Von Barbara Hardinghaus und Dialika Krahe
Bosinski und seine Kieler Kollegen gehen davon aus, dass jeder Mensch, auch vor der Pubertät schon, ein vorangelegtes sexuelles Muster in sich trägt, das von Pornos nicht grundlegend verändert werden kann. In diesem Muster stehe wahrscheinlich, ob ein Mensch auf Mädchen oder auf Jungen stehe, ob ihn Gewalt sexuell errege, "alles bereits da", sagt Bosinski, vielleicht schon von Geburt an. "Pornos werden uns da nicht umpolen."
Er schiebt eine Studie über den Tisch. "Hier haben wir es doch", sagt er und zeigt auf die Balken einer Grafik, "seit den achtziger Jahren ist das Alter des ersten Geschlechtsverkehrs im Durchschnitt nahezu konstant." Die Jungen haben ein bisschen aufgeholt, aber was bleibt, ist: Irgendwo zwischen 16 und 17 Jahren hat die Hälfte aller Jugendlichen den ersten Geschlechtsverkehr. Früh ist etwas anderes.
Bosinski horcht seinen Worten kurz hinterher, sie klingen beruhigend in einer Diskussion, die den Eindruck vermittelt, als hätte die Normalität längst gegen die Bildermacht des Internets verloren. Bosinski sagt: "Dass Jugendliche sexuell verrohen, lässt sich bisher nicht bestätigen." Allerdings sei nicht auszuschließen, dass früher und intensiver Pornokonsum das Bild von Sexualität und Partnerschaft verzerre.
Wie steht es also heute um die Jugend und ihren Sex?
62 Prozent der Mädchen und 40 Prozent der Jungen geben laut "'Bravo'-Dr.-Sommer-Studie" an, dass Sex ohne Liebe für sie nicht in Frage komme. Fremdgehen ist für die meisten keine Option, Treue und Liebe ist ihnen zu wichtig. Mädchen leiden bei Liebeskummer rund 48 Tage, Jungs geben 30 Tage an. 70 Prozent der 11- bis 13-Jährigen sagen, Sex sei für sie noch kein Thema, auch mehr als ein Drittel der 14- bis 17-Jährigen fühlt sich für Sex zu jung. Dennoch gehört Pornografie für viele Jugendliche zum Alltag wie Musik oder Sport. Sie schauen allein, mit Freunden, zur Selbstbefriedigung oder nur zur Belustigung.
"Ich kann da sehen, wie die das machen"
Auf die Frage "Hast du schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht?" antwortete jedes zweite Mädchen unter 18 Jahren mit ja. Wahrscheinlich wächst der Druck zu funktionieren oder zumindest so zu tun, als funktionierte man.
Wie fühlt es sich an, wenn du pornografische Bilder oder Filme siehst?
"Ich fühle nichts dabei. Es ist egal, es ist nur ein Film", sagt Mara.
"Ich weiß, dass es Jungs gibt, die es machen, um sich zu befriedigen", sagt Paul.
Glaubst du, dass die Männer und Frauen im Porno auch Vorbilder sein können?
"Für mich sind sie keine Vorbilder. Für andere sicher schon, weil sie sich etwas trauen und es so offen zugeht. Es gibt da keine Hemmungen, das beeindruckt sicher viele", sagt Mara.
"Nein", sagt Paul.
Glaubst du, dass pornografische Bilder oder Filme Einfluss haben auf dein Sexualverhalten?
"Ja, zum Teil. Ich kann da sehen, wie die das machen. Da schaut man sich als Mädchen schon mal etwas ab. Ich versuche dann, das umzusetzen. Wenn ich ein Paar unter der Dusche sehe, denke ich mir schon, wie das wäre", sagt Mara.
"Ja, weil ich mir Sexpraktiken abgucken kann und weil es meine Phantasie anregt", sagt Paul.
Und was ist mit Jugendlichen, die keine gesunde Sozialisation haben, wie Melanie aus Neukölln? Oder mit denen, die eine abweichende sexuelle Vorprägung haben? Für sie kann Konsum von Pornografie tatsächlich zur Gefahr werden, weil es ihnen nicht gelingt, eine Illusion von der Wirklichkeit zu unterscheiden.
Der 15-jährige Junge, der drei Frauen geschwängert hat; das elfjährige Mädchen, das denkt, es sei hässlich, weil es noch nie Sex hatte; Melanie, das Mädchen, das schon mit neun Jahren anfing, Pornos zu sehen, und nun Sex hat nur zum Zeitvertreib - vielleicht haben die Bilder ihr Sexualverhalten gestört.
Die meisten Jugendlichen wissen hingegen, was sie sich "an Bildern und Inhalten zumuten möchten und was nicht", das ergab eine Untersuchung an Potsdamer Schulen.
Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung belegt, dass die Mehrzahl der Jungen und Mädchen den ersten Sex in festen Beziehungen erlebt. Bei den Jungs ist die Zahl derer, die in flüchtigen Bekanntschaften ihr erstes Mal haben, in den vergangenen Jahren sogar gesunken.
"Vielleicht gibt es das Zeitalter Porno, mehr nicht"
"Sexualität", sagt Bosinski, der Sexualmediziner, "hat ja nicht nur etwas mit Triebabfuhr zu tun, sondern ganz viel mit dem Wunsch nach Nähe, einer Sehnsucht nach Hautkontakt." Es gehe vor allem darum, jemanden erleben, erfahren, erschmecken zu wollen, sagt er. Das können einem Pornos nicht geben und Hardcore-Sex auch nicht. "Das Liebesuchen, das Zuwendungbrauchen, das hat sich durch Pornografie nicht geändert."
Vor ein paar Wochen feierten Mara und Paul ihr Zweijähriges, auf ihren Online-Profilen steht "Italo-Latina ist Partner von 1Tyrone1".
Im Internet verliebt, an der Weltzeituhr getroffen, erster Kuss vor der Tür, erste Liebe, erste Krise. Wie das alles klingt? Durchschnittlich.
Und die Generation Porno? Gibt es die nun?
"Nein. Vielleicht gibt es das Zeitalter Porno, mehr nicht", sagt Michael Niggel, der Sozialpädagoge in München.
"Davon kann überhaupt nicht die Rede sein", sagt Hartmut Bosinski, der Sexualmediziner, "die Wahrnehmung des undifferenzierten Herummachens ist durch nichts gestützt."
"Abwarten", sagt Andreas Hill, "es ist noch zu früh, um zu sagen, welche Auswirkungen es langfristig haben wird."
Im Berliner Einkaufszentrum hat Mara oben im Starbucks ihren Kakao ausgetrunken, Paul seinen Tee unten im Einkaufszentrum. Paul hat am Abend, um null Uhr, Geburtstag, er wird 19 Jahre alt.
Bevor Mara aufsteht, sagt sie noch, dass sie durch Paul gelernt habe, nicht mehr so eifersüchtig zu sein, und dass Jungs eben nicht über ihre Gefühle redeten. Sie sagt, sie vermisse die alten Zeiten an manchen Tagen, den Zauber der ersten Monate, in denen Paul Mara noch kleine Briefe schrieb, in denen er sie jeden Tag anrief, aber sie fühle sich geliebt, trotz allem.
Sie nimmt ihre Tasche, sortiert ihre Haare, wirft einen schnellen Blick auf das Handy. Hat Paul sich in der Zwischenzeit vielleicht schon gemeldet?
Sie wissen jetzt, dass Krisen normal sind in einer realen Beziehung, dass es Wahnsinnsgefühle gibt, aber auch Langeweile und Alltag. Sie wissen, dass es den perfekten Sex nur auf Pornoseiten gibt.
"Ich kann gar nicht mehr ohne sie sein", sagt Paul. "Ich habe mich daran gewöhnt, dass er ist, wie er ist", sagt Mara. So ist, in jeweils einem Satz, ihre Beziehung.
Eigentlich normal.
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