Von Michael Fröhlingsdorf, Sven Röbel und Christoph Scheuermann
Zumindest ging es ihm nicht wie dem Rekruten eines westdeutschen Transportbataillons, der dazu abkommandiert wurde, ein Telefon zu bewachen und dort Dienstgespräche in Empfang zu nehmen. Es war eine eintönige Aufgabe, denn der Apparat klingelte nie. Wochenlang. Erst als ein Vorgesetzter die Büromöbel verrücken ließ, bemerkte der Soldat den Stecker hinter dem Schrank. Das Telefon war gar nicht angeschlossen.
Anstatt David und die anderen herumbummelnden Rekruten zum Anlass zu nehmen, sich von der Wehrpflicht zu verabschieden, hat der Bundestag vergangene Woche den Dienst nur verkürzt, von neun auf sechs Monate ab 1. Juli. Die sechs Monate wurden von Union und FDP in den Koalitionsverhandlungen beschlossen, weil die Liberalen die Wehrpflicht aussetzen wollten, wogegen sich die Union sträubte. Der Kompromiss macht das Dilemma nur noch größer, weil man die Rekruten in der kürzeren Zeit noch weniger sinnvoll einsetzen kann.
"Militärischer und persönlicher Nutzen des Grundwehrdienstes müssen mindestens gleichgewichtig sein", sagt Hellmut Königshaus, der Wehrbeauftragte des Bundestags. Andernfalls würde die Wehrpflicht in Konflikt mit der Verfassung geraten. Königshaus bekommt gelegentlich Briefe von Soldaten, die sich unterfordert fühlen und sich über sinnlose Arbeiten beschweren. Allerdings sei "davon auszugehen, dass ,Gammeldienst' bei Wehrdienstleistenden verbreiteter ist, als sich dies in den Eingaben niederschlägt".
Bereits vor elf Jahren ließ der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping untersuchen, wie die Bundeswehr moderner, billiger und effizienter werden könnte. Die Kommission unter der Leitung von Richard von Weizsäcker diskutierte schon damals über die Abschaffung der Wehrpflicht. Scharping wollte das aber nicht, er befürwortet die Wehrpflicht bis heute. Verteidigungsminister Guttenberg setzte im April ebenfalls eine Reformkommission ein. Die Ergebnisse sollen im September vorliegen.
Bis dahin rücken immer neue Rekruten in die Kasernen, die wie David bei den Logistikern nichts lieber killen würden als die Zeit. Als David ins Geschäftszimmer versetzt wurde, waren dort drei andere Kameraden damit beschäftigt, die große Leere zu verwalten. Da sie zu viert nur drei Bürostühle hatten, machte einer von ihnen Pause auf der Stube oder lehnte sich an den Tresen im Flur. David sagt, der Höhepunkt des Tages war der Botengang vom Geschäftszimmer zur 300 Meter entfernten Poststelle. Er hat versucht, den Highscore bei Solitaire, dem Kartenspiel, auf dem Dienstrechner zu knacken, und mit den anderen Online-Poker gespielt oder gewürfelt. Häufig sei er schon am späten Nachmittag ins Bett gegangen.
Deutschland verfügte 2009 über das größte Heer von Untauglichen in Europa
Dabei stehen die Chancen gut, ausgemustert zu werden. Von 417.300 abgeschlossenen Musterungsverfahren im vergangenen Jahr endeten fast 43 Prozent mit dem Ergebnis "nicht wehrdienstfähig", was auch politisch so gewollt ist. Deutschland verfügte 2009 über das vermutlich größte Heer von Untauglichen in Europa, eine Invalidenarmee von 178.325 Mann, das entspricht etwa einem Dutzend Divisionen.
Seit Jahren wird das Heer der Untauglichen größer. "Die Zahlen lassen auf eine deutliche Minderung der allgemeinen körperlichen Konstitution und Leistungsfähigkeit schließen", schrieb der frühere Wehrbeauftragte Reinhold Robbe bereits in seinem Jahresbericht 2007. Er machte dafür psychische Belastungen, gestiegenen Drogen- und Medikamentenmissbrauch sowie das Fernsehen und den Computer verantwortlich. Es war ein trostloses Bild, das fast die Hälfte der Wehrpflichtigen wie einen Haufen verhaltensgestörter Phlegmatiker erscheinen ließ, die kiffend vor ihrer Playstation hocken und Pizza in sich hineinstopfen.
Außerdem hat die Bundeswehr gar kein Interesse an vielen Wehrpflichtigen. Sie kosten Geld, nehmen Platz weg und binden Personal. Die Bundeswehr soll eine Einsatz- und Interventionsarmee werden, Soldaten, die man nicht im Ausland einsetzen kann, sind nur eine Last. Damit wenigstens der Anschein von Wehrgerechtigkeit gewahrt bleibt, werden die Tauglichkeitskriterien immer weiter verschärft, so dass die gewünschte Zahl von Männern wegfällt.
So wurden 2009 erst die Untauglichen, dann die Kriegsdienstverweigerer, angehende Polizisten und Feuerwehrleute ausgesiebt und gerade noch 96.185 Einberufungsbescheide verschickt, die wiederum zu Zehntausenden aufgehoben wurden. Dank überschrittener Altersgrenzen, der Aufhebung von Einberufungsbescheiden, Zurückstellungen oder einfach aus "organisatorischen Gründen" mussten nur 68.304 Mann einrücken, von denen 4891 die Truppe bereits innerhalb der ersten vier Wochen wieder verließen. Am Ende blieben 63.413 Wehrpflichtige, die ihren Dienst am Vaterland simulieren durften.
Zur Umsetzung der politischen Vorgaben stecken die Musterungsvorschriften voller Skurrilitäten, die dazu dienen, den Kreiswehrersatzämtern möglichst viel Spielraum zu öffnen, um großzügig auszusortieren. Laut Zentraler Dienstvorschrift 46/1, Anlage 3, sind Rekruten untauglich, wenn sie allergisch auf Sellerie reagieren. Sellerie findet bei der Bundeswehr Anwendung unter anderem in Fleisch- und Gemüseeintöpfen.
Nicht diensttauglich ist, wer allergisch auf Bienen- und Wespenstiche reagiert. Außerdem wird jeder nach Hause geschickt, der keine Malaria- oder Gelbfieberprophylaxe verträgt, obwohl weder Malaria- noch Gelbfiebergebiete in der jüngeren Geschichte in Deutschland bekannt wurden und Wehrdienstleistende nie dienstlich im Dschungel waren.
Junge Männer, die vor oder während der Musterung den Kriegsdienst verweigern, haben dagegen weniger gute Chancen, ausgemustert zu werden. Denn anders als die Bundeswehr hat das Bundesamt für Zivildienst viele Interessenten, die billige Arbeitskräfte gern einstellen, zum Beispiel private Pflegefirmen.
In den Kreiswehrersatzämtern dagegen herrscht oft Willkür. Einen Rekruten, der an den Zähnen Karies hatte, sortierten die Musterungsbeamten aus, während sie einen anderen mit einem verheilten Trümmerbruch für tauglich hielten.
So schafft es die Bundeswehr, auch die Begeisterten zu verprellen. Sven aus Hannover, 21 Jahre alt, wurde nach der Grundausbildung als Sanitäter eingesetzt. "Da lerne ich medizinische Dinge, die mir später nutzen", dachte er am Anfang. Stattdessen lernte er den Umgang mit dem Blutdruckmessgerät. Als er sich bewährt hatte, durfte er von Bett zu Bett gehen, kurz nach dem Wecken, und die Kameraden fragen, ob der Stuhlgang in Ordnung gewesen sei.
Wenn man bei YouTube die Wörter "Bundeswehr" und "Langeweile" eintippt, wird das Ausmaß der großen Leere noch viel deutlicher: deutsche Rekruten im Gefecht mit ihrem Hauptfeind, der Langeweile.
In einem Video wippt ein Soldat im Tarnanzug und mit Gasmaske zu Techno-Musik hin und her, einen Besen als Tanzpartner. In einem anderen Film spielen sie "Betten würfeln" und kippen einen Kameraden von der Matratze; es gibt den Bundeswehr-Twist, bei dem Rekruten in Tarnkleidung, mit Stahlhelm und Gasmaske tanzen; es gibt auch einen Film, in dem sich Männer auf der Stube gegenseitig die Oberschenkel enthaaren mit der Hilfe von Klebeband.
Es sind Soldaten zu sehen, die sich Stahlhelme an Ellbogen und Knie schnallen und damit auf allen vieren über den Linoleumboden hoppeln, im "Schildkrötenrennen"; und Männer, die sich eingewurstet in Bundeswehrschlafsäcken wie fette Raupen über den Kasernenflur wälzen, unter dem Applaus der Kameraden.
Ein Drei-Minuten-Video zeigt einen Soldaten auf einem Stuhl, dem vor Müdigkeit ständig die Augen zufallen, eine komische und traurige Gestalt, zugleich eine großartige Allegorie auf den gesamten Unsinn der Wehrpflicht. Es wird natürlich auch viel gesoffen und erbrochen.
David gelangte nach vier Wochen Nichtstun im Geschäftszimmer seines Logistikbataillons in Bayern zu der Erkenntnis, dass er sinnlos seine Zeit vergeude. Er ging zu seinen Vorgesetzten, verweigerte nachträglich den Kriegsdienst und arbeitet jetzt als Zivi bei einem Pflegedienst.
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