Von Philipp Oehmke
Auf dem Weg nach Berlin ist es Žižek nicht gelungen, seinen Vortrag wie angekündigt im Flugzeug zusammenzuschrauben. Während sein Vorredner in der Volksbühne noch spricht, ein kleiner Herr aus der Türkei mit langen Haaren und langem Bart, schichtet Žižek Papiere von einem Stapel auf den anderen, sucht, notiert, liest angestrengt. Seine Haare kleben an der Stirn, Žižek schwitzt nicht nur beim Reden, sondern auch beim Denken.
Es ist schon der zweite Tag des Kongresses, bis hierhin musste er sich mit Zwischenfragen über Wasser halten. Er greift sofort Antonio Negri an, der am Vortag Badiou und ihm vorgeworfen hatte, sie vernachlässigten den Klassenkampf. Negris Theorie von der "Multitude", also seine Idee eines revolutionären Subjekts, das in der Unterschiedlichkeit der Einzelnen das Gemeinsame sieht, geht davon aus, dass der Spätkapitalismus sich selbst abschaffe und allein dadurch eine revolutionäre Situation entstehe. Žižek und Badiou ist das viel zu konkret und realpolitisch. Žižek bewaffnet sich mit Hegels Totalitätsbegriff, mit Platons Wahrheitsbegriff und Heideggers Ereignisbegriff. Man müsse außerhalb des Staates stehen, um ihn abzuschaffen, Negri aber bleibe innerhalb des Systems, deshalb könne seine Multitude niemals eine Revolution in Gang setzen.
"Ich weiß, die Leute halten mich zu oft für einen Idioten"
Negri, sein ledernes Gesicht in Falten, reagiert heftig. Žižek sei das revolutionäre Subjekt verlorengegangen, aber ohne revolutionäres Subjekt gebe es keinen Widerstand. Badiou verfolgt den Streit mit dem Gesicht einer alten Schildkröte, als würde es sich überlegen, wen er zuerst ins Arbeitslager schicken möchte. Ob er darauf eingehen wolle, wird Badiou von dem Moderator gefragt. Badiou winkt ab und bleckt ein Wolfsgrinsen. Er wolle sich am nächsten Tag zu Negri äußern und vielleicht auch zu Žižek. Es klingt wie eine Drohung.
Am Ende von Žižeks Vortrag stellt ein Zuschauer eine ziemlich komplizierte Frage, die nicht zu verstehen ist. "You made a good point", sagt Žižek und redet weiter über Hegel. Seine Antwort hat nichts mit der Frage zu tun, die wiederum überhaupt nichts mit dem Vortrag zu tun hat. So könnte das Spiel endlos weitergehen. Plötzlich schiebt Žižek die Pappfassaden beiseite und unterbricht seinen Hegel-Vortrag. "Na ja! Egal. Wie ich schon sagte, Sie hatten einen ziemlich guten Einwand. Und die Wahrheit ist, ich habe keine Antwort. Mein langwieriger Talk war auch nur ein Versuch, das zu verschleiern!" Dankbarkeit im Publikum. Man darf also sagen, dass man nichts versteht und keine Ahnung hat, Žižek tut es auch.
"Ich weiß, die Leute halten mich zu oft für einen Idioten", sagt er am Abend, "für diesen nostalgischen Leninisten. Aber ich bin nicht crazy. Ich bin viel bescheidener und viel pessimistischer."
Das mit dem Staat und der Revolution sei wie mit den Frauen
Warum pessimistisch? Es ist ja tatsächlich nicht abwegig anzunehmen, dass Kapitalismus und Demokratie an einen toten Punkt gekommen sind. "Das stimmt", sagt Žižek, "aber ich glaube, dass die Linke auf tragische Weise bar jeder ernstzunehmenden Vision ist. Wir alle wünschen uns eine richtige authentische Revolution! Aber sie muss weit weg stattfinden, am besten in Kuba, in Vietnam, China, Nicaragua. Das hat nämlich den Vorteil, dass wir hier unsere Karrieren weiterführen können." Dann muss er ins Hotel, die Diabetes, man wisse doch.
Spät am Samstagabend, die USA spielen gerade in der Verlängerung gegen Ghana, ruft Žižek noch einmal an. Er ist aufgeregt. "Haben Sie heute meinen Clash mit Negri mitgekriegt? Unglaublich! Wovon redet der? Dass der Spätkapitalismus sich selbst abschafft?"
Žižek sagt, die Revolution funktioniere nie ohne eine Obrigkeit, ohne Lenkung. Das sei schon bei der Französischen Revolution und den Jakobinern so gewesen.
Er macht eine Pause. Gesprächspausen gibt es eigentlich nicht bei Žižek, weil sie ihn augenblicklich verlegen machen.
Schließlich sagt er: Das mit dem Staat und der Revolution sei wie mit den Frauen. "Es ist unmöglich mit ihnen, aber noch unmöglicher ist es ohne sie."
Er will sich gerade wieder in Rage reden, der Automat kommt auf Touren, dann bricht er plötzlich ab.
"Ach, lassen wir das. Wir sehen uns morgen, lieber Freund!"
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© DER SPIEGEL 27/2010
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