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Ausgabe 21/2010
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Jugend Verlust der Phantasie

Pornos für die Jugend: Verlust der Phantasie
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4. Teil: Seit den achtziger Jahren ist das Alter des ersten Geschlechtsverkehrs im Durchschnitt nahezu konstant

Bosinski und seine Kieler Kollegen gehen davon aus, dass jeder Mensch, auch vor der Pubertät schon, ein vorangelegtes sexuelles Muster in sich trägt, das von Pornos nicht grundlegend verändert werden kann. In diesem Muster stehe wahrscheinlich, ob ein Mensch auf Mädchen oder auf Jungen stehe, ob ihn Gewalt sexuell errege, "alles bereits da", sagt Bosinski, vielleicht schon von Geburt an. "Pornos werden uns da nicht umpolen."

Er schiebt eine Studie über den Tisch. "Hier haben wir es doch", sagt er und zeigt auf die Balken einer Grafik, "seit den achtziger Jahren ist das Alter des ersten Geschlechtsverkehrs im Durchschnitt nahezu konstant." Die Jungen haben ein bisschen aufgeholt, aber was bleibt, ist: Irgendwo zwischen 16 und 17 Jahren hat die Hälfte aller Jugendlichen den ersten Geschlechtsverkehr. Früh ist etwas anderes.

Bosinski horcht seinen Worten kurz hinterher, sie klingen beruhigend in einer Diskussion, die den Eindruck vermittelt, als hätte die Normalität längst gegen die Bildermacht des Internets verloren. Bosinski sagt: "Dass Jugendliche sexuell verrohen, lässt sich bisher nicht bestätigen." Allerdings sei nicht auszuschließen, dass früher und intensiver Pornokonsum das Bild von Sexualität und Partnerschaft verzerre.

Wie steht es also heute um die Jugend und ihren Sex?

62 Prozent der Mädchen und 40 Prozent der Jungen geben laut "'Bravo'-Dr.-Sommer-Studie" an, dass Sex ohne Liebe für sie nicht in Frage komme. Fremdgehen ist für die meisten keine Option, Treue und Liebe ist ihnen zu wichtig. Mädchen leiden bei Liebeskummer rund 48 Tage, Jungs geben 30 Tage an. 70 Prozent der 11- bis 13-Jährigen sagen, Sex sei für sie noch kein Thema, auch mehr als ein Drittel der 14- bis 17-Jährigen fühlt sich für Sex zu jung. Dennoch gehört Pornografie für viele Jugendliche zum Alltag wie Musik oder Sport. Sie schauen allein, mit Freunden, zur Selbstbefriedigung oder nur zur Belustigung.

"Ich kann da sehen, wie die das machen"

Auf die Frage "Hast du schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht?" antwortete jedes zweite Mädchen unter 18 Jahren mit ja. Wahrscheinlich wächst der Druck zu funktionieren oder zumindest so zu tun, als funktionierte man.

Wie fühlt es sich an, wenn du pornografische Bilder oder Filme siehst?

"Ich fühle nichts dabei. Es ist egal, es ist nur ein Film", sagt Mara.

"Ich weiß, dass es Jungs gibt, die es machen, um sich zu befriedigen", sagt Paul.

Glaubst du, dass die Männer und Frauen im Porno auch Vorbilder sein können?

"Für mich sind sie keine Vorbilder. Für andere sicher schon, weil sie sich etwas trauen und es so offen zugeht. Es gibt da keine Hemmungen, das beeindruckt sicher viele", sagt Mara.

"Nein", sagt Paul.

Glaubst du, dass pornografische Bilder oder Filme Einfluss haben auf dein Sexualverhalten?

"Ja, zum Teil. Ich kann da sehen, wie die das machen. Da schaut man sich als Mädchen schon mal etwas ab. Ich versuche dann, das umzusetzen. Wenn ich ein Paar unter der Dusche sehe, denke ich mir schon, wie das wäre", sagt Mara.

"Ja, weil ich mir Sexpraktiken abgucken kann und weil es meine Phantasie anregt", sagt Paul.

Und was ist mit Jugendlichen, die keine gesunde Sozialisation haben, wie Melanie aus Neukölln? Oder mit denen, die eine abweichende sexuelle Vorprägung haben? Für sie kann Konsum von Pornografie tatsächlich zur Gefahr werden, weil es ihnen nicht gelingt, eine Illusion von der Wirklichkeit zu unterscheiden.

Der 15-jährige Junge, der drei Frauen geschwängert hat; das elfjährige Mädchen, das denkt, es sei hässlich, weil es noch nie Sex hatte; Melanie, das Mädchen, das schon mit neun Jahren anfing, Pornos zu sehen, und nun Sex hat nur zum Zeitvertreib - vielleicht haben die Bilder ihr Sexualverhalten gestört.

Die meisten Jugendlichen wissen hingegen, was sie sich "an Bildern und Inhalten zumuten möchten und was nicht", das ergab eine Untersuchung an Potsdamer Schulen.

Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung belegt, dass die Mehrzahl der Jungen und Mädchen den ersten Sex in festen Beziehungen erlebt. Bei den Jungs ist die Zahl derer, die in flüchtigen Bekanntschaften ihr erstes Mal haben, in den vergangenen Jahren sogar gesunken.

"Vielleicht gibt es das Zeitalter Porno, mehr nicht"

"Sexualität", sagt Bosinski, der Sexualmediziner, "hat ja nicht nur etwas mit Triebabfuhr zu tun, sondern ganz viel mit dem Wunsch nach Nähe, einer Sehnsucht nach Hautkontakt." Es gehe vor allem darum, jemanden erleben, erfahren, erschmecken zu wollen, sagt er. Das können einem Pornos nicht geben und Hardcore-Sex auch nicht. "Das Liebesuchen, das Zuwendungbrauchen, das hat sich durch Pornografie nicht geändert."

Vor ein paar Wochen feierten Mara und Paul ihr Zweijähriges, auf ihren Online-Profilen steht "Italo-Latina ist Partner von 1Tyrone1".

Im Internet verliebt, an der Weltzeituhr getroffen, erster Kuss vor der Tür, erste Liebe, erste Krise. Wie das alles klingt? Durchschnittlich.

Und die Generation Porno? Gibt es die nun?

"Nein. Vielleicht gibt es das Zeitalter Porno, mehr nicht", sagt Michael Niggel, der Sozialpädagoge in München.

"Davon kann überhaupt nicht die Rede sein", sagt Hartmut Bosinski, der Sexualmediziner, "die Wahrnehmung des undifferenzierten Herummachens ist durch nichts gestützt."

"Abwarten", sagt Andreas Hill, "es ist noch zu früh, um zu sagen, welche Auswirkungen es langfristig haben wird."

Im Berliner Einkaufszentrum hat Mara oben im Starbucks ihren Kakao ausgetrunken, Paul seinen Tee unten im Einkaufszentrum. Paul hat am Abend, um null Uhr, Geburtstag, er wird 19 Jahre alt.

Bevor Mara aufsteht, sagt sie noch, dass sie durch Paul gelernt habe, nicht mehr so eifersüchtig zu sein, und dass Jungs eben nicht über ihre Gefühle redeten. Sie sagt, sie vermisse die alten Zeiten an manchen Tagen, den Zauber der ersten Monate, in denen Paul Mara noch kleine Briefe schrieb, in denen er sie jeden Tag anrief, aber sie fühle sich geliebt, trotz allem.

Sie nimmt ihre Tasche, sortiert ihre Haare, wirft einen schnellen Blick auf das Handy. Hat Paul sich in der Zwischenzeit vielleicht schon gemeldet?

Sie wissen jetzt, dass Krisen normal sind in einer realen Beziehung, dass es Wahnsinnsgefühle gibt, aber auch Langeweile und Alltag. Sie wissen, dass es den perfekten Sex nur auf Pornoseiten gibt.

"Ich kann gar nicht mehr ohne sie sein", sagt Paul. "Ich habe mich daran gewöhnt, dass er ist, wie er ist", sagt Mara. So ist, in jeweils einem Satz, ihre Beziehung.

Eigentlich normal.

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insgesamt 266 Beiträge
takeo_ischi 20.05.2010
Wenn man das so schreibt verkennt man das eigentliche Problem. Es ist nicht die Verfügbarkeit von Schmuddelschmodder, die unsere Kinder abstumpft. Auch wir hatten früher als angehende Teenager immer Pornos zur freien Verfügung [...]
Zitat von sysopPornos aus dem Internet: ständig verfügbar, oft kostenlos, Reize in bisher nie gekannter Masse. Eine kaum zu kontrollierende Informationsfülle, vor deren Auswirkungen speziell auf Jugendliche viele Kritiker seit langem warnen. Stumpfen Teenager durch die Internet-Pornos ab?
Wenn man das so schreibt verkennt man das eigentliche Problem. Es ist nicht die Verfügbarkeit von Schmuddelschmodder, die unsere Kinder abstumpft. Auch wir hatten früher als angehende Teenager immer Pornos zur freien Verfügung (Sammlungen älterer Geschwister/Väter als Magazin oder Tape), nur hatten wir damals auch noch andere Perspektiven als von der Schule ab ins Hartz. Diese Ohnmacht die eigene Zukunft betreffend lässt Menschen abstumpfen und nach Ventilen zum Frustabbau suchen. Diese Ventile sind eben Süchte nach Alk/Drogen, Porno oder Gewalt. Dazu kommt dann die Gruppendynamik. Mit einem Pornoverbot (,dass eh nicht durchsetzbar wäre) löst man dieses spätkapitalistische Grundproblem der berechtigten Zukunftsängste bestimmt nicht.
Websingularität 20.05.2010
Warum ist dabei immer von Teenagern die Rede? Sind Teenager etwa die einzigen Pornokonsumenten? In Internet-Pornos sind vielleicht zunehmend Teenager zu sehen, da meistens Amateur-Filme. Das ist auch keine tolle Entwicklung. [...]
Zitat von sysopPornos aus dem Internet: ständig verfügbar, oft kostenlos, Reize in bisher nie gekannter Masse. Eine kaum zu kontrollierende Informationsfülle, vor deren Auswirkungen speziell auf Jugendliche viele Kritiker seit langem warnen. Stumpfen Teenager durch die Internet-Pornos ab?
Warum ist dabei immer von Teenagern die Rede? Sind Teenager etwa die einzigen Pornokonsumenten? In Internet-Pornos sind vielleicht zunehmend Teenager zu sehen, da meistens Amateur-Filme. Das ist auch keine tolle Entwicklung. Vorallem junge Mädchen, die Kaliber wegstecken, mehr als ihnen gut tut. Es sind diese grassen, sehr deutlichen Extreme die da gezeigt werden. Wer würde da nicht abstumpfen? Ich finde es auch bedauerlich, welche geistige Entwicklung die westliche Welt genommen hat. Manchmal hat man den Verdacht, die "westliche Freiheit" besteht im Ausleben von Exzessen. Fressen in Exzessen, das ist der Sinn des Lebens. Besonders bei der Jugend, der außer Porno höchstend noch Alkohol in den Sinn kommt. Das alles erinnert eher an die Dekadenz und Untergang Roms. Allenvoran die USA mit ihrer maßlosen Pornoindustrie. Bitte nicht falsch verstehen! Ich habe nicht's gegen Pornos, aber alles in Maßen.
Websingularität 20.05.2010
Ähm, sorry! Ich meinte, diese "krassen" Extreme. Schreibt man das mit 'g' oder mit 'k'? Ist "krass" überhaupt ein richtiges Wort? Nochmals Sorry, für meine schlechte Rechtschreibung. Ist aber auch blöd, [...]
Zitat von WebsingularitätEs sind diese grassen, sehr deutlichen Extreme die da gezeigt werden.
Ähm, sorry! Ich meinte, diese "krassen" Extreme. Schreibt man das mit 'g' oder mit 'k'? Ist "krass" überhaupt ein richtiges Wort? Nochmals Sorry, für meine schlechte Rechtschreibung. Ist aber auch blöd, dass man seine Beiträge nachträglich nicht mehr korrigieren kann.
Sehr guter Beitrag!!! Treffender könnte ich es nicht formulieren. Die Menschen bemerken nicht, dass wir - unsere Gesellschaft - nach dem starken Rechtsausschlag des Kai Diekmann'schen Pendelds durch die Nazis und dem darauf [...]
Zitat von takeo_ischiWenn man das so schreibt verkennt man das eigentliche Problem. Es ist nicht die Verfügbarkeit von Schmuddelschmodder, die unsere Kinder abstumpft. Auch wir hatten früher als angehende Teenager immer Pornos zur freien Verfügung (Sammlungen älterer Geschwister/Väter als Magazin oder Tape), nur hatten wir damals auch noch andere Perspektiven als von der Schule ab ins Hartz. Diese Ohnmacht die eigene Zukunft betreffend lässt Menschen abstumpfen und nach Ventilen zum Frustabbau suchen. Diese Ventile sind eben Süchte nach Alk/Drogen, Porno oder Gewalt. Dazu kommt dann die Gruppendynamik. Mit einem Pornoverbot (,dass eh nicht durchsetzbar wäre) löst man dieses spätkapitalistische Grundproblem der berechtigten Zukunftsängste bestimmt nicht.
Sehr guter Beitrag!!! Treffender könnte ich es nicht formulieren. Die Menschen bemerken nicht, dass wir - unsere Gesellschaft - nach dem starken Rechtsausschlag des Kai Diekmann'schen Pendelds durch die Nazis und dem darauf folgenden starken Linksausschlag des Kai Diekmann'schen Pendels durch die Gutmenschen uns erneut und bereits mitten in einem starken Rechtsausschlag des Kai Diekmann'schen Pendels befinden.
roadcrew 22.05.2010
In der Wissenschaft reduziert man ja ein Problem oft so lange, bis es lösbar wird. Das Problem bei der Reduktion der Komplexität ist, dass schnell falsch reduziert wird. Genauso das Phänomen kann man in der Fragestellung [...]
In der Wissenschaft reduziert man ja ein Problem oft so lange, bis es lösbar wird. Das Problem bei der Reduktion der Komplexität ist, dass schnell falsch reduziert wird. Genauso das Phänomen kann man in der Fragestellung trefflich beobachten. Wir bemerken: Jugendliche stumpfen ab. Und fragen uns, ob das an Internet-Pornos liegt. Das ist entschieden zu sehr reduziert. Etliche Zwischenstufen wurden ausgelassen. * Zunächst ist es einfach so, dass der Nachwuchs irgendwann Sexualität kennenlernen darf/soll/muss. Im Gegensatz zu meiner Jugendzeit (80er Jahre) ist schon die banale Umwelt mit sexuellen Symbolen überladen. Guckt bloß die normalen Web-Portalen an. Halbnackte, aber massiv geschönte Körper Brüste quellen, Muskeln schwellen. Sex sells. * Die Pubertät ist überdies eine Phase der Wegfindung. Des Protzens, der Gockelei. Normal ist uncool, hart ist herrlich. Der Bub, der vorsichtig die Welt erforscht, ist ein Waschlappen, das Mädel, das eher vorschlossen ist, ein scheues Reh. ** Mischt man beides, so folgt über neue Technik Internet schnell der Griff in die Pornokiste. Normal ist uncool, was reizen also die posierten Räkeleien von Models? Härte ist gefragt. Ergo Porno. Es entsteh eine Jugendgesellschaft, die total oversexed und underfucked ist. Denn die Lümmel können ja oft der Stand der Dinge nicht halten, die Maiden sind nicht so willenlos, wie vorgegeben. * Der Stand der Dinge... genau, der schon ewähnten Jammerlappen Dieckmann, Kai, fällt mir ein. Der und seine Schnecke Dr. Katja Kessler haben ja in der BILD-ungsferne diese Nackedeitexte auf Seite 1 hoffähig gemacht (quellene Brüste!). Das sollte Humor zeigen. Wie humorlos der Kai aber ist, zeigte sich, als ihm die TAZ eine Penisverlängerung andichtete. Da musste Kai gleich vor Gericht weinen... Das ist ein ideales Beispiel für ein gespaltenes Verhältnis zur Sexualität. Da stellt das nackte Mädchen (23, Studentin) in dümmlich gekesslerten Texten Feuchtigkeit im Paterre fest und hofft, dass der Klempner bald kommt, um ein Rohr zu verlegen. Aber kaum wird dem Kai das Rohr verlängert, klagt der. Da sollen Jugendliche noch normal aufwachsen?? *** Das gesamte hartherzige gesellschaftliche Umfeld wird in der pornofixierten Betrachtung der Jugend ebenfalls außen vor gelassen. Und wieder taugt der BILDerbuch Verlag, Springer, als idealtypisches Beispiel. Mit der Grünen Post wollte der Verlag reüssieren. Dabei störte freilich von vornherein die Idee eines Mindestlohnes im Postsektor. Dagegen kämpfte der Axel-Springer-Wiedergänger Matthias Döpfner mit allen Mitteln. Der Typ wollte, dass seine Breifträger noch Almosen bei der Arbeitsagentur abholen sollten, um überleben zu können. Die Gehälter der Chefetage waren davon nicht betroffen. Aber den Lohn anderer wollte er in die Würdelosigkeit drücken. Und damit ein Geschäftsmodell erzeugen, dass auf Kosten der Allgemeinheit nach oben Gewinn abwerfen sollte. Darf ich das assozial nennen? Das ist eiskalte Härte. In so einer Umwelt werden Jugendliche groß. Härte zählt, Würdelosigkeit, Unterdrückung, kalte Dominanz, Ausbeutung. Das nehmen sie auf, das kriegen sie zu spüren. Porno? Ist doch bloß die Spitze des Eisberges an gesellschaftlicher Kälte, den Erwachsene vor der Jugend auftürmen - und noch dran verdienen!.
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