Von Veronika Hackenbroch
Weich ist Leonhardts Brustbein und kaum dicker als ein Streichholz. Aber Michael Hübler durchtrennt ja nicht zum ersten Mal einen Säuglingsknochen. Ganz behutsam führt er die zierliche Knochensäge.
Böttcher tippt die Zieltemperatur ein. Der Kältetauscher in der leise summenden Herz-Lungen-Maschine springt an. 35,5, 33,4, 31,7 - rasant sackt der Temperaturwert auf dem Anästhesiemonitor. 14 Minuten später erreicht er schließlich 28,0 - fast 10 Grad Celsius unter der Normtemperatur.
Drei Tage alt und sieben Pfund schwer ist der Patient im OP 5 des Deutschen Herzzentrums Berlin. Nicht einmal die Nabelschnur ist schon abgefallen.
Leonhardt wurde mit einem schweren Herzfehler geboren. Die Anschlüsse seiner großen Körper- und Lungenschlagadern sind vertauscht. Das Blut des Jungen fließt deshalb in zwei getrennten Kreisläufen. Hätten die Ärzte in den vergangenen drei Tagen die vorgeburtliche Verbindung der beiden Kreisläufe nicht künstlich offen gehalten, wäre der Junge wahrscheinlich schon tot. Jetzt aber ist es höchste Zeit für die Operation.
Die Kälte hat Leonhardts Herzschlag bereits auf 45 Schläge pro Minute verlangsamt. Jetzt befiehlt Hübler: "Kardioplegie vor!" Eine kaliumhaltige Flüssigkeit läuft in das winzige Herz. Sekunden später steht es still.
Jetzt arbeitet nur noch die Herz-Lungen-Maschine. Hübler kann sich daranmachen, Körper- und Lungenarterie vom Herzen abzutrennen und in der richtigen Position wieder anzunähen - eine langwierige, komplizierte Prozedur, deshalb die radikale Abkühlung.
"Von Lawinenopfern und Menschen, die ins Eis eingebrochen sind, wissen wir ja schon seit längerem, dass Kälte das Gehirn vor Sauerstoffmangel schützen kann", erklärt Hübler. "Genau diese Wirkung erhoffen wir uns auch von der Kühlung während der Operation."
Denn niedrige Temperaturen schützen umfassend wie kein anderes Verfahren vor Sauerstoffmangel. Wenn die Versorgung knapp wird, reagiert das Gehirn empfindlich - ganze Kaskaden schädlicher Reaktionen werden in Gang gesetzt: Aggressive freie Radikale und toxische Stoffwechselprodukte fluten das Gewebe, das Blut übersäuert, das Gehirn schwillt. Ein Medikament kann allenfalls einzelne dieser Reaktionen verhindern. Kühlung jedoch vermag fast alle Kaskaden gleichzeitig herabzuregeln. "Das ist einmalig", urteilt Katharina Schmitt, die am Berliner Herzzentrum ein eigenes Forschungslabor zum Thema Kühlung leitet.
Dabei ist die Idee der "therapeutischen Hypothermie", wie die Kühlung zu Behandlungszwecken genannt wird, keineswegs neu. Schon zu Napoleons Zeiten war bekannt, dass verwundete Soldaten im Schnee eher überlebten, als wenn man sie ans Feuer brachte. Und für die ersten großen Herzoperationen in den fünfziger Jahren packten die Ärzte Herzkranke einfach von oben bis unten in Eis, bis das Herz stillstand - und operierten dann ganz ohne Herz-Lungen-Maschine. Nach dem Eingriff wärmten sie ihre Patienten wieder auf, bis ihr Herz aufs Neue zu schlagen begann.
In sibirischen Kliniken operieren Ärzte sogar bis heute auf diese Weise - und berichten von verblüffend niedrigen Sterblichkeitsraten. In der westlichen Welt dagegen verlor die therapeutische Kühlung nach der Erfindung der Herz-LungenMaschine stark an Bedeutung. Erst jetzt erlebt sie plötzlich einen breiten Boom. In immer mehr Bereichen der Medizin hält sie Einzug: Bei Kindern, die während der Geburt unter Sauerstoffmangel litten, aber auch nach Schlaganfällen, Herzinfarkten und Kopfverletzungen wird die Kühlung erprobt. Besonders verbreitet ist sie in der Kinder-Herzchirurgie.
Lange ist es nicht her, dass es bei großen Operationen wie bei dem Säugling Leonhardt ums nackte Überleben ging. Inzwischen jedoch liegt die Sterblichkeit selbst bei komplizierten Eingriffen nur noch bei ungefähr einem Prozent. "Jetzt", sagt Felix Berger, Direktor der Klinik für angeborene Herzfehler und Kinderkardiologie am Herzzentrum Berlin, "geht es darum, dass die Kinder die OP ohne Schaden überstehen."
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Ich würde das auch nicht für jeden Fall verallgemeinern. Aber generell ist es doch so, dass weniger Blutverluste entstehen, Erholungszeiten des Herzmuskels kürzer sind (eine gute Myokardprotektion vorausgesetzt [...] mehr...
Das schöne ist ja, das die Behauptung keiner Prüfung mehr unterzogen werden muss. Sie ist so sehr ins 'quasi Faktenwissen' übergegangen, dass Jeder sie automatisch für richtig hält. Andere Gründe für mangelnde Forschungsgelder [...] mehr...
Nicht wirklich. Aus dem gleichen Grund, ist die Pharmaindustrie, seit Jahren und weltweit, aktiv an der Kriminalisierung von Cannabis Produkten beteiligt. Ich rede da auch nicht vom Kiffen, sondern von Medikamenten mit [...] mehr...
---Zitat--- Denn für die Pharmaindustrie, die sonst in der Regel die klinischen Studien finanziert, ist ein Verfahren, das kaum etwas kostet, nicht von Interesse ---Zitatende--- Überrascht das etwa noch jemanden..? mehr...
... und Ihr Beitrag leider ziemlich knapp gehalten. WESHALB kehrt man denn (angeblich?) wieder zur Normotherapie zurück? mehr...
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© DER SPIEGEL 27/2010
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