Von Wiebke Hollersen
Drieselmann auf seiner Couch in Lichtenberg lacht heiser, wenn er das hört. Ein Anhängsel sollen sie werden, ein weiteres Ausstellungsstück möglicherweise: die letzten Bürgerrechtler.
Ein Dokumentations- und Bildungszentrum, zusammen mit den Beamten der Birthler-Behörde? "Wäre ein Aufarbeitungskombinat", sagt er, "eine staatliche Behörde sollte man nicht durch eine andere ersetzen."
Mit der DDR hat sich Drieselmann schon früh angelegt. Mit 18 Jahren kam er ins Gefängnis, später wurde er von der Bundesrepublik freigekauft. Er lebte nicht mehr in der DDR, aber er blieb ein DDR-Dissident, gleich nach dem Ende der Diktatur kam er zurück.
Vielleicht fällt es ihm deshalb so schwer, sich aus der Rolle des Oppositionellen zu lösen. Am liebsten wäre ihm, es bliebe alles, wie es ist. Er würde einfach gern weiter sein Museum leiten, mit den 34 Leuten vom Verein, nicht mit der Behörde - und weiter Besuchergruppen durchs Haus führen, auf seine Art. Drieselmann hat keine moderne Museumstechnik, aber er kann Geschichten erzählen. Die "interaktiven Elemente" im Museum sind die Führungen von ihm und seinen Mitarbeitern.
"Eine Stadt muss doch auch wieder leben"
Und das hat bislang gereicht. 2009 sind 100.000 Besucher in sein Museum gekommen. Von Jahr zu Jahr sind die Zahlen gestiegen, vor allem seit 2006, da lief "Das Leben der Anderen" im Kino. Einige Szenen aus dem Stasi-Film wurden in der Mielke-Etage gedreht.
Drieselmann hat sich gesträubt gegen den Bund und sein "Gedenkstättenkonzept", er hat wütende Briefe geschrieben, Forderungen gestellt, den Auszug zum 31. Mai verweigert. Doch die Beamten aus dem Kanzleramt verweisen kühl auf den Bundestagsbeschluss. Ab Juni bekommt sein Museum keine öffentlichen Gelder mehr, zwei Drittel des Etats sind dann weg.
Allzu lange hat sich kaum etwas bewegt im Streit Drieselmanns gegen die Bundesrepublik, während das Gelände rund um Haus 1 verkommt und den Bezirk Lichtenberg belastet.
"Eine Stadt muss doch auch wieder leben", sagt Andreas Geisel. Er steht neben der Imbissbude gegenüber dem Museum, das hier ist sein Bezirk. Er ist Stadtrat seit 15 Jahren, ein SPD-Mann in Jeans und blauem Jackett, in Lichtenberg aufgewachsen, zuständig für Bau, für die Zukunft also, nicht die Vergangenheit. Er will, dass sein Viertel endlich den alten Ruf loswird, das Image "Stasi / Neonazis / Plattenbau", wie er selbst sagt.
Leerstand führe zu Verfall und Vandalismus
Der Bezirk habe sich sonst gut entwickelt, die meisten Platten seien saniert, es gebe viel Grün, viele Familien, sagt er. Dann schaut er auf die Stasi-Gebäude um sich herum: 101.000 Quadratmeter Bürofläche, die Hälfte davon schon heute leer, demnächst steige die Quote wohl auf 90 Prozent. So kann es nicht weitergehen, sagt Geisel, Leerstand führe zu Verfall und Vandalismus, "das strahlt auf die Umgebung aus".
Geisel hat schon viele Vorschläge gehört. Studenten der Technischen Universität Cottbus haben gerade Pläne für das Gelände entworfen, sie wollen Wohnungen aus den Büros machen oder einen Park anlegen. Es waren auch schon mal Künstlerateliers oder Probenräume für Bands im Gespräch. Geisel zuckt mit den Schultern, "so viele Künstler oder Bands müssen Sie erst mal finden".
Der Bau-Stadtrat hätte sich eher eine große Behörde in den Bürohäusern vorstellen können. Zum Beispiel den Bundesnachrichtendienst (BND) als Nachmieter der Stasi, eine tollkühne bis trotzige Idee und vor allem völlig chancenlos. Der BND baut jetzt für insgesamt 1,5 Milliarden Euro eine Zentrale in Berlin-Mitte.
Deshalb soll nun ganz neu gedacht werden. Geisel will das Gelände zum Sanierungsgebiet machen, wenn alles gutgeht und der Berliner Senat zustimmt, könnte es noch diesen Sommer klappen. Als Erstes soll es dann einen internationalen Architekturwettbewerb geben.
Einfach weg mit der ganzen unnützen Stasi-Stadt
Geisel möchte den Ergebnissen nicht vorgreifen. Zumal sich die von Leerstand geplagte Hauptstadt mit Investoren derzeit schwertut. Der Stadtrat könnte sich deshalb auch vorstellen, dass man ganze Häuser abreißt, dass bald nichts mehr so aussieht wie früher. Einfach weg mit der ganzen unnützen Stasi-Stadt.
Nur Haus 1 wird ganz sicher bleiben, das Museum mit dem Mielke-Büro, es steht unter Denkmalschutz. Drieselmann und die Bundesregierung müssen eine Einigung finden, die Zeit drängt, das Dach ist undicht, im Keller steht schon Wasser. Außerdem ist gerade Geld für die Sanierung vorhanden, elf Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket zur Stützung der deutschen Volkswirtschaft. Die Bauarbeiten müssen schnell beginnen, sonst bekommt ein anderes Projekt das Geld.
Die Beamten von Kulturstaatsminister Neumann versuchen nun eine Annäherung. In einem neuen "Grobkonzept" schlagen sie Drieselmann vor, dass sein Verein und die Birthler-Behörde je eine Etage im Haus 1 bekommen und der Verein weiter die Mielke-Etage betreut. Außerdem sollen beide Seiten "in Einstimmigkeit" ein neues Gesamtkonzept erarbeiten. Es sieht wie ein vergleichsweise gutes Angebot aus.
Aber Drieselmann, der alte Bürgerrechtler, hadert noch. Er will jetzt die Baupläne sehen, er will mitbestimmen über die Sanierung, "bis ins Detail", sagt er. Es fällt ihm einfach schwer, der Staatsmacht zu vertrauen.
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