Es ist der Tag der widerstandslosen Niederlage gegen Spanien, aber um sechs Uhr am frühen Abend strahlt Anis Mohamed Ferchichi, besser bekannt als Bushido, noch Siegesgewissheit aus. Schon jetzt, zweieinhalb Stunden vor Anpfiff, trägt er sein Deutschland-Trikot. Sami Khedira hat es ihm geschenkt.
Bushido wohnt in einer gelbgetünchten Villa im Berliner Süden, dahinten, sagt er, habe früher Gerhard Schröder gewohnt. Die Laube im Garten, dort, wo der Flachbildfernseher auf einem Kühlschrank steht, hat Bushidos Mutter mit Deutschland-Wimpeln geschmückt. Nach und nach fahren auf dem Hof vor dem Haus sehr breit bereifte AMG-getunte Mercedes vor. Ihnen entsteigen größtenteils arabische Männer, die meisten sind Brüder. Fast alle tragen die weißen Deutschland-Trikots, ein paar haben ihre Söhne dabei, Frauen sind nicht zu sehen.
Je näher der Anpfiff rückt, desto häufiger sagt Bushido: "Spanien, Alter, Scheiße, Mann." Die Zeit nach dem 0:1 verbringt er dann im hinteren Teil des Gartens, weit weg vom Geschehen, rastlos auf und ab laufend, die Arme grimmig vor der Brust verschränkt. Er ist Teil dieses Fußballprojekts, er will nicht verlieren. Nach dem Spiel räumt die Mutter klappernd die Cola-Flaschen von den Bierbänken. Ihr Sohn sitzt noch in seiner Laube, sein Gesicht in den Händen, es gibt keine Lampe, nur der stumm geschaltete Günter Netzer im Fernsehen sorgt für einen Lichtschein.
SPIEGEL: Vielleicht hätten Sie doch nach Südafrika fliegen sollen.
Bushido: Ging nicht, Mann.
SPIEGEL: Wer, wenn nicht Sie, hätte der Mannschaft die gegen Spanien so vermisste Aggressivität einflößen können?
Bushido: Die wollten auch, dass ich komme. Nach dem 4:0 gegen Argentinien, das Spiel war gerade erst zu Ende, alle freuen sich, Maradona hat seinen Zusammenbruch, rief Sami bei mir an.
SPIEGEL: Khedira.
Bushido: Er sagte: "Bushido, du musst jetzt kommen." Er habe das alles schon mit Bierhoff abgecheckt. Und dann rief Bierhoff tatsächlich an. Mein Partner bei dem Song, Kay One, war ganz aufgeregt und sagte zu mir: "Ey, Bruder, da ist Bierhoff dran." Bierhoff hatte mitgekriegt, wie die Jungs in der Mannschaft unseren Song gefeiert haben. Sogar der Bundestrainer hat gesagt: Es sei zwar nicht seine Musik, aber er findet gut, dass die Mannschaft sich damit hochpusht.
SPIEGEL: Wie muss man sich das vorstellen, dieses Hochpushen?
Bushido: Sami meinte, die Mannschaft hört das Lied im Bus und in der Kabine. Und als sie nach dem Argentinien-Spiel gegen ein Uhr nachts im Hotel ankamen, hing dort ein riesiges Poster von mir. Auf dem Bild haben sie mir schwarzrotgoldene Streifen auf die Wange gemalt. Dazu lief mein Song krass laut.
SPIEGEL: Khedira und Sie haben beide einen tunesischen Vater und eine deutsche Mutter. Kommt daher Ihre Verbindung?
SPIEGEL: Wie kam es zu dem Song?
Bushido: Ich habe Sami angeboten, einen Song für Südafrika zu schreiben, nur für ihn persönlich. Und er sagte: Was, das würdest du machen? Klar, kein Ding.
SPIEGEL: Wie viel Arbeit ist so ein Lied?
Bushido: Ganz ehrlich: alles in allem unter 60 Minuten. Den Text habe ich in 20 Minuten geschrieben. Ich bin durch die Straßen gefahren, habe all die Fahnen gesehen, aus den Fenstern, in den Autos, da schreibt sich so ein Text von allein. Die Beats gehen auch schnell. Und außerdem sollte der Song ja nur für Sami persönlich sein. Er sollte gar nicht veröffentlicht werden.
SPIEGEL: Aber?
Bushido: Sami sagte zu mir: Bombe! Und erzählt Journalisten davon. Eine Woche später steht in der Zeitung: Bushido rappt unseren WM-Song. Die Mannschaft hatte das so entschieden. Sogar der DFB hat ihn abgesegnet.
SPIEGEL: Dass Philipp Lahm Bushido hört, kann man sich nicht vorstellen.
Bushido: Kann ich mir auch nicht vorstellen. Aber "Fackeln im Wind" ist kein typischer Song. Ich schlüpfe in keine Rolle, ich versuche weder asozial noch politisch korrekt zu sein. Das ist ein Fan-Song.
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© DER SPIEGEL 28/2010
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