Von Julia Koch
Die Rassen machten dann eher Karriere als vierbeiniges Accessoire für Individualisten: Anfang der achtziger Jahre wurde in der TWH-Zucht der letzte wahrhaftige Wolf mit einem Schäferhund gepaart, heutige Welpen sind mitunter gerade mal sechs oder sieben Generationen vom wilden Verwandten entfernt. Bei vielen Jagdhundrassen dürften es dagegen mehr als 500 Generationen sein.
"Manche Leute wollen so einen Hund nur wegen der Optik", berichtet TWH-Züchter Michael Eichhorn, "außerdem gelten die Tiere als unabhängig und schwer zu zähmen, sie haben eine dunkle, mysteriöse Aura - genau so wollen einige Halter selbst gern sein."
Wer sich aus reiner Romantik einen TWH ins Haus holt, sollte indes nicht allzu sehr an seiner Einrichtung hängen. "Diese Tiere sind viel erfinderischer als normale Hunde", berichtet Hundetrainer Bloch, "sie können hoch springen und sogar klettern, machen Fenster und Türen an den Griffen auf und graben Ihnen den Garten um." Für Hundeanfänger mit Etagenwohnung seien die "Tschechen" nichts.
"Meine erste TWH-Hündin hat die Sitze von drei Autos zerlegt und zu Hause alles zerbissen, was ihr zwischen die Zähne kam", berichtet Christian Berge aus Buchholz an der Aller. Auch im Haus von Jos de Bruin ist jede Tür bis tief ins Holz hinein zerkratzt: Wolfshunde sind nicht gern allein. "Man muss schon wissen, was man da am Strick hat", erklärt Halter Berge. Eigentlich ist er Anwalt, doch für den Job hat er jetzt keine Zeit mehr.
"Ehrfurcht und Glücksgefühle" bei der ersten Begegnung
Am Beispiel Berge lässt sich beobachten, wie der Mensch dem Mythos Wolf anheimfällt. Noch immer gerät er ins Schwärmen, wenn er an seine erste Begegnung mit einem der Tiere zurückdenkt: Da waren nur noch "Ehrfurcht und Glücksgefühle". Seither ist Berge hingebungsvoller Hobbyforscher, er kennt jeden Wolfswissenschaftler und so ziemlich alle Halter. Gegenwärtig verfasst er ein Buch über neue Rassen.
Über die sogenannten Amerikanischen Wolfhunde (AWH) berichtet er dort zum Beispiel, eine Rasse, die es offiziell nicht gibt. Wo sich der letzte Wolf im Stammbaum findet, ist schwer zu sagen. Einige Züchter verkaufen ihre Tiere als direkte Wolfsnachkommen.
Auch in Deutschland gibt es Züchter. Jan Schulze etwa jobbte als Schüler in einem Wildpark und zog Wölfe mit der Flasche auf; heute züchtet er im sächsischen Liebstadt AWH. "Klar wollte ich mir damit auch ein Stück Wildnis ins Haus holen", erklärt der Polizist. Für die Welpen seiner Hündin Mette meldeten sich fast 200 Interessenten.
"Ein durchgezüchteter Rassehund kam für mich nie in Frage", erklärt Schulze. "Schauen Sie sich doch zum Beispiel einen Mops an - ich finde es schlimm, was der Mensch aus dem Wolf gemacht hat." Seine Hunde, die für den Laienblick kaum von Wölfen zu unterscheiden sind, stammen von Züchtern aus England und den Niederlanden.
Der Wildnis-Faktor
Wolfsfan Berge holte seine tiefschwarze Noomi vor knapp drei Jahren aus Kanada. "Sie ist in ihrem Verhalten viel ursprünglicher und intensiver als ein Rassehund", erklärt Berge. "Sie ist freundlich und loyal, nicht so opportunistisch wie andere Hunde", schwärmt er, "sie hängt an mir, ohne dass ich ihr Leckerli geben muss."
Doch der Wildnis-Faktor, der für Halter wie Berge den Reiz der Mischlinge ausmacht, birgt auch Risiken. Denn je hochprozentiger der Wolfsmix, desto unberechenbarer das Verhalten der Tiere, etwa der schwer kontrollierbare Beutetrieb.
In Deutschland sind offiziell keine Angriffe von Wolfsmischlingen auf Menschen gemeldet; in den USA rangieren die Tiere in der Beißstatistik gleich hinter Pitbull-Terrier und Rottweiler - auch tödliche Attacken kommen vor.
"Haushunde haben sich in mehr als 15.000 Jahren dem Menschen und seinen Lebensbedingungen angepasst", kritisiert Hundeforscherin Feddersen-Petersen, "einen Wolf einzukreuzen ist immer ein Rückschritt." Am Institut für Haustierkunde der Kieler Uni hat die Wissenschaftlerin selbst bis Mitte der achtziger Jahre sogenannte Puwos erforscht, eine experimentelle Kreuzung aus Königspudel und Wolf. "Diese Tiere und ihre Nachkommen waren zeitlebens scheu und schreckhaft", sagt Feddersen-Petersen.
In den ersten Jahren, sagt auch Wolfsfreund Vogelsang, kommen die meisten Halter noch gut mit ihren Tieren zurecht: "Ein Hund kann ohne seinen Menschen nicht leben, er bleibt zeitlebens in einem infantilen Stadium", erklärt er. "Ein Wolf aber wird erwachsen, und dann kommen die Probleme."
"Kein vernünftiger Grund, einen Wolfsmischling als Haustier zu halten"
In seiner Küche im niedersächsischen Einbeck hat Vogelsang gerade für einen Wildpark bei Hannover vier graue Wolfsbabys mit der Flasche großgezogen. Die Handaufzucht soll ihnen die Scheu vor den Menschen nehmen. Für den Streichelzoo taugen die flauschigen Welpen dennoch nicht: "Die bleiben eben immer Beutegreifer", betont Vogelsang, "und alles, was Hunde können, können sie hundertmal besser."
Vogelsang warnt vor dem Trend zum Mischling - ein Wolfsverrückter ist er aber trotzdem. Neben seinem Haus, auf einer malerischen Anhöhe, hat er ein 5000-Quadratmeter-Gehege errichten lassen. Dort leben seine Wölfe, acht an der Zahl.
"Ich bin ein Teil meines Rudels", sagt Vogelsang. Fast jede Nacht geht er durch die Sicherheitstür ins Gehege, mit Vorliebe bettet er sich mit seinen pelzigen Gefährten zur Nacht. Einmal ging er mit einem frischkurierten Hexenschuss zu den Wölfen: Sofort witterte einer die Chance, die Rangordnung neu zu sortieren und sprang den Wolfshalter an: "Ich habe nur noch Zähne gesehen", erzählt Vogelsang. Seither mischt er sich nur noch unter sein Rudel, wenn er sich vollkommen fit fühlt.
"Für mich gibt es keinen vernünftigen Grund, einen Wolfsmischling als Haustier zu halten", sagt Vogelsang. Der Haushund der Familie ist da auch ganz unverdächtig: Es ist ein Beagle.
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