ThemaKuriose RekordeRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2010
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
05.07.2010
 

Abenteuer

Testpilot ohne Flugzeug

Von Hilmar Schmundt

Der Österreicher Felix Baumgartner will als erster Mensch im freien Fall die Schallmauer durchbrechen. Von einem Ballon lässt er sich dafür bis an den Rand des Weltalls hieven. Unterstützt wird er von amerikanischen Raumfahrtveteranen.

Er fällt und fällt und fällt. Dann, irgendwann, zieht er die Reißleine, es kracht, der Fallschirm schießt hervor, entfaltet sich. Ein Mann im Astronautenanzug schwebt auf den staubigen Flugplatz von Perris, gut eine Autostunde südöstlich von Los Angeles.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser
Männer in Arbeitskleidung laufen auf ihn zu, befreien ihn von Helm und Fallschirm. "Feels like coming home", sagt er, breitbeinig und mit kantigem Grinsen - ich bin wieder daheim.

Der Fallschirmsprung des Astronauten ist die Generalprobe für ein weit größeres Drama: Felix Baumgartner, ein Automechaniker aus Salzburg, plant den tiefsten Sprung der Weltgeschichte. Vom Rande des Weltalls will er gen Erde stürzen.

Felix im Glück. Schon als kleiner Junge sprang er von Bäumen, später von Felsen und von Wolkenkratzern. Nun steht er auf dem Flugplatz, umringt von Filmleuten der BBC. Fast hat er es geschafft. In diesem Jahr will er, 41 Jahre alt, sein Lebenswerk krönen: durch einen Sprung aus 36.000 Metern. Nur Raketen und Ballons drangen bisher in solche Höhen; bis zu minus 80 Grad Celsius kalt kann es auf dem Weg dorthin werden.

"Red Bull Stratos" heißt das Projekt, benannt nach einer österreichischen Brausefirma, die der Aktion mit ihrem schier unerschöpflichen Werbeetat finanziell Flügel verleiht. Als erster Mensch will Baumgartner die Schallmauer durchbrechen, ungeschützt vom Metallkokon eines Cockpits. Niemand weiß, was mit dem menschlichen Körper passiert in dieser Höhe, bei dieser Kälte, mit dieser Geschwindigkeit.


"Es ist ganz schön ungemütlich dort oben", sagt Baumgartner bei der Manöverkritik in einem leeren Flugzeughangar. Gerade ist er aus über 8000 Metern abgesprungen - immerhin schon fast so hoch wie der Mount Everest, und doch nur knapp ein Viertel dessen, was er sich vorgenommen hat. Das Problem sei nicht die Kälte, auch nicht die dünne Luft. Ihm macht das Gewicht des Fallschirms und der beiden Sauerstoffflaschen zu schaffen, vor allem aber der steife Raumanzug: "Ich fühle mich darin, als wäre ich um 50 Jahre gealtert", klagt Baumgartner.

Ungelenk wie ein Michelin-Männchen

Trainer, Berater, Testpiloten: Ein Team aus über einem Dutzend Leuten wuselt um den Extremspringer herum. Sie analysieren seinen Sprung, studieren Videos. Die spektakulärsten Aufnahmen stammen von Luke Aikins, am Boden ein behäbiger Bär, in der Luft aber ein Balletttänzer, der bei Testsprüngen stets gemeinsam mit Baumgartner abspringt und neben ihm herfliegt mit seiner am Helm befestigten Filmkamera.

Die Bewegungsabläufe des Fallschirmspringers sind für Aikins alltägliche Reflexe: Wenn er die Arme nach hinten streckt, geht er in den Sturzflug mit über 200 Kilometern pro Stunde, wenn er sie ausbreitet wie zum Segen, hebt sich sein Oberkörper und bremst den Sturz. Hält er einen Arm zur Seite, kullert er auf den Rücken und liegt wie auf einem Luftkissen. Aikins gehört zu einer Fallschirmspringer-Dynastie; vom Großvater über die Eltern und Geschwister bis zu den Cousins - alle sind sie gesprungen. Er wuchs auf einem Flugplatz auf.

Baumgartner sitzt nebenan in einem umfunktionierten Baucontainer, passiv wie ein Boxer in der Ringpause. Vier Mitarbeiter helfen ihm, binden seine Stiefel, zurren den Fallschirm fest, den er selbst nicht erreicht. Ungelenk wie ein Michelin-Männchen stapft Baumgartner in seinem mit Druckflaschen aufgepumpten Anzug umher. Auf seinen Handschuhen sind Autorückspiegel montiert, damit er die Geräte an seinem Bauch sehen kann.

Es ist Aikins' Aufgabe, dem tapsigen Raumfahrer den Tanz in der Leere beizubringen. In der Stratosphäre, sagt er, sei die Luft hundertfach dünner als auf Meereshöhe, ein Springer falle hilflos ins Nichts: ohne Luftwiderstand keine Kontrolle.

Alles hänge deshalb vom korrekten Absprung ab, erklärt Aikins seinem Schüler: kein Hechter wie beim Klippenspringen, eher ein sanftes Vornüberkippen, ein winziger Schritt, keine hastigen Bewegungen. Um das zu üben, hat Baumgartner sich an einem Kran hochziehen lassen und ist in ein Bungeeseil gesprungen; wie Frachtgut baumelte der Astronaut damals am Haken.

"Das Gefährlichste ist der Kontrollverlust", sagt Aikins: "Wenn du anfängst, dich um die eigene Achse zu drehen in einem 'Flat Spin', verlierst du das Bewusstsein." Natürlich würde eine Notfallautomatik den Fallschirm dennoch öffnen - aber ein kreiselnder Springer kann sich in den Leinen verheddern. In den Schirm eingewickelt wie eine Seidenraupe, würde er dann zu Boden stürzen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 22 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
09.07.2010 von tabascoman: Test mit Dummies

... wenn man von einer Druckwelle zerlegt wird! Es wäre sinnvoll, das ganze erstmal mit einem Dummy zu probieren. Denn es geht per Verdichtungsstoß in den Überschallbereich und so auch wieder heraus. Wie sich dieser [...] mehr...

09.07.2010 von ayzyo: Darwinismus pur, sehr schön!

Wozu die Hype? Da versucht sich doch nur einer auf eine sehr teure Art auszumendeln, indem er sich in eine schon allzu gut bekannte Gefahr begibt, die auch seinen Vorgänger schon fast zum Tode gebracht hätte. Der aber hatte [...] mehr...

09.07.2010 von john mcclane:

Ich würde mal sagen, wenn bei einem Sprung aus dieser Höhe etwas schief geht gibt es für die "Solidargemeinschaft" (die sich übrigens bei jeder sich bietenden Gelegenheit höchst unsolidarisch zeigt, denn sonst würde [...] mehr...

09.07.2010 von genesys: Kleiner Fehler

Im Artikel heisst es: "...durch einen Sprung aus 36.000 Metern. Nur Raketen und Ballons drangen bisher in solche Höhen." Nicht ganz richtig, die MIG-29 schafft diese Höhe auch. mehr...

08.07.2010 von der_Chinees: Rand

Eine Scheibe mit einem Loch in der Mitte hat 2 Ränder... ;-) mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch
alles zum Thema Kuriose Rekorde

© DER SPIEGEL 27/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aus dem SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 27/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Bundesregierung: Kanzlerin Merkel verliert an Macht und Einfluss
  • - Konjunktur: Die Wirtschaft wächst - und zittert
  • - Frankreich: Eine reiche Witwe gefährdet Sarkozys Rentenreform
  • - Pop: Schock-Rocker Marilyn Manson versucht sich jetzt auch als Maler







TOP



TOP