SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, helfen Sie uns auf die Sprünge: Der wievielte Neustart von Schwarz-Gelb ist das, den wir gerade miterleben?
SPIEGEL: Wo sollen wir den Glauben hernehmen, dass es diesmal klappt?
Seehofer: Weil nichts so überzeugend ist wie die Realität. Wir haben in der vergangenen Woche als Koalition sehr geschlossen und zügig einen guten Präsidentschaftskandidaten präsentiert. Wir haben klargemacht, dass es nicht zu höheren Steuern und Beiträgen kommt.
SPIEGEL: Die Realität sieht anders aus. Ihr Ziel war, schnell und ohne viel Getöse einen überzeugenden Präsidentschaftskandidaten zu präsentieren. Stattdessen ging es tagelang hin und her, erst Ursula von der Leyen, dann Christian Wulff. Was ist da schiefgelaufen?
Seehofer: Da ist nichts schiefgelaufen. Die CSU hat von Anfang an klargemacht, dass sie einen geeigneten Kandidaten der CDU unterstützen wird. Innerhalb weniger Tage hat die Kanzlerin einen geeigneten Vorschlag gemacht. Das war ein sehr verantwortliches Handeln: Die Kanzlerin hat die Gespräche innerhalb der CDU geführt und mir am Donnerstagmittag Christian Wulff als ihren Vorschlag mitgeteilt.
SPIEGEL: Und vorher war es Frau von der Leyen?
Seehofer: Die CSU hat nichts dazu beigetragen, dass andere Kandidaten medial in besonderer Weise behandelt wurden.
SPIEGEL: Wo kam das her?
Seehofer: Ich kann nur sagen: Ich habe Verantwortung für die Christlich-Soziale Union, und die Christlich-Soziale Union hat sich in dieser Frage äußerst diszipliniert und zurückhaltend verhalten, so wie es die Kandidatenwahl für das höchste Staatsamt erfordert.
SPIEGEL: Waren zwei Frauen an der Spitze den Konservativen in der Union mindestens eine zu viel?
Seehofer: In der CSU jedenfalls nicht.
SPIEGEL: So? Es gibt Abgeordnete Ihrer Partei, die haben ihre Vorbehalte sogar öffentlich geäußert.
Seehofer: Das war eine absolute Einzelmeinung. Wir hatten eine ganz klare Position. Für uns war nie das Argument: Um Gottes willen, zwei Frauen an der Spitze des Staates! Da ist die CSU eine sehr moderne Partei.
SPIEGEL: Das letzte Mal, als Frau Merkel einen Kandidaten erkoren hat, hat sie das mit Ihrem Vorgänger, Edmund Stoiber, und Guido Westerwelle in dessen Wohnung gemacht und den Kandidaten Horst Köhler durchgesetzt. Dieses Mal musste sie auf ihre Partei Rücksicht nehmen. Hat sie das Heft noch in der Hand?
Seehofer: Ja, ich denke schon.
SPIEGEL: Sie denken schon?
Seehofer: Ja, ich bin überzeugt.
SPIEGEL: Wäre ein überparteilicher Kandidat, wie ihn die SPD mit Joachim Gauck präsentiert, nicht besser gewesen?
Seehofer: Warum sind wir erst dann eine perfekte Demokratie, wenn es nur noch einen Kandidaten gibt? Ich kann das Argument überhaupt nicht nachvollziehen. Es gehört doch zu einer lebendigen, modernen Demokratie, dass man als Wahlfrau oder Wahlmann in der Bundesversammlung auswählen kann. Wenn das veritable Kandidatinnen oder Kandidaten sind, dann ist doch dagegen überhaupt nichts einzuwenden.
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© DER SPIEGEL 23/2010
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