Von Michael Fröhlingsdorf, Sven Röbel und Christoph Scheuermann
Er hatte sich auf die Bundeswehr gefreut, gut möglich, dass er sich nach dem Wehrdienst als Zeitsoldat verpflichtet hätte. Es war ein Tag im März, als David einsehen musste, dass seine Freude einseitig war.
Ja, was soll man mit ihnen nur machen? In Berlin wird darüber in diesen Tagen heftig gestritten. Geht es nach Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, wird der Wehrdienst bald kippen. Er will keine Zwangsrekruten mehr, obwohl der CSU-Mann bis vor kurzem noch als entschiedener Anhänger der Wehrpflicht auftrat. Jetzt sagt der Unteroffizier der Reserve: "Faktisch wird sie in zehn Jahren wohl abgeschafft sein."
Mit dieser Aussage hat er die eigenen Parteifreunde gegen sich aufgebracht, allen voran Unions-Fraktionschef Volker Kauder. Kauder sagt, die Wehrpflicht reiche in den Kernbereich seiner Partei, sie sei ein "Instrument, Gesellschaft und Bundeswehr miteinander zu verbinden". Auch CSU-Chef Horst Seehofer meint, die CSU sei "eine Partei der Bundeswehr, wir sagen ja zur Wehrpflicht". Bundeskanzlerin Angela Merkel hält die Wehrpflicht für eine "Erfolgsgeschichte". Sie bremste den Verteidigungsminister, weil sie glaubt, dass ein großer Teil ihrer Wähler den Wehrdienst gut findet.
Es sind die alten Rituale. Die Wehrpflicht war eines der großen Tabus der Politik. Bis in die achtziger Jahre brauchte man Hunderttausende Männer noch, um im Ernstfall rasch ein Massenheer gegen die Armeen des Warschauer Pakts zu rekrutieren. Doch mit der Implosion des Ostblocks und dem Ende des Kalten Kriegs hat sich der Zwangsdienst überlebt.
Doch nun gibt es Hoffnung, denn nun muss gespart werden. Ohne Geld gibt es wohl bald auch keine Wehrpflicht mehr. Beamte des Verteidigungsministeriums haben ausgerechnet, wie viel die Bundeswehr ohne Wehrdienstleistende weniger kosten würde: fast eine halbe Milliarde Euro jedes Jahr.
Neun Monate dauert der Wehrdienst bislang noch, drei Monate Grundausbildung, sechs Monate in einer Kaserne irgendwo in der Republik. Sechs Monate in der Kaserne müssen nicht lang sein. Sechs Monate können aber lang werden, wenn man nicht weiß, was man damit anfangen soll. Niemand weiß es. David nicht, seine Kameraden beim Logistikbataillon nicht, kaum einer der rund 60.000 deutschen Wehrdienstleistenden weiß es, die Bundeswehr auch nicht.
Lernen, wie man Stunden, Tage und Monate verbummelt
Nach der Grundausbildung lernen deshalb viele Wehrpflichtige vor allem, was man machen kann, wenn man nichts macht. Sie lernen, wie man Stunden, Tage, Wochen und Monate verbummelt, wie man Zeit bei Botengängen und auf Bürostühlen verplempert, sie lernen, vor sich hin zu träumen in ihren Einheiten und Dienststellen, auf den Fluren, Stuben und Kasernenhöfen. Das große Rumlungern. Sie werden dabei entweder träge, albern oder kreativ, manchmal alles zusammen, dann veranstalten sie Schlafsackwettkriechen und zeichnen es mit ihren Handykameras auf, das Internet ist voll von solchen Filmchen.
Eine gigantische, neun Monate währende Jungsparty, positiv gesehen. Aber wozu der Unsinn? Wofür hat der Staat letztes Jahr 63.413 Männer zum Wehrdienst einberufen? Warum greift er in das Leben junger Menschen ein, obwohl er nicht erklären kann, was sie in den Kasernen sollen, wenn sie angetreten sind?
Der Staat wird schon wissen, warum er uns einzieht, denken viele, er wird wissen, warum er uns neun Monate lang die Freiheit nimmt. Die Wirklichkeit ist banaler: Er weiß es nicht. Sonst würde er die jungen Männer anders behandeln. Fünf Jahrzehnte nach ihrer Einführung ist die Wehrpflicht zu einer riesigen Maschine geworden, die mit jungen Männern gefüttert wird und in den Kasernen staatlich organisierte Massenarbeitslosigkeit produziert.
Die Soldaten haben ein Wort für Tätigkeiten erfunden, deren ausschließlicher Zweck darin besteht, Betriebsamkeit zu simulieren. Sie nennen es "Dummfick". David, der in Wahrheit anders heißt, erhielt in seinem Logistikbataillon kurz nach Dienstantritt den Befehl, Gewehre zu reinigen - saubere Gewehre, aus denen noch nie ein Schuss abgefeuert wurde. Man könnte denken, es sollte eine Übung sein, aber David hatte das schon in der Grundausbildung gelernt. Er setzte sich trotzdem auf einen Stuhl vor der Waffenkammer, ein sauberes MG 3 vor sich, zerlegte es in seine Einzelteile, polierte sie und setzte sie zusammen. Zerlegen, putzen, zusammensetzen, stundenlang, tagelang. Dummfick.
Zu allem Ärger sei die Kaserne völlig überfüllt gewesen, erzählt er, vier Doppelstockbetten in einer Stube. Einige Kameraden mussten ihre Ausrüstung auf dem Dachboden lagern, weil kein Schrank mehr in die Zimmer passte. David stammt aus einem kleinen Ort in Hessen, nach dem Abitur fand er das Angebot verlockend, bei der Bundeswehr zu studieren und in der Luftwaffe die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Seine Euphorie hielt nicht lange. Nach zwei Wochen wurde er von der Waffenkammer in das Geschäftszimmer der Kompanie versetzt, wo ähnlich viel zu tun war.
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Die Wehrpflicht ist nun mal ein zweischneidiges Schwert. Zum einen sind da die Arbeitsplätze die direkt von der Rüstungsindustrie leben und dann noch Politiker die die damit Reputation, Einfluss, viel Geld und Macht erstreben. [...] mehr...
Sehr gut und treffend dargestellt. Wenn nun in Deutschland auch noch die Wehrpflicht als korrigierendes Moment dieser üblen und menschenverachtenden Politik entfällt, dann können wir uns von der Demokratie in weiten Teilen [...] mehr...
Völlig logische und richtige Schlüsse. Warum wir auch zur Vermeidung und Beendigung von Kriegen die Wehrpflicht brauchen wird hier z.B. klar : http://de.wikipedia.org/wiki/Sowjetisch-Afghanischer_Krieg "Der afghanische [...] mehr...
So ein Schwachsinn. Das Weltsystem befindet sich im wohl grössten Umbruch und in der grössten Instabilität seit dem 2. Weltkrieg, und rundherum wollen alle ihre Streitkräfte verkleinern. Lustig dass Russland China und [...] mehr...
Beitrag 2637. Davon etwa 850 mal diese Position mit dieser - mit Verlaub - ganz und gar oberflächlichen Sichtweise und mindestens 850 mal detaillierter Widerspruch, detaillierter Darlegung der Argumente, die eindeutig dagegen [...] mehr...
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