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Ausgabe 22/2010
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31.05.2010
 

Gedenken

Mielkes verlassene Stadt

Von Wiebke Hollersen

Berlin: Was von der Stasi-Zentrale übrig blieb
Fotos
DPA

Das alte Stasi-Hauptquartier in Berlin-Lichtenberg verfällt, die meisten Gebäude stehen leer. Jetzt streiten Bürgerrechtler, der Bund und Lokalpolitiker über die Zukunft des Geländes - und den richtigen Umgang mit der DDR-Vergangenheit.

Vielleicht kommt ja sogar die Polizei, sagt Jörg Drieselmann, und er klingt, als wäre das für ihn nicht mal die schlechteste Lösung. Wenn die Polizei sie rausholen würde, die Besetzer von Mielkes Büro, nach 20 Jahren.

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Er wippt auf der alten Couch, die in seinem Besprechungsraum in Berlin-Lichtenberg steht. Drieselmann ist nervös. Er schaut zum Fenster, auf die vergilbten Gardinen, "alles noch echt DDR", sagt er, so wie die Lichtschalter und das Linoleum. Drieselmann ist 53, ein hagerer Mann mit grauem Bart. Als Jugendlicher saß er in Erfurt in einem Stasi-Gefängnis. Seit der Wende ist der Dienstsitz von Erich Mielke, Chef des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), sein Museum.

Aber nun soll er hier raus, mitsamt den Ausstellungsstücken. "Unverzüglich, spätestens bis zum 31.05.2010", soll er den Bau verlassen, "beräumt von Ihren persönlichen Gegenständen", so steht es in einem Brief, den Drieselmann und sein Verein, die "Antistalinistische Aktion" (Astak), bekommen haben.

Die Bundesrepublik Deutschland will Mielkes Bürogebäude übernehmen, das Haus 1 im Stasi-Hauptquartier. Sie will es sanieren und zu einer nationalen Gedenkstätte machen.

Was soll aus dem MfS-Hauptquartier werden?

Deshalb ringen Bürgerrechtler und die Kulturleute im Bundeskanzleramt jetzt um jedes Detail. Und um die Deutungshoheit über die DDR-Geschichte. Die Beamten sorgen sich um Wasserschäden und Brandschutz. Sie drohen, Haus 1 komplett zu schließen, falls es nicht zur Sanierung kommt. Und die Bürgerrechtler haben Angst um Lichtschalter und Linoleum, alles soll nach der Renovierung so aussehen wie früher, bloß kein modernes, glattes Museum.

Was soll aus dem MfS-Hauptquartier werden? Wie viel davon soll noch an die Geschichte erinnern? Wer soll das machen? Und was wird aus den vielen Stasi-Gebäuden, von denen die meisten leer stehen und verfallen? 20 Jahre nachdem Bürger im Januar 1990 das Gelände stürmten, geht es um Vergangenheit und Zukunft der alten Überwachungszentrale. Der Bund will das Gedenken an den SED-Staat und seinen Unrechtsapparat nicht länger Privatinitiativen überlassen. Die Bürgerrechtler möchten sich ihr Lebenswerk nicht so einfach von der Bundesrepublik wegnehmen lassen. Und die Lokalpolitiker von Berlin-Lichtenberg wollen endlich das Image vom Stasi-Bezirk loswerden.

Magdalenenstraße, Normannenstraße, Ruschestraße. Wer diese Straßennamen hörte in Ost-Berlin, der dachte: Stasi. Zwischen diesen Straßen liegen die wichtigsten Gebäude, in der Mitte Haus 1 mit dem Ministerbüro. Die Hauptverwaltung Aufklärung von Markus Wolf saß in Haus 15. Am anderen Ende Haus 18, das Versorgungs- und Vergnügungszentrum der Stasi-Leute mit Speisesälen, Kaufhalle und Reisebüro.

Die gefühlte Entfernung ist riesengroß

Das Hauptquartier bestand aus mehr als 20 Bürogebäuden für die Führung um Mielke und Wolf, drum herum waren noch einmal 13 Häuser angesiedelt. Insgesamt bis zu 7000 hauptamtliche Mitarbeiter haben hier die Überwachung der ganzen DDR verwaltet.

Nach der Wende zog die Deutsche Bahn in den Plattenbau von Wolfs Auslandsabteilung, die Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen lagert in den Häusern 7 bis 11 ihre Akten, in Haus 2, wo die Spionageabwehr saß, ist eine Außenstelle des Finanzamts, ein Ärztehaus gibt es noch. Doch jetzt zieht der größte Anlieger, die Bahn, wieder aus, andere sind schon fort, an vielen Häusern platzt die Fassade, neue Mieter sind nicht in Sicht.

Was tun? Das ist die Frage für Jörg Drieselmann, den Bürgerrechtler, für Helge Heidemeyer, der Beamter in der Birthler-Behörde ist und den Bund vertritt. Und für Andreas Geisel, den Baustadtrat von Lichtenberg.

In Berlin-Mitte sitzt Helge Heidemeyer im Restaurant Borchardt. Er trägt einen dunklen Anzug, er ist freundlich und vorsichtig, wie ein Diplomat, der über ein schwieriges Gebiet im Fernen Osten redet. Es geht um die alte Stasi-Zentrale, keine halbe Stunde würde man dorthin mit der U-Bahn brauchen, aber die gefühlte Entfernung ist riesengroß.

Offizielles "Gedenkstättenkonzept" beschlossen

Heidemeyer leitet die Abteilung Bildung und Forschung der Birthler-Behörde, sein Amt soll nach der Sanierung die neue Gedenkstätte in Mielkes Haus aufbauen. "Haus 1 soll der Ort für die Darstellung des Themas Repression in der SED-Diktatur werden", sagt er. Es ist ihm wichtig, darauf hinzuweisen, dass Bundesregierung und Bundestag dazu ein offizielles "Gedenkstättenkonzept" beschlossen haben und Bundeskulturstaatsminister Bernd Neumann zuständig ist. Heidemeyer ist gewissermaßen für den ganzen Staat in das Restaurant gekommen.

Es gibt in Berlin das Mauermuseum am Checkpoint Charlie und ein buntes "DDR-Museum" und "Trabi-Safaris" in der Innenstadt, alles von Privatleuten betrieben, eine Art DDR-Themenpark für Hauptstadttouristen. Der Bund möchte nicht, dass allein Unternehmer und Vereine das Geschichtsbild prägen, deshalb das Gedenkstättenkonzept. "Kein anderer Ort in Deutschland symbolisiert in vergleichbarer Weise den lautlosen Terror des MfS", heißt es darin über das Haus 1, und daraus leitet Heidemeyer seinen Auftrag ab.

Aber er will auch nicht Drieselmanns Gegner sein in dieser Sache. Niemand möchte das sein. Er sagt, dass es "eine große Chance" sei, mit dem Verein von Drieselmann gemeinsam etwas zu planen. Er redet von "interaktiven Elementen", die Birthler-Behörde hat eine Ausstellung, die in Haus 1 passen würde, auch ein großes Bildungsangebot. Leider wolle die Antistalinistische Aktion im Moment nicht mit der Behörde planen.

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Parteienbildung nach 1945

Die Sowjetische Militäradministration ließ mit ihrem Befehl Nr. 2 vom 10. Juni 1945 zwar schon frühzeitig die Bildung von Parteien zu (die KPD, die SPD, die CDU und die LDPD). Sie tat dies jedoch vor allem, um die Richtung der Parteien von vornherein steuern zu können. Nachdem es kurzfristig so ausgesehen hatte, als könnten die Kommunisten einen eigenständigen deutschen Weg zum Sozialismus einschlagen, wurde jedoch bald deutlich, daß die sowjetische Führung nicht willens war, in ihrer Besatzungszone Parteien mit unterschiedlichen Konzeptionen zu dulden.


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