. Wir haben in der Mannschaft nur gute Charaktere. Alle sind gleichberechtigt, es können sich nicht die einen mehr erlauben als die anderen. Der eine schießt Tore, der andere erobert die Bälle, im Mittelfeld kämpfen sie, das ist alles gleich viel wert. Auch ich bin selbstkritisch. Ich muss lernen, immer die richtige Wahl zu treffen. Manchmal schieße ich und hätte besser abspielen sollen. Das muss ich erkennen. Der Trainer spricht oft mit mir darüber, es ist schon besser geworden.
SPIEGEL: Als Sie nach Ihrer Auswechslung gegen Lyon grollend am Trainer vorbei stampften, stellte Sie van Gaal noch am Spielfeldrand zur Rede. Sind Sie zu egoistisch?
Robben: Van Gaal war sauer und hatte vollkommen recht. Alle hatten meine Reaktion gesehen, das Publikum, die Fernsehzuschauer. Damit stelle ich den Trainer bloß. Das kann man nicht machen. Ich dachte halt, ich könnte noch ein Tor schießen. Es war das Halbfinale, wir führten 1:0 und hatten schon wieder viel Raum in den letzten Minuten. Ich dachte, wir könnten das an diesem Abend im Hinspiel bereits fertigmachen. Ich denke das immer noch, aber man hätte das in der Kabine besprechen müssen.
SPIEGEL: Van Gaal lehrt Disziplin in allen Lebenslagen. Jeder muss seine Position kennen, auf dem Platz und bei Tisch. Sie kennen ihn seit Jugendzeiten, war er immer so?
Robben: Ich habe bei der U-20-Weltmeisterschaft mit ihm zusammengearbeitet. Da waren Rafael van der Vaart dabei, Klaas Jan Huntelaar. Eine schöne Erfahrung für uns junge Spieler. Alle waren ganz ruhig, trauten sich nicht, etwas zu sagen.
SPIEGEL: Bei Chelsea haben Sie mit José Mourinho zusammengearbeitet, dem Trainer Ihres Finalgegners Inter Mailand. Wie schafft er es immer wieder, mit allerlei Verschwörungstheorien seinen Teams diese Wagenburgmentalität zu vermitteln?
Robben: Er ist sehr speziell, und er hält ja auch seine ganz eigenen Pressekonferenzen ab. Da passiert immer etwas. So nimmt er den Druck und die Aufmerksamkeit von der Mannschaft, das macht er geschickt. Er kann eine Mannschaft sehr gut stimulieren, dass daraus eine Kampfmaschine wird. Mourinho macht eine überragende Spielvorbereitung, da kann die Besprechung schon mal länger dauern. Sein taktischer Plan ist immer gut. Bei Chelsea haben wir zusammen alles gewonnen, Carling Cup, FA Cup, Super-Cup, zweimal die Meisterschaft. Nur die Champions League nicht.
SPIEGEL: Sie könnten dieses Jahr nach der Champions League auch noch mit Holland die Weltmeisterschaft gewinnen. Dann hätten Sie mit 26 Jahren schon alles im Fußball erreicht. Was käme dann?
Robben: Ich habe meiner Mutter versprochen: Dann höre ich auf. Sie freut sich.
SPIEGEL: Das meinen Sie nicht ernst.
Robben: Nein. Aber es ist schon so: Die Fußballwelt ist nicht immer nur schön. Man ist dauernd in Hotels, seit meinem 18. Lebensjahr bin ich aus meinem Heimatort Bedum weg. Mit 16 gab ich mein Profidebüt, mit 18 war ich schon beim PSV Eindhoven, nach nur zwei Jahren bei Chelsea. Es geht alles so schnell; andererseits kann ich stolz sein: In vier verschiedenen Ländern Meister geworden, wer kann das schon von sich behaupten?
SPIEGEL: Herr Robben, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Redakteur Jörg Kramer
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