SPIEGEL: Die WM-Songs scheinen ziemlich genau den Geist der jeweiligen Mannschaft widerzuspiegeln. In der Zeit, als Fußballer noch Oberlippenbart trugen, kamen die Songs von Udo Jürgens, beim Sommermärchen waren es Grönemeyer und Naidoo. Heute haben wir eine Mannschaft, deren Rückgrat Migrantenkinder bilden, wie Sie eins sind. Ihr Song scheint eine logische Konsequenz.
Bushido: Das ist klug analysiert, aber ganz ehrlich: Für uns alle, also ich meine, für uns Migrantenkinder, ist das nichts Besonderes. Natürlich haben wir früher darüber geredet, wo die Väter herkommen, aber das hat keine Rolle gespielt. Wir haben nicht gesagt: Eigentlich kommst du aus Palästina und du aus dem Libanon und der dritte aus der Türkei.
SPIEGEL: Sondern?
Bushido: Wir sind Deutsche. Genauso wie Mesut Özil. Meinen Sie, der hat ernsthaft überlegt, für die Türkei zu spielen?
SPIEGEL: Der Berliner Kevin Boateng spielt auch für Ghana. Der scheint sich anders als Sie nicht so deutsch zu fühlen.
Bushido: Das ist was anderes. Ich kenne Kevin gut. Der hatte beim DFB keine Chance, das war eine reine Karriereentscheidung. Aber der musste auf der Karte erst mal gucken, wo Ghana liegt.
SPIEGEL: Eine Mannschaft mit vielen Migrantenkindern spielt super Fußball, und ein Rapper, den man ebenfalls erst mal nicht für deutsch hält, singt das Lied dazu. Meinen wir das mit multikulturell?
Bushido: Das ist noch gar nichts. Es wird Zeit, dass Deutschland sich auch auf anderen Gebieten, jenseits von Fußball und Pop, wandelt. Wenn wir über Integration sprechen, müssen wir nicht nur über euch Deutsche sprechen, nicht nur darüber, ob ihr uns annehmt. Wir müssen vor allem über die neuen Deutschen reden, die hier leben: Ob die bereit sind, sich zu assimilieren, die Sprache zu lernen, Respekt zu haben.
SPIEGEL: Sie haben mit 14 begonnen, Drogen zu verkaufen, und sind vor Gericht gelandet. Ist das eine perfekte Assimilationsgeschichte?
Bushido: Natürlich nicht. Trotzdem hat mich dieser Umweg über die Kriminalität dahin geführt, wo ich jetzt bin. Mein Drogenhandel war ein halbes BWL-Studium. Als ich verurteilt wurde, hat mich ein sehr wohlwollender Richter vor die Wahl Knast oder Ausbildung gestellt. Ich habe drei Jahre Maler gelernt und bin jeden Morgen um 5.30 Uhr aufgestanden.
SPIEGEL: Fraglich, ob man daraus etwas ableiten kann.
Bushido: Nein. Für die wenigsten geht das so gut aus. Die meisten werden drogenabhängig, kommen ins Gefängnis oder werden sogar erschossen. Ich aber bin heute sehr bekannt und muss nie wieder arbeiten. Als Migrantenkind bin ich ein leuchtendes Beispiel.
SPIEGEL: Lange galten Migranten als Belastung für eine Gesellschaft. Durch Nationalspieler wie Mesut Özil werden sie nun als Bereicherung gesehen.
Bushido: Trotzdem gibt es hier gleich wieder Probleme. Es gibt jetzt Türken, die sagen. "Wir bringen den Deutschen die Seele zurück. Wenn ihr uns nicht hättet."
SPIEGEL: Stimmt nicht?
Bushido: Nein. Mesut Özil ist Deutscher. Vergesst das Gerede von den Wurzeln. So werdet ihr nie in der multikulturellen Gesellschaft ankommen. Die zeichnet sich gerade dadurch aus, dass kein Aufhebens mehr darum gemacht wird, wer irgendwann mal woher kam. Wenn Khedira den Messi ausschaltet, sagt man doch auch nicht: Der Tunesier hat den Messi ausgeschaltet. Das ist altes Denken, interessanterweise kommt das nicht von den Deutschen, sondern eher von den Ausländern. Die sind die Rückständigen.
SPIEGEL: Ihr Vater ist Tunesier, viele Ihrer Freunde sind Araber, Sie haben ein Image als Outlaw gepflegt. Trotzdem wirken Sie patriotischer als die meisten Deutschen.
Bushido: Ich bin unglaublich patriotisch. Ich bin seit meiner Geburt Deutscher und habe mich noch nie anders gefühlt. Früher, als meine Eltern noch zusammen waren, waren wir ein paar Mal in Tunesien. Aber ich kann mich nicht erinnern.
SPIEGEL: Sprechen Sie Arabisch?
Bushido: Ich kann Arabisch. Aber nicht, weil mein Vater Tunesier ist. Sondern weil ich in Berlin aufgewachsen bin. Weil ich hier seit zehn Jahren mit Arabern rumhänge. Ich spreche auch fließend Türkisch. Mein Stiefvater war ja Türke.
SPIEGEL: Sind Sie nie rassistisch angegangen worden?
Bushido: Natürlich gab es Streitereien, und einer sagt dann: Du Scheiß-Ausländer. Ich habe dem Typen dann einfach auf die Fresse gehauen, aber dafür mache ich doch das Land nicht verantwortlich. Außerdem ist meine Mutter auch Deutsche. Deutschland ist ein Top-Land.
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Die Inbesitznahme von deutschem Patriotismus als provokative Geste: mehr ist das doch nicht. In unserem bunten und toleranten Land ist dies selbstverständlich ein integrativer Akt. Und genau dies ist zutiefst unpatriotisch. mehr...
1. Bushido ist in Tempelhofer 2. Bushido ist ein Liederklauer http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,685251,00.html mehr...
Danke für diesen überaus intelligenten, sachlichen und pointierten Beitrag.......soweit zur Ironie. Ehrlich gesagt kenn ich das nicht aus eigenen Erfahrungen und ich wohne in einem Teil Berlins mit über 20% Ausländeranteil. [...] mehr...
Ich finde die amerikanische Einstellung zu dem Thema ziemlich reizvoll, wenn man nicht dran glaubt kann man es auch nicht schaffen. Eine Ausbildung zu bekommen wenn man nicht aussieht wie ein typischer deutscher ist nicht so [...] mehr...
1. Bushido ist in Tempelhofer 2. Sido ist im MV aufgewachsen 3. Das MV ist nicht in Wedding sondern in Reinickendorf Ansonsten haben Sie recht mehr...
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© DER SPIEGEL 28/2010
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