Von Frank Thadeusz
Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften ist ein Ort kultivierter Geistespflege. Der zum Vortrag aus den Vereinigten Staaten angereiste Historiker Heinrich von Staden, 71, warnt daher mit sanfter Stimme: "Einiges von dem, was wir gleich hören werden, wird unsere moralische, ästhetische und emotionale Empfindsamkeit verletzen."
Aristoteles etwa entdeckte, dass "Schildkröten noch lange weiterleben, nachdem ihnen das Herz entfernt worden ist". Der römische Arzt Galen (129 bis 199) schnitt lebenden Schweinen das Herz heraus und ließ seine Studenten den pochenden Muskel befühlen.
Stadens jüngst in Berlin vorgetragene Lektion berührt denn auch genau jene delikate Frage, über die Historiker derzeit wieder beherzt streiten: Waren die großen Mediziner der Antike Revolutionäre ihres Fachs oder vor allem Tierquäler?
Galen zersägte bevorzugt Schweine und Ziegen. Unter sein Messer gerieten allerdings auch Wölfe, Flusspferde, Löwen und sogar ein Wal. Auf diese Weise gelangte er zu bahnbrechenden Kenntnissen über Blutkreislauf und Nervenbahnen. Doch der Medikus beließ es nicht bei diskreter Forschung hinter verschlossener Tür.
Einen einmal geglückten Versuch wiederholte Galen immer wieder und veranstaltete dabei regelrechte Blutorgien vor Publikum. "Die Heftigkeit, das Töten und die Verstümmelung waren Teil der Darbietung", befindet die Altertumswissenschaftlerin Maud Gleason von der Stanford University. Wiederholt schnallte der Meister lebende Schweine auf ein Sezierbrett, um den zwischen Faszination und Ekel hin- und hergerissenen Zuschauern zu demonstrieren, an welcher Stelle im Gehirn er das Sehvermögen lokalisierte.
Mit zylindrischen Sägen und Bohrern entfernte der antike Arzt einen Teil der Schädeldecke. Anschließend schälte er vorsichtig die äußere Hirnhaut vom Gehirn. "Nachdem du den Ventrikel eines lebenden Schweins freigelegt hast, und sogar wenn du den hinteren Ventrikel aufgedeckt hast, wirst du sehen, dass das Tier weiterhin mit den Augen blinzelt", dozierte der Doktor ungerührt.
"Aber wenn du auf den vorderen Ventrikel drückst, wo die optischen Nerven liegen, hört das Tier auf zu blinzeln, auch wenn du einen Gegenstand in die Nähe seiner Pupillen rückst."
"Sind unsere Empfindlichkeiten etwas ganz Modernes?"
Für eine andere Anordnung legte Galen den Stimmnerv von Schweinen mit einem Spezialhaken lahm, den er unter deren Rippenfell schob. Regelmäßig verblüffte er sein Publikum damit, dass die Tiere nicht mehr quiekten, obwohl er sie mit Schlägen traktierte. "Sind unsere Empfindlichkeiten etwas ganz Modernes?", fragt der Altphilologe Walter Burkert angesichts heutiger Empörung über solche Praktiken.
Dabei war auch Galen nicht frei von Skrupeln. Lebende Menschenaffen blieben von den Sezierkünsten des Meisters verschont. "Ihr Gesicht kann Schmerz und Leid auf so aufwühlende Weise ausdrücken", konstatierte er tief betroffen.
Weit weniger zimperlich waren rund 500 Jahre vor ihm die griechischen Praktiker Herophilos und Erasistratos. Sie gingen als Pioniere in die Medizingeschichte ein, Herophilos etwa lieferte erste detaillierte Erkenntnisse über den Fortpflanzungsapparat von Mann und Frau. Doch zu welchem Preis? Staden vermutet, dass die im ägyptischen Alexandria wirkenden Ärzte Menschen bei lebendigem Leib ausweideten.
Staden beruft sich auf den römischen Chronisten Celsus, der in seiner medizinischen Enzyklopädie berichtet: "Herophilos und Erasistratos sezierten Verbrecher, die ihnen die Könige aus dem Gefängnis hatten bringen lassen, und besahen jene vom Atem erhaltenen Dinge, welche die Natur verborgen hat."
Doch die These von Herophilos und Erasistratos als blutrünstigen Schlächtern ist nicht unwidersprochen. "Das ist einfach Rufmord", behauptet jetzt der US-Historiker Richard Carrier.
Tatsächlich war das Sezieren selbst des menschlichen Leichnams in der Antike verpönt und den Ärzten durch den hippokratischen Eid untersagt. "Warum hätten sie sonst Tiere viviseziert, um Hinweise auf die menschliche Physiologie zu bekommen?", argumentiert Carrier.
Womöglich habe in alter Zeit ein Konkurrent eine Intrige gegen die Beschuldigten inszeniert. Plausibel sei auch eine andere Variante, glaubt Carrier: Mediziner wie Galen übertrugen ihre aus den Tierexperimenten geschöpften Erkenntnisse unterschiedslos auf den Menschen. "Das kann sich schnell so anhören, als zerlege er einen Menschen, aber tatsächlich vivisezierte er ein Tier."
Beruht die Horrorgeschichte von den antiken Menschenversuchen demnach auf einem banalen Irrtum?
Gewiss ist: Die Geschichte der antiken Medizin kennt etliche falsche Deutungen - und Galen trug selbst durchaus fleißig seinen Teil dazu bei. Etwa mit der Annahme, in der linken Herzkammer werde das Blut durch ein Feuer gereinigt. Die Lunge, so folgerte Galen, kühle das Herz wie ein Blasebalg und führe den Rauch ab. Diese Sichtweise gilt inzwischen als überholt.
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Man braucht nicht bis in die Antike eintauchen, um mit wissenschaftlicher Tierfolter zu schockieren. Die meisten berühmten, gefeierten Physiologen der Neuzeit waren Tierquäler: Robert Richet, Marie-Jean-Pierre Flourens, Peter [...] mehr...
Und Sie persönlich haben natürlich noch niemals in irgendeiner Weise von solchen Erkenntnissen profitiert... Seien Sie nicht so scheinheilig, auch wenn Sie sich nicht beim kleinsten Wehwechen eine Aspirin schmeißen, würden [...] mehr...
Genau - immer am schönsten wenn jemand anderes für mein Wohl leiden musste. Nicht wahr? Wieviele Leben anderer ist ihres eigentlich wert? Beliebig viele, nicht wahr? mehr...
Aber genau das meinte ich ja. Es war, rückblickend gesehen, unglücklich formuliert. Ich wollte jedenfalls nicht behaupten, dass die Menschen damals (eben unter gewissen hypothetischen Umständen) nicht prinzipiell genau so mit [...] mehr...
Da wurden auch in KZs Versuche an lebenden Menschen gemacht. Die Ergebnisse werden auch heute noch verwendet. Was ist mit China? Verbrecher werden erschossen, ausgeweidet und die verwertbaren Teile anderen Menschen [...] mehr...
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