SPIEGEL: Über die angemessene Finanzierung des Bildungssystems wird häufig gestritten, zuletzt beim Bildungsgipfel der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten am vergangenen Donnerstag. Was sagen Sie eigentlich zum Betreuungsgeld, das die Regierungskoalition denjenigen Eltern auszahlen will, die ihre kleinen Kinder selbst betreuen und nicht in Kindertagesstätten geben?
Baumert: Das ist eine der törichtsten Maßnahmen, die man überhaupt vorschlagen kann. Sie hält die Kinder von den Betreuungseinrichtungen fern, finanziert Betreuung durch ältere Geschwister oder unterstützt Familien, die diese Maßnahme nicht benötigen.
SPIEGEL: Sie beobachten die Bildungspolitik nun schon seit Jahrzehnten. Den größten Streit gibt es immer um die Frage, ob man Kinder schon nach vier Jahren trennen sollte. Früher wurde über die Gesamtschule debattiert, derzeit steht in Hamburg ein Volksentscheid unter anderem über die sechsjährige Grundschule an. Was sagt der Bildungsforscher dazu?
Baumert: Also, ich sag's mal ganz offen: In Hamburg wird für mich ein völlig unnötiger bildungspolitischer Streit ausgetragen.
SPIEGEL: Warum?
Baumert: Der Kern der Reform ist ja die Vereinfachung der Schulstruktur im Sekundarbereich. Die Zusammenführung von Haupt- und Realschule zu einer einzigen Schule neben dem Gymnasium war in allen Ballungsgebieten überfällig, um die Konzentration der schwierigsten Schüler in wenigen Schulen zu vermeiden. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit. Zweigliedrigkeit war überfällig, und sie war politisch und historisch möglich. Aber musste man gleichzeitig den Streit um die Gymnasien beginnen und auch noch das humanistische Gymnasium antasten?
SPIEGEL: Hamburgs schwarz-grüner Senat sagt: ja. Denn sechs Jahre gemeinsames Lernen brächte viele Vorteile gegenüber der vierjährigen Grundschule.
Baumert: Mag sein, aber belastbare empirische Evidenz für die Wirkungen einer zweijährigen Verlängerung der Grundschule kenne ich nicht.
SPIEGEL: Und die Vermutung, dass es etwas bringt, reicht Ihnen nicht?
Baumert: Für die Verbesserung der Chancengerechtigkeit in der Sekundarstufe wäre eine Reform der zweigeteilten Lehrerausbildung die wichtigere Maßnahme. Das ist eine echte Hypothek: Die fachlich besser ausgebildeten Lehrkräfte unterrichten unter bevorzugten Bedingungen an Gymnasien. Die kürzer und fachlich weniger anspruchsvoll ausgebildeten Lehrkräfte werden dort eingesetzt, wo pädagogische Professionalität und fachliche und fachdidaktische Kreativität besonders gefordert sind - nämlich im Unterricht der schwächeren und schwächsten Schüler.
SPIEGEL: Das heißt: Die Schulstruktur, über die so gern gestritten wird, ist egal - solange die Lehrerausbildung eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bleibt?
Baumert: Eine Strukturreform allein verkennt, dass die wachsenden Leistungsunterschiede zwischen den weiterführenden Schulformen auch durch die unterschiedliche Qualifikation der Lehrkräfte verursacht werden. Für den Mathematikunterricht lassen sich die Wirkungen mittlerweile auch quantifizieren. Und es spricht viel für ähnliche Effekte im Naturwissenschafts- und Fremdsprachenunterricht.
SPIEGEL: Ist die Qualifikation der Lehrer denn wirklich so wichtig? Oder sind für guten Unterricht nicht ganz andere Umstände entscheidend?
Baumert: Die Lehrerbildung hat uns in den letzten Jahren sehr beschäftigt. Die Ergebnisse, die wir für Mathematik gefunden haben, zeigen klar: Für das Anregungspotential des Unterrichts, die konstruktive Unterstützung bei Lernschwierigkeiten und den Leistungsfortschritt der Schüler sind spezifisches fachdidaktisches Wissen und Können verantwortlich. Dieses Wissen wird im Studium und Referendariat erworben.
SPIEGEL: Trotzdem werden Sie die nächste Debatte über die Schulstrukturen kaum verhindern können. Warum nur kann die Bildungsforschung nicht mal eine klare Antwort auf die einfache Frage geben, ob längeres gemeinsames Lernen etwas bringt oder nicht?
Baumert: Das ist keine einfache Frage! Eine klare Antwort setzt voraus, dass zwei Systeme parallel gefahren und Schüler und Lehrkräfte auf beide Optionen per Zufall verteilt werden. Dies ist nicht möglich. Deshalb muss die Forschung historisch bedingt unterschiedliche Entwicklungen für quasi-experimentelle Vergleiche nutzen. Ein solcher Vergleich fehlt für die heutige vier- und sechsjährige Grundschule. Wenn Sie genereller fragen, warum die Forschung nicht rechtzeitig das liefert, was die Politik möchte, muss man daran erinnern, dass bis Anfang der neunziger Jahre Leistungsuntersuchungen verpönt und Transparenz nicht gefragt war. Eine empirische Forschung, die Ergebnisse von Bildungsprozessen und deren soziale Verteilung sichtbar gemacht hat, hat sich - nicht immer zur Freude der Politik - erst in den letzten 15 bis 20 Jahren entwickelt.
SPIEGEL: Heute aber ist die Bildungsforschung doch sehr stolz auf ihre empirische Fundierung. Warum nur bleiben trotzdem so viele wichtige Fragen offen?
Baumert: Für viele, ganz zentrale Fragen gilt dies doch gar nicht. Unser Gespräch ist dafür ein wunderbarer Beleg. Selbst für solch leidige Themen wie die Klassengröße gibt es empirische Antworten.
SPIEGEL: Je kleiner, desto besser?
Baumert: Nein, gerade nicht. Die Verkleinerung von Klassen ist wenig wirksam, aber extrem teuer.
SPIEGEL: Aber viele Eltern, Lehrer und Politiker sehen das völlig anders.
Baumert: Die Reduzierung von Klassengrößen ist ein populärer Stimmenfänger. Keiner kann dagegen sein. Aber in der Bandbreite, über die wir reden, hat die Veränderung der Klassengröße keinen durchgehenden Einfluss auf den Lernerfolg der Schüler. Nachweisbar sind Effekte nur für die ersten Schuljahre. Aber selbst da ist die Kosten-Nutzen-Relation im Vergleich zu anderen Maßnahmen ungünstig.
SPIEGEL: Was empfehlen Sie stattdessen?
Baumert: Statt einfach Klassen zu teilen oder die Durchschnittsgröße aller Klassen um einen oder zwei Schüler zu reduzieren, bietet sich die Nutzung von Unterrichtsstunden für gezielte Förderung an, etwa zusätzliche Unterrichtsstunden am Nachmittag für ausgewählte Schüler an Schulen mit schwierigem Einzugsbereich. Es macht auch Sinn, über zusätzliches Personal in Schulen mit erhöhtem Förderbedarf, zum Beispiel Sonder- und Sozialpädagogen oder Psychologen nachzudenken. Das ist eines der Rezepte der Finnen: am Standort sonderpädagogische und psychologische Beratung verfügbar zu haben.
SPIEGEL: Ist das nicht zum Verzweifeln? Sie messen, Sie rechnen, Sie empfehlen, aber dann machen die Bildungspolitiker, was sie wollen.
Baumert: Kein Grund für Verzweiflung. Auf jeden empirischen Befund gibt es mindestens zwei unterschiedliche politische Antworten, meistens mehr. Politische und wissenschaftliche Rollen kann man nicht klar genug trennen. Ein häufiger Fehler der Sozialwissenschaftler und vor allem der Pädagogen der siebziger Jahre war die Vorstellung, die bessere Politik machen zu können. Mit den Anregungen, die in den letzten 20 Jahren aus der Bildungsforschung gekommen sind und Gehör gefunden haben, können wir ganz schön zufrieden sein. Das heißt nicht, dass ich mir als Bürger und Vater nicht schon manchmal die Haare raufe.
SPIEGEL: Professor Baumert, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten Alfred Weinzierl und Markus Verbeet
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