ThemaWalfangRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2010
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Artenschutz Schlachten oder Streicheln

Umstrittener Walfang: Jagd auf die Meeresriesen
Fotos
AFP

3. Teil: "Wir brauchen kein Walfleisch"

So trachtete Japan von Anbeginn an danach, dem politischen Gegner die Hingabe an Walgesänge abzutrainieren. Aber dazu mussten erst einmal Mehrheiten geschaffen werden in der IWC.

Das ist den Japanern gelungen - durch Scheckbuchdiplomatie. So verteilte das Land systematisch Millionen-Dollar-Gaben an winzige Inselstaaten wie St. Kitts and Nevis oder Antigua und Barbuda. Die befreundeten Nationen unterstützen in der IWC gern ihren edlen Spender. "Die holen sich vor ihrem Auftritt bei der Konferenz ganz ungeniert ihren Sprechzettel bei der japanischen Delegation", behauptet Greenpeace-Mann Maack.

Insbesondere werden sich die 88 Mitglieder in dieser Woche um einen Absatz streiten, den Maquieira und Liverpool vorsorglich in Klammern gesetzt haben. Das heißt in der Sprache internationaler Konferenzdiplomatie: steht zur Disposition.

Es ist ein Schlüsselabsatz. Er verbietet auch weiterhin den Handel mit Walprodukten. Bleibt er drin, könnte es beim geplanten Walfang light für die nächsten zehn Jahre bleiben. Kippt er, so fürchten die Umweltorganisationen, könnte das Papier IWC/62/7 die Tore wieder weit öffnen fürs kommerzielle Schlachten auf See. "Wie soll man das einsammeln in zehn Jahren?", fragt Thilo Maack. Das 1986 beschlossene, immer schon löchrige Moratorium wäre endgültig ausgehebelt.

Kaum Nachfrage für Walfleisch

"Der Absatz muss drinbleiben", fordert der deutsche Unterhändler Schmidt. "Das ist ein 'No go', für uns und für die EU."

Die Erlaubnis für den Handel mit Walprodukten verlangen vor allem die Isländer. Doch wem wollen sie das Fleisch verkaufen? Es gibt kaum Nachfrage für die Steaks vom Meeressäuger. Nicht einmal in Japan.

Die Japaner sitzen selbst schon auf 4000 Tonnen von dem Zeug, Überreste ihrer angeblichen Wissenschaftsexpeditionen. In Wahrheit essen sie lieber Thunfisch-Sashimi, Tempura, Misosuppe. "Also ich, äh", Masayuki Komatsu, inzwischen Professor an einer Tokioter Kaderschmiede für Karrierebeamte, windet sich, "also ich bin auch nicht so scharf auf Walfleisch."

"Wir brauchen kein Walfleisch", sagt Atsushi Ishii, Umweltpolitik-Experte an der Tohoku University in Sendai, der Japans Walfangpolitik in einer Studie durchleuchtet hat. Ishii rechnet vor, dass schon vor mehr als 30 Jahren nur 1,7 Prozent der täglichen Aufnahme tierischen Eiweißes durch Walfleisch abgedeckt wurde. Heute nimmt der Japaner, statistisch gesehen, 30 Gramm Wal im Jahr zu sich.

Trotzdem, da ist sich Ishii sicher, werde Japan stur festhalten am "wissenschaftlichen" Walfang: "Die Bürokraten von der Fischereibehörde haben damit über die Jahre ein perfektes System geschaffen, das ihnen ein sicheres und bequemes Auskommen ermöglicht."

Wenn Atsushi Ishiis Analyse stimmt, sind Abertausende Wale nur gestorben, um eine herrschende Kaste von Bürokraten zu ernähren - nicht mit Walfleisch, sondern mit den Subventionen, die seit mehr als 20 Jahren den wissenschaftlichen Walfang finanzieren.

Es gehe um etwa 30 Millionen Dollar, rechnet Ishii vor, "etwa die Hälfte davon zahlt der Steuerzahler". Wenn private Firmen den Walfang übernehmen müssten, fiele diese Summe weg. Und damit auch die goldenen Fallschirme für die Funktionäre aus der Fischereibehörde: Die stellte mindestens fünf der bisherigen Direktoren des ICR, einer der Männer verdient mehr als 130.000 Dollar im Jahr.

Derweil kann sich die japanische Regierung profilieren, indem sie sich immer mal wieder mit stolzem Patriotismus gegen die Australier oder die Amerikaner zur Wehr setzt - aus ihrer Sicht Kulturimperialisten, die dem japanischen Volk vorschreiben wollen, was es zu essen habe.

Walfang für die Wissenschaft

Dabei sei die kulturell tief verankerte Hingabe des Japaners an die proteinreiche Beute aus dem Meer ein Mythos, erklärt Ishii. Eine PR-Firma habe ihn in den siebziger Jahren im Auftrag der Walfanglobby in die Welt gesetzt. "Tatsächlich gibt es gerade mal vier Gemeinden in Japan, in denen die Jagd auf Wale noch eine Rolle spielt."

Aufgedeckt werde "das System", wie Ishii es nennt, vor allem deswegen nicht, weil die Journalisten symbiotisch an die Behörden gebunden sind, durch Kisha-Kurabu: Jedes Ministerium und jede Verwaltung hat einen Presseclub, da werden die Reporter gefüttert mit Infos - und von der Recherche wirksam abgehalten.

Komatsu, der Fischereibehörden-Veteran, hält unbeirrt fest am wissenschaftlichen Walfang. Durch die vielen Forschungsfahrten wisse man nun, sagt er, dass es in der Antarktis "eine Menge Zwerg-, Finn- und Buckelwale" gebe. "Wie kann man gegen eine begrenzte, nachhaltige Nutzung dieser Tiere sein?"

Speziell die Fischfangnation Japan ist allerdings nicht gerade bekannt für ihre Hingabe an das Prinzip der nachhaltigen Nutzung. So stimmten die Japaner bei der Artenschutzkonferenz in Katar im März gegen ein Handelsverbot für den Blauflossenthun, der vom Aussterben bedroht ist - sie müssen 80 Prozent ihres Bedarfs an dieser wichtigsten Sushi- und Sashimi-Variante importieren.

"Sie stemmen sich, genau wie die Isländer, aus Prinzip gegen jede Form von internationalen Abkommen, die ihre Fischerei einschränken könnten", sagt Maack. "Würden sie einem Walfangverbot zustimmen, könnte man ihnen ja als Nächstes den Thunfisch wegnehmen."

Tatsächlich müssten sich die Japaner, geht der IWC-Kompromiss durch, am stärksten einschränken. Die Harpuniere ihrer Fangflotte sollen statt 1415 Tieren pro Jahr nur noch 632 töten dürfen. "Aber sie können dann weiterhin geschützte Arten wie den Brydewal erlegen und Zwergwale aus einer gefährdeten Population", schimpft Maack. "Außerdem kann es nicht sein, dass in dem antarktischen Schutzgebiet weiterhin Wale sterben."

Eigentlich ist alles ganz einfach. Maquieiras Vorschlag zwingt die Delegierten auch der Walfanggegner-Länder in einen bittersüßen Deal: Sie müssen entscheiden, ob sie bereit sind, in den nächsten zehn Jahren 12.500 Wale zu opfern - für die Chance, die IWC neu zu erfinden.

Die Organisation soll nicht mehr endlos um die blutigen Jagden kreisen, sich verhaken und verzanken über die knapp 2000 Wale, die Japan, Norwegen und Island jedes Jahr zur Strecke bringen. Die IWC soll sich endlich jenen Hunderttausenden Meeressäugern widmen, die in Stellnetzen, durch Schiffskollisionen und den Klimawandel sterben. Sie soll ein Öko-Institut werden. Dafür, und das ist auch ein Teil des Kompromisspapiers, wollen Maquieira und Liverpool nun Arbeitsgruppen einrichten.

Ölpest bedroht 19 Walarten

Denn weltweit ersticken mehr als 300.000 Wale, Delphine und Robben in den Netzen der Fischtrawler. Übungen der Marine irritieren die Sonarortung der Wale; sie stranden zuhauf. Immer mehr und schnellere Fähren und immer größere Containerfrachter überrennen die Tiere, Schiffsschrauben schlitzen ihnen den Leib auf.

Untersuchungen gestrandeter Finnwale im Mittelmeer ergaben, dass fast 20 Prozent Verkehrsopfer waren. Im nordwestlichen Atlantik ging aufs Konto der Frachter und Fähren mehr als die Hälfte der gefundenen Grönlandwal-Kadaver - eine durch die Walfangexzesse in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts extrem dezimierte Spezies. Ungezählt sind die Tiere, die nach der Kollision an Ort und Stelle tot im Meer versinken.

Ganz aktuell bedroht die von BP verursachte Ölpest im Golf von Mexiko 19 Walarten - darunter eine etwa 1500 Exemplare umfassende Population von Pottwalen. Biologen haben berechnet, dass diese isolierte Gruppe in Gefahr gerät, wenn nur drei Tiere pro Jahr eines unnatürlichen Todes sterben. Das Öl, das 1989 aus der "Exxon Valdez" suppte, hat in manchen der dort heimischen Orca-Gruppen vier von zehn Tieren umgebracht. Die Bestände haben sich noch immer nicht erholt; gut möglich, dass sie innerhalb der nächsten Jahrzehnte aussterben.

Der Klimawandel könnte Meeresströmungen und damit einen wichtigen Faktor im Leben der großen Wale verändern, die bekannt sind für ihre alljährlichen Wanderungen, manche über Tausende Kilometer. Es ist allerdings noch unklar, wie tiefgreifend das Geschehen die Ozeane und damit die polaren Speisekammern und wärmeren Kinderstuben der Meeressäuger umwälzen wird.

Wenn es gelänge, die Giganten der Meere nur ein bisschen besser vor all diesen Gefahren zu schützen, müssten die Walforscher und Walfanggegner am Ende nur noch Island, Norwegen und Japan überzeugen, dass es bessere Einkommensquellen gibt als die Jagd. Mit Studien etwa wie jener, die das Wissenschaftskomitee der IWC diese Woche vorstellen wird: Demnach ließe sich mit Waltourismus deutlich mehr Geld verdienen als mit dem ungeliebten Fleisch der Tiere: 413 Millionen Dollar im Jahr wären drin, das Whale-Watching-Business würde 11.000 Leute beschäftigen.

Dann könnte der Mensch sich ganz der Verehrung des Meeressäugers widmen. Und sich verabschieden vom Schlachten. Sonst "bleibt zu überlegen, ob der Leviathan eine so wilde Jagd und einen so erbarmungslosen Vernichtungsfeldzug übersteht oder ob er nicht schließlich ausgerottet wird".

Herman Melvilles prophetischer Satz in "Moby Dick" erschien 13 Jahre vor der Erfindung der Explosivharpune.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 217 Beiträge
Querschreiber 19.06.2010
Das Versagen beim Walschutz ist nicht der EU in die Schuhe zu schieben sondern vielmehr den Walfangnationen, die sich trotz des bestehenden Moratoriums strickt weigern dieses konsequent einzuhalten. Es wird einfach aus pseudo [...]
Das Versagen beim Walschutz ist nicht der EU in die Schuhe zu schieben sondern vielmehr den Walfangnationen, die sich trotz des bestehenden Moratoriums strickt weigern dieses konsequent einzuhalten. Es wird einfach aus pseudo Gründen wie dem Walfang zu wissenschaftlichen Zwecken (insbesondere seitens Japans) weitergejagt. Die IWC kann noch so viele Vereinbarungen treffen um die Wale wirksam zu schützen. Alle werden nichts bringen, wenn auch nur eine Nation höhere Anforderungen als die Andere stellt oder sich mit irgendwelchen Ausnahmeregelungen doch am Moratorium vorbeimogelt. Ohne Einsicht der Walfangnationen wird es keinen echten Walschutz gegen.
sysop 21.06.2010
Die Tagung der Internationalen Walfangkommission hat mit einem Eklat begonnen: Wurde der Vorsitzende von der Walfangnation Japan bestochen? Ziel des Treffens ist die Abstimmung über ein Kompromisspapier, das den kommerziellen [...]
Die Tagung der Internationalen Walfangkommission hat mit einem Eklat begonnen: Wurde der Vorsitzende von der Walfangnation Japan bestochen? Ziel des Treffens ist die Abstimmung über ein Kompromisspapier, das den kommerziellen Walfang erlauben soll. Doch die Fronten sind verhärtet. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,701932,00.html
spiegelak 22.06.2010
[finger-check beim voherigen Post] denn wenn man uns es sagen kann, dann kann man auch es den anderen sagen, nachdem alle so wie wir, nicht faehig sind, mit der Sachlichkeit zurande zukommen, sonder nur mit dem Relativen, und [...]
[finger-check beim voherigen Post] denn wenn man uns es sagen kann, dann kann man auch es den anderen sagen, nachdem alle so wie wir, nicht faehig sind, mit der Sachlichkeit zurande zukommen, sonder nur mit dem Relativen, und wenn ihr nicht mitmacht, dann sagen wir Papi und er wird boese. Nehh, Kindchen von Japan, Norwegen und Island, so geht's nicht. Es ist ja kein Problem, euch zu boykottieren. Und in der internationalen Politik zu Pariah-staaten zu verwandeln. Macht's nur so weiter, und seht, was es euch bringt.
Toru_Okada 22.06.2010
Der Verzehr von Wahlfleisch ist Teil der japanischen Kultur, den es zu respektieren gilt (beschwert sich denn Indien, dass der Rest der Welt Rindfleisch ist, obwohl diese Tier dort gar als heilig gelten)!
Der Verzehr von Wahlfleisch ist Teil der japanischen Kultur, den es zu respektieren gilt (beschwert sich denn Indien, dass der Rest der Welt Rindfleisch ist, obwohl diese Tier dort gar als heilig gelten)!
Seldon 22.06.2010
Am 15. Februar begann der Prozess gegen die beiden japanischen Greenpeace-Aktivisten Junichi Sato und Toru Suzuki. Die beiden deckten 2008 einen Fall systematischer Korruption bei der japanischen Walfangflotte auf, wurden aber [...]
Zitat von QuerschreiberDas Versagen beim Walschutz ist nicht der EU in die Schuhe zu schieben sondern vielmehr den Walfangnationen, die sich trotz des bestehenden Moratoriums strickt weigern dieses konsequent einzuhalten. Es wird einfach aus pseudo Gründen wie dem Walfang zu wissenschaftlichen Zwecken (insbesondere seitens Japans) weitergejagt.
Am 15. Februar begann der Prozess gegen die beiden japanischen Greenpeace-Aktivisten Junichi Sato und Toru Suzuki. Die beiden deckten 2008 einen Fall systematischer Korruption bei der japanischen Walfangflotte auf, wurden aber für ihre Recherchen von der Staatsanwaltschaft unter Anklage gestellt. Jetzt drohen ihnen bis zu zehn Jahre Haft. weiter (http://blog.greenpeace.de/menschenrechte-walfang/) Petition (https://service.greenpeace.de/themen/meere/mitmach_aktionen/aktion/petition/gerechtigkeit_fuer_die_japanischen_walschuetzer/)
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Natur
alles zum Thema Walfang

© DER SPIEGEL 25/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aus dem SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 25/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Opposition: SPD und Grüne schmieden ein neues Bündnis
  • - Autoren: Der erfolgreichste US-Schriftsteller und die Bücher von morgen
  • - TV-Sender: Der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust über die Pläne von und mit Günther Jauch und die Zukunft von Anne Will im Ersten
  • - Nordkorea: Das letzte große Rätsel des Weltfußballs


Gejagte Riesen: Entwicklung der weltweiten WalbeständeZur Großansicht
DER SPIEGEL

Gejagte Riesen: Entwicklung der weltweiten Walbestände






TOP



TOP