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Ausgabe 28/2010
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12.07.2010
 

Essay

Neue deutsche Männer

Von Alexander Osang

Neue DFB-Elf: Locker, leichtfüßig, losgelöst
Fotos
Getty Images

Die Nationalelf war bei der WM Botschafter eines anderen, jungen Landes.

Vor zwei Wochen stieg ich kurz vor Mitternacht in Durban, wo Deutschland später gegen Spanien verlor, zu zwei weißen Männern und einer schwarzen Frau in einen Hotelfahrstuhl. Die beiden Männer trugen Englandtrikots, die Frau war nur spärlich bekleidet. Es war ein langer Fußballtag gewesen, und die Engländer hatten offenbar ziemlich zeitig mit Bier angefangen. Ich hatte im wunderschönen Stadion in Durban gesehen, wie Holland die Slowakei niederrang, später im Fanpark am Meer, wie Brasilien Chile besiegte, und wollte ins Bett. Die Gruppe im Fahrstuhl konnte sich nicht entscheiden, ob sie aussteigen oder bleiben sollte. Schließlich sprang einer der Männer aus der Kabine, zog die Frau hinter sich her, und ich fuhr mit dem anderen Mann nach oben. Er schwankte bedenklich und kippte zwischen der zweiten und dritten Etage auf seinen Rucksack.

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"Wo kommst du her?", fragte er von dort unten.

"Aus Deutschland", sagte ich. "Tut mir leid. Ich weiß, es war ein Tor."

"Ach, scheiß auf das Tor", sagte der Mann. "Ihr wart besser. Schneller. Wir haben all die langsamen, faulen Stars mitgenommen. Terry, Lampard. Die haben doch keine Lust mehr. Ihr wart wirklich gut. Ich weiß nicht, wie ihr das hinbekommen habt. Aber das war wirklich sehr gut."


"Danke", sagte ich und stieg aus.

"Muller, Osssil, leck mich am Arsch, verdammt gute Jungs", sagte der Mann noch. Er saß auf seinem Rucksack und lächelte. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er wusste, wo er von hier aus hin sollte, aber er wirkte nicht unzufrieden. Ein orientierungsloser, betrunkener Engländer, der einen Moment Halt gefunden hatte am neuen, deutschen Fußball. Damit war nicht zu rechnen. Und Deutschland hatte noch nicht einmal Argentinien mit vier Toren besiegt. Ich weiß nicht, wie viele Hotelangestellte, Stadionnachbarn, Fernsehkommentatoren und Taxifahrer mich in den letzten Wochen in Südafrika zum deutschen Fußball beglückwünscht haben, sie kämpften sich durch die komplizierten Namen, Swinesteiger, Close, sie lächelten verzückt und bewundernd, manchmal hatte ich das Gefühl, selbst ein neuer, leichterer Mensch geworden zu sein.

Irgendetwas Leichtes, Tänzerisches, Schönes, Freudvolles

Zwei Monate zuvor, in einer anderen Fußballzeit, erzählte mir Michael Becker, der Manager von Michael Ballack, welche deutschen Spieler angeblich schwul seien. Wir saßen in einem Restaurant über der Mercedes-Niederlassung in Luxemburg, wo Becker wohnt. Der Vorteil hier sei, dass man beim Essen sein Auto waschen lassen könne, sagte Becker. Er schien gute Laune zu haben und hatte allen Grund dazu. Das Essen war gut, die Sonne schien, wir waren mit seinem Mercedes-Cabrio, das Verdeck heruntergelassen, durch ruhige Straßen hierhergerollt. Sein wichtigster Klient Michael Ballack hatte soeben seinen Weg zurück in die Stammelf von Chelsea London gefunden, er war bei L'Oréal in die Rolle von Pierce Brosnan geschlüpft, die deutschen Bahnhöfe waren mit seinem Lächeln plakatiert, und in der Fußball-Weltmeisterschaftsausgabe der amerikanischen "Vanity Fair" war Ballack der Deutsche, der sich neben Cristiano Ronaldo, Kaká, Drogba und Eto'o in Unterhosen fotografieren lassen durfte. Seine Unterhose trug die schwarzrotgoldenen Farben. Ballack war unumstrittener Kapitän Deutschlands. Er war der einzige Star, den wir dort draußen in der Welt hatten. Und doch schien Michael Becker dem Frieden nicht zu trauen.

Er redete viel über Leute, die seinen Klienten beneideten, weil sie mittelmäßig seien, hässlich, untalentiert, bürokratisch, provinziell, unmännlich oder eben schwul. Er erzählte unglaubliche Geschichten, die ich in meinen Notizblock schrieb, und Becker schien nichts dagegen zu haben, vielleicht, weil er annahm, dass sie sowieso nie veröffentlicht würden oder auch, dass sie bekannt seien. Ein paar Tage später, am Rande des Abschiedsspiels von Bernd Schneider in Leverkusen, kündigte Becker inmitten einer Traube von Spielerberatern und Journalisten im Bayer-Clubhaus an, dass es einen ehemaligen Nationalspieler gebe, der "die Schwulencombo" demnächst hochgehen lassen würde. Ich erwartete, dass meine Kollegen nun mit roten Ohren nachfragen würden, was das bedeuten solle, aber sie nickten nur gelassen. Alle Sportjournalisten schienen die Geschichten von der vermeintlichen großen homosexuellen Verschwörung um die Mannschaft von Joachim Löw zu kennen. Die Gerüchte sind auch mit nach Südafrika gereist. Sie gehören offenbar dazu.


Als wir aufgegessen hatten, zeigte mir Becker sein Büro, sein Haus und den Garten, in dem er seit einiger Zeit vergebens versucht, einen Froschteich anzulegen. Er erzählte mit leuchtenden Augen, wie Elton John auf Michael Ballacks Hochzeit die deutsche Nationalhymne gesungen hat. Als ich ihn fragte, ob denn ein Spieler, der etwas überraschend nominiert worden war, seiner Meinung nach auch schwul sei, sagte Becker nur: "Der ist halbschwul", und ich begriff, dass das alles ein Synonym war für etwas, was Becker nicht mehr verstand. Irgendetwas Leichtes, Unideologisches, Tänzerisches, Schönes, Freudvolles, in dem man sich verirren konnte, wenn man sich bislang an Hackordnungen und Hierarchien orientiert hatte.

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15.07.2010 von Justitia:

Das ist reinste Spekulation die vor allem deswegen kaum zutreffen dürfte, weil D gegen Brasilien ein deutlich ausgewogeneres Spiel als die Türkei ablieferte. Noch sind Sie hier nicht der sysop und können mich nicht [...] mehr...

15.07.2010 von fatih_sultan_mehmet: Wenn Sie versuchen würden,

die Zitate in ihrem argumentativen Kontext zu erfassen, könnten Sie sich das da oben sparen: Eben, es hat nicht funktioniert, weil das frühe deutsche Tor dieses angenommene Konzept völlig über den Haufen geworfen hat. Das [...] mehr...

15.07.2010 von Keine Panik:

Man muss einen Sachverhalt nicht immer in alle Einzelheiten auseinander dröseln, manchmal ist ein einfacher Vergleich hilfreich. Man vergleichen nur die Spiele gegen SER, GHA u. SPA mit denen gegen ENG u. ARG. Es ist ein [...] mehr...

15.07.2010 von krafts:

An sich zeugen deine Kommentare von Fachkenntnis, aber was mir immer wieder mal negativ auffällt, ist deine Neigung, bestimmte Spieler als Sündenböcke zu brandmarken bzw. die strikte Unterteilung der Spieler in gut und schlecht. [...] mehr...

15.07.2010 von fatih_sultan_mehmet: Erzählen Sie das nicht mir,

... sondern Ihrem "Spezie", dessen "Herrenmenschenhabitus" es offenkundig nicht verkraften kann, dass Argentiniens Niederlage vornehmlich auf Maradonas Kappe und nicht auf überragende "toitsche [...] mehr...

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