Von Dietmar Hawranek, Alexander Jung, Christoph Pauly, Christian Reiermann und Thomas Schulz
Am Abend des 10. Juni saß Josef Ackermann mit seiner Gattin ganz entspannt in der Spanischen Hofreitschule in Wien. Der Chef der Deutschen Bank und Vorsitzende des internationalen Bankenverbands genoss die Vorführung der Lipizzaner. Er lächelte und scherzte, ganz der gute Herr Ackermann.
Deutschlands mächtigster Banker argumentierte fast wie der Betreiber einer Müllverbrennungsanlage, dem die Umweltbehörden strengere Auflagen ankündigen: Er drohte mit der Zukunft der Arbeitsplätze. Zwar nicht mit Jobs, die wegfallen, aber auch der Hinweis auf knapp zehn Millionen Arbeitsplätze, die nicht entstehen, ist heftig.
Die Töne werden schriller, es wird offenbar ernst in jenem Kampf, der nun schon seit eineinhalb Jahren andauert: Am 15. September 2008 brach die Investmentbank Lehman Brothers zusammen, danach beinahe das Weltfinanzsystem, zuletzt drohten ganze Staaten wie Griechenland unter der Last der Schulden zusammenzukrachen. Auf der einen Seite stehen Banker und Hedgefondsmanager, Juristen und Lobbyisten, auf der anderen die mächtigsten Politiker der Welt.
Bislang waren die Politiker in dem Duell lediglich Sieger nach Worten.
"Nie wieder wird der amerikanische Steuerzahler von einer Bank als Geisel genommen, die zu groß ist, um sie fallenzulassen", donnerte zum Beispiel US-Präsident Barack Obama.
"Wir können nicht länger ein kapitalistisches System ohne Regeln, ohne Ordnung, ohne Normen akzeptieren", schimpfte Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy. "Ein System, in dem das meiste Geld durch Spekulieren statt durch Produzieren verdient wird, in solch einem System möchte ich nicht leben."
Es sind große Worte. Aber geschehen ist fast nichts, was das Geschäft mit der Spekulation auf Aktien und Währungen, auf das Auf und Ab der Börsen, die Wetten der Banken mit möglichst geringem eigenem Einsatz hätte beeinträchtigen können.
Gipfeltreffen gab es schon reichlich seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers. Die Regierungen der G 20 trafen sich in Washington, in London und in Pittsburgh. Am Ende standen Absichtserklärungen und Willensbekundungen. Einschneidende Maßnahmen wurden bis heute nicht beschlossen.
Und wenn stattdessen ein Land mal vorprescht, wie jüngst Deutschland mit dem Verbot besonders spekulativer Geschäfte, dann ist das zwar gut gemeint, bringt aber wenig angesichts der globalen Vernetzung der Märkte. Dann wird eben nicht in Frankfurt gegen eine Bank oder einen Staat gewettet, sondern in London oder New York.
Solche nationalen Alleingänge sind der eher hilflose Versuch, das Versagen der Politik auf internationaler Ebene zu kaschieren.
"Wir hatten uns in der Stunde der Not vorgenommen, dass jedes Finanzprodukt, jeder Akteur und jeder Finanzplatz in Zukunft reguliert sein muss", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich. "Das haben wir den Menschen versprochen." Aber dies, räumte sie ein, "sind wir ihnen noch schuldig".
Die Investmentbanken sind bereits dabei, ein neues Spielcasino zu eröffnen
Es ist höchste Zeit. Die Finanzmärkte wachsen und gedeihen, als hätte es den Beinahe-GAU nie gegeben. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres kassierten die großen Institute Goldman Sachs, JPMorgan Chase und die Deutsche Bank 13,5 Milliarden Dollar Gewinn. Kurz darauf muss Europa dreistellige Milliardenpräventionen zur Rettung klammer Mitgliedsländer bereitstellen. Und die Investmentbanken sind bereits dabei, ein neues Spielcasino zu eröffnen, den Handel mit Rohstoffen.
Sie profitieren weiter von einem Finanzsystem, das wenig Regeln und viele Ausnahmen kennt. Hedgefonds unterliegen kaum Kontrollen, obwohl gerade sie die besonders riskanten Geschäfte machen. Banken müssen zu wenig Eigenkapital vorhalten für die Risiken, die sie eingehen. Rating-Agenturen machen weiter Geschäfte mit Banken, deren Produkte sie später mit Bestnoten versehen.
Es läuft, wie es jahrelang lief. Das große Rad dreht sich, als wäre nichts geschehen, es wird sogar noch geschmiert durch das billige Geld, das die Notenbanken in die Märkte pumpten, um die Folgen der Finanzkrise zu mindern. So profitieren ausgerechnet die von der Krise, die sie mitverursacht haben.
Sie, die Banken, Investoren und Hedgefonds, haben ihre Lehre aus der Krise gezogen: Es kann ihnen nichts passieren, die Risiken trägt der Staat.
Tatsächlich beschließen die Staaten ein Hilfspaket nach dem anderen, der Rettung bedrohter Banken folgte die Rettung bedrohter Staaten. Doch so kann es nicht weitergehen, sonst sind am Ende auch die Retter am Ende.
Es gilt deshalb, die richtigen Lehren aus der Krise zu ziehen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, um die Zukunft zu sichern. Nur weil die Finanzmärkte weitgehend von ihren regulatorischen Fesseln befreit wurden, konnten sie ihr gefährliches Eigenleben entwickeln. Und deshalb ist auch klar, wie das Monster, das so geschaffen wurde, wieder gezähmt werden kann.
Fünf Gebote für die Monsterzähmung:
Gebot 3: Einen TÜV für Finanzprodukte!
Gebot 4: Bewacht die Hedgefonds!
Gebot 5: Kontrolliert die Rating-Agenturen!
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Finanzkrise ab 2007 | RSS |
© DER SPIEGEL 25/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH