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Ausgabe 22/2010
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31.05.2010
 

Fußball

Das Haus der Hoffnung

Von Christoph Biermann und Maik Grossekathöfer

2. Teil: "Afrikaner können sich überall gut anpassen"

Jean-Marc Guillou ist eine große Nummer im Geschäft mit afrikanischen Fußballern, vielleicht die größte. Er war selbst Profi, hat 19-mal für die französische Nationalmannschaft gespielt, er war Anfang der achtziger Jahre Trainer in Cannes, sein Assistent war Arsène Wenger, der heute Coach von Arsenal London ist. Guillou eröffnete 1994 sein erstes Internat in Abidjan, Elfenbeinküste.

"Ich habe mich für Afrika entschieden, weil es hier ein unerschöpfliches Potential gibt. Vergleichbar mit Südamerika. Aber in Südamerika mischt die Mafia mit", sagt Guillou. "In Afrika konnte ich alles allein aufbauen. Es war ein menschliches Abenteuer und ein wirtschaftliches."

Mittlerweile besitzt er Fußballschulen in Mali, Ghana und Madagaskar, in Ägypten und Algerien. 140 Spieler hat er aus Afrika nach Europa exportiert, zu seinen Schülern gehören Didier Zokora vom FC Sevilla, Kolo Touré von Manchester City, Emmanuel Eboué von Arsenal London, Arthur Boka vom VfB Stuttgart und Yaya Touré vom FC Barcelona. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika spielen 13 seiner ehemaligen Absolventen mit.

Die Regeln seines Systems bestimmt nur er: Jean-Marc Guillou steigt bei einem Club in Europa ein, dann lässt er seine Schüler für diesen Verein spielen, er nutzt ihn als Vitrine, und wenn ein anderer Club einen der Absolventen kauft, kassiert Guillou einen Teil der Ablöse. In der Regel zwischen 60 und 90 Prozent.

Zum ersten Mal hat er das 2001 so gemacht. Er übernahm die Kontrolle beim KSK Beveren, einem belgischen Erstligisten, der kurz vor der Pleite stand. Etwa 1,5 Millionen Euro steuerte Arsenal London bei, der Club seines alten Freundes Arsène Wenger war mit im Geschäft.

Belgien als Einfuhrtor für den Handel mit seinen Spielern zu wählen war clever. Im belgischen Fußball gibt es keine Ausländerbeschränkung, und die Auflagen für eine Aufenthaltsgenehmigung für einen Profi, der nicht aus der Europäischen Union kommt, sind relativ niedrig.

Guillou holte nach und nach über 30 seiner Talente nach Belgien, zeitweise standen elf Afrikaner für Beveren auf dem Platz. Er verkaufte sie weiter nach Frankreich, in die Ukraine, die Schweiz. 2006 beendete er das Projekt, vom Gewinn baute er die Akademie in Bamako.

Dort werden die Absolventen jeden ersten Dienstag im Monat gemessen und gewogen. Amadou Kéita, der Junge mit dem Rollkoffer, war 1,43 Meter groß und 30 Kilogramm schwer, als er ins blaue Haus kam, jetzt misst er 1,50 Meter und wiegt 33 Kilogramm Guillou kontrolliert so, ob sich die Kinder normal entwickeln.

"Wir wissen ja nicht, ob die Jungs wirklich so alt sind, wie sie behaupten", sagt er. Viele besäßen keine Geburtsurkunde, und der Pass, den sie vorlegen, der stamme vielleicht vom jüngeren Bruder. "Ein Zehnjähriger kann nicht 35 Kilogramm wiegen. Nicht in Afrika."

Sechs bis neun Jahre bleibt ein Schüler im Internat, je nachdem, in welchem Alter er aufgenommen wurde, die Eltern unterschreiben einen Vertrag, das Training, der Unterricht, Unterkunft und Verpflegung sind kostenlos. Guillou hat 1,6 Millionen Euro in den Bau der Akademie in Bamako gesteckt, die laufenden Kosten betragen 165.000 Euro im Jahr.

Das Geld muss wieder rein, darum wird Guillou auch an diesen Schülern verdienen, wenn er sie später an einen europäischen Club verkauft. Wie ein Fondsmanager setzt er auf steigende Aktienkurse, das ist seine Interpretation von der Globalisierung des Fußballs.

Seit 2005 hat er auch eine Fußballschule in Thailand. Arsenal London ist beteiligt, der Club hat die Option erworben, die zwei größten Talente zu verpflichten. Guillou arbeitet gern mit Arsenal London zusammen, der Verein, sagt er, sei "eine gute Werbung und eine Sicherheit für die Bank".

In der Akademie in Chonburi, etwa hundert Kilometer südöstlich von Bangkok, trainieren nicht nur Thais, sondern auch Afrikaner, sie kommen aus der Elfenbeinküste. Guillou hat sie vor vier Jahren nach Asien transportiert. Einer der Jungen war erst acht Jahre alt.

"Mein Gewissen ist rein", sagt Guillou auf dem Balkon in Bamako. Er verstoße gegen keine Regel und kein Gesetz, weil er die Kinder ja nicht an einen Club verkauft habe, außerdem seien die Eltern einverstanden gewesen. "Und der Kulturschock ist auch kein Problem. Afrikaner können sich überall gut anpassen."

Es gibt Politiker, die nennen Guillou einen Menschenhändler. Auch beim Fußball-Weltverband, der Fifa, ist man nicht gut auf ihn zu sprechen, es heißt, er sauge Afrika aus. Und für Lennart Johannson, den ehemaligen Präsidenten des Europäischen Fußballverbands, der Uefa, ist das Geschäft mit afrikanischen Talenten "Kindesentführung und nichts anderes".

Aber für die Jungs in Bamako ist Guillou ein Mann, der ihnen zu einem besseren Leben verhelfen kann.

Souleymane Diomande sitzt nach dem Training im Gras. Er ist 15 und war bis vor einem Monat auf der Akademie in Thailand, drei Jahre lang. In dieser Zeit hat er seine Familie einmal gesehen. Er ist zurückgekommen, weil sein Pass abgelaufen ist und er kein neues Visum bekommen hat.

Natürlich habe er Afrika vermisst, sagt er, "aber ich habe ein anderes Land kennengelernt, ich kann jetzt Englisch und Thai sprechen. Ich würde überall hingehen, um am Ende nach Europa zu kommen".

Ob er nicht das Gefühl habe, verschoben zu werden wie ein Container Kakaobohnen?

"Und wenn schon", sagt Diomande, "Monsieur Guillou hilft mir dabei, später viel Geld zu verdienen."

Auch Ibrahim Karaboué träumt davon, als Fußballprofi reich und berühmt zu werden. Man könnte sagen, er ist schon eine Stufe weiter als Souleymane. Denn Karaboué ist bereits in Europa angekommen, in Frankreich.

Er sitzt in einem Zug, von Paris Richtung Westen. Er hat breite Schultern, aber ein weiches Gesicht, er guckt aus dem Fenster, trägt eine Daunenjacke und dicke Kopfhörer, er hört Musik aus seiner Heimat. Er unterscheidet sich nicht groß von den übrigen jungen Männern im Waggon und führt doch ein ganz anderes Leben.

Ibrahim Karaboué ist 18 Jahre alt, er stammt aus der Elfenbeinküste. Im Dezember 2008 sprach ihn in Abidjan ein Spielerberater an, er stellte sich als Jean-Michel vor und fragte, ob Ibrahim in Europa spielen wolle. "Ich war total begeistert", sagt Ibrahim. Dann erzählt er seine Geschichte.

Jean-Michel verlangte von ihm eine Million westafrikanische Francs für die Reise, rund 1500 Euro. Karaboué lieh sich das Geld bei Freunden. Der Agent besorgte die Flugtickets und einen gefälschten Pass, der Karaboué älter machte. Am Flughafen bemerkte Karaboué, dass er gar nicht nach Europa fliegen sollte, er hatte ein Visum für Dubai. Er stieg trotzdem ins Flugzeug.

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