SPIEGEL: Herr Ingenhoven, vor 13 Jahren haben Sie den Wettbewerb für den neuen Hauptbahnhof in Stuttgart gewonnen. Zu sehen ist davon wenig. Stattdessen treffen sich die Gegner Ihres Entwurfs zu Montagsdemonstrationen und skandieren Ihren Namen, als gelte es, Ihren Skalp zu fordern. Haben Sie schon mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?
SPIEGEL: Gefällt Ihnen noch, was Sie vor über einem Jahrzehnt entworfen haben?
Ingenhoven: Ja. Sehr.
SPIEGEL: Ihren Gegnern missfällt fast alles. Da Sie den Bahnhof, der bisher ein Sackbahnhof ist, unter die Erde legen, entsteht überirdisch ein Platz. Die Lichtaugen, die Sie für diesen Platz entworfen haben, werden als "futuristische Pickel" verlacht. Außerdem provoziert Ihr Plan, die Seitenflügel des jetzigen Bahnhofsgebäudes abzureißen, heftigen Widerspruch. Das muss Sie doch frustrieren.
Ingenhoven: Nein, es frustriert mich nicht, ich verstehe manches nur nicht. Ich habe 1997 einen offenen, fairen Wettbewerb gewonnen, die Begeisterung war groß. Dann gab es noch ein Planfeststellungsverfahren. Das wurde 2005 mit einer Genehmigung abgeschlossen. Es konnten Eingaben gemacht werden. Es war also ein durch und durch demokratischer Prozess. Man wird doch dann irgendwann mit dem Bauen beginnen dürfen. Und das tun wir jetzt ja auch.
SPIEGEL: Dennoch empfinden viele Stuttgarter das Projekt als von oben verordnet. Die Gegnerschaft positioniert sich mit Begriffen wie Runder Tisch oder Montagsdemo als Bürgerbewegung von unten.
Ingenhoven: Die Leute haben ja das gute Recht, das Montagsdemonstration zu nennen, aber um es mal sehr ernst auszudrücken: Ich empfinde diesen Verweis auf die Demonstrationen in Leipzig vor der Wende als Missbrauch einer der vielleicht überzeugendsten Bewegungen, die es auf deutschem Boden überhaupt gegeben hat. Insofern würde ich anstelle meiner Gegner bescheidener sein. Ich würde schlicht sagen: Ich bin gegen den Abriss des Nordflügels. Das ist völlig in Ordnung, das kann man ja sein. Man darf aber bei allem Ärger, den wir jetzt haben, nicht vergessen, dass wir 1997, als wir den Wettbewerb für uns entschieden haben, jede Volksabstimmung gewonnen hätten.
SPIEGEL: Warum ist die Stimmung gekippt?
Ingenhoven: Wenn ein Projekt neu ist, wenn es überzeugend ist, sind die Leute angetan. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Bedenken kommen hoch. Dann die politische Dimension: Es standen einige Landtags- und Kommunalwahlen an. Wenn man sich als Politiker von anderen unterscheiden muss, dann nutzt man ein solches Projekt für seine Zwecke.
SPIEGEL: Die Grünen sprechen sich schon lange gegen "Stuttgart 21" aus. Aber wenn nicht einmal eine ökologisch geprägte Partei für ein Bahnhofsprojekt zu gewinnen ist, das mehr Menschen dazu bringen soll, mit der Bahn zu fahren, wen wollen Sie dann noch überzeugen?
Ingenhoven: Ich glaube nicht, dass die Grünen ursprünglich gegen das Projekt waren. Aber sie sind ja eine populäre Partei in Stuttgart und ambitioniert, einmal den Bürgermeister zu stellen. Sie meinen wohl, es wäre besser, zum Lager der Gegner zu gehören. Als ich den Wettbewerb gewann, war ich 37 Jahre alt und habe scherzhaft gesagt, schön, dass ihr einen jungen Architekten ausgesucht habt, ich werde wohl noch erleben, dass der Bahnhof fertig wird. Das war als Scherz gemeint. Jetzt werde ich darüber wohl eher 60 werden. Schon herb.
SPIEGEL: Zehn Jahre Baustelle mitten in der Stadt - können Sie nicht verstehen, dass das den Leuten nicht passt?
Ingenhoven: Das verstehe ich gut, einerseits. Andererseits haben wir doch eine schöne Perspektive vor Augen. Wenn der Bahnhof unter der Erde liegt, erweitert sich die Fläche der Innenstadt um 20 bis 30 Prozent. Wir haben jede Chance, einen nachhaltigen neuen Stadtteil zu entwickeln. Ich finde es schade, dass ich mich - nicht nur in Stuttgart - konfrontiert sehe mit einer Situation, in der es schwierig geworden ist, städtebauliche Veränderungen durchzusetzen. Also alles, was mit Mühen einhergeht, mit Baulärm, mit Sperren von Teilen einer Stadt. Je älter unsere Gesellschaft wird, desto weniger kann sie Einschränkungen akzeptieren.
SPIEGEL: Aber ist das nicht eine verständliche Überforderung? Die Menschen haben das Gefühl, dass zu viel Liebgewonnenes abgerissen wird und wenig Überzeugendes an dessen Stelle tritt.
Ingenhoven: Ja, ich verstehe das auch. In der Nachkriegszeit ist eine Menge abgerissen worden, was man nicht hätte abreißen müssen. Doch dass es jetzt bis dahin geht, die Dinge, die lange weg sind, wiederhaben zu wollen, das finde ich problematisch. Die Frauenkirche in Dresden sollte ein Ausnahmefall bleiben. Ich habe verstanden, dass man die wiederhaben wollte, das hatte einen großen emotionalen Mehrwert. Aber nun ist sie zum Tor geworden, durch das die Retro-Kohorte reitet. Überall wird rekonstruiert.
SPIEGEL: Wieso sollte das eine Projekt einen emotionalen Mehrwert haben und andere nicht?
Ingenhoven: Es ist ein Ausdruck des Scheiterns, dass die Generationen, die heute als verantwortlich gelten, es wagen, die Vergangenheit wie eine Trickkiste zu behandeln, aus der sie mal dieses, mal jenes herausziehen.
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79 Wertheo Finde ich nicht. Ingenhoven hat ein sehr interessantes GESAMTkonzept entwickelt, hat nicht ohne Grund den Wettbewerb gewonnen. Das ist durchdacht für die Stadt Stuttgart und ihre besondere Lage. Man kann ja anderer [...] mehr...
Finde ich nicht. Ingenhoven hat ein sehr interessantes GESAMTkonzept entwickelt, hat nicht ohne Grund den Wettbewerb gewonnen. Das ist durchdacht für die Stadt Stuttgart und ihre besondere Lage. Man kann ja anderer Meinung sein, [...] mehr...
Gesellenstück in dem Sinne, daß es sein erstes war und ihn nebenbei berühmt gemacht hat, so daß er eine Reihe von Fernsehtürmen, Wasserhochbehälter und Brücken bauen konnte. Angefeindet wurde er von seinen Kollegen in brutaler [...] mehr...
Entlarvend. 1. Ein Gesellenstück ist kein Werk eines Meisters. Es war mutig, den Fernsehturm zu bauen mit einem Mann, der erst durch diesen richtig berühmt wurde. 2. Auf fast jeder Ansichtskarte von Stuttgart fehlt der [...] mehr...
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