Von Alexander Osang
Natürlich war das alte Fußball-Deutschland auch da. Thomas Berthold saß gescheitelt wie ein Unteroffizier im Fernsehstudio des südafrikanischen Fernsehens und warnte vor der Unerfahrenheit der deutschen Abwehr. Im DFB-Mannschaftsquartier erzählte mir Generalsekretär Wolfgang Niersbach, dass er schon misstrauisch wurde, als er von den Betreuern hörte, wie pflegeleicht die neue deutsche Mannschaft sei. Pflegeleicht sei ja schön und gut, aber man brauche auch Ellenbogen. Und nach dem Englandspiel erklärte mir Lothar Matthäus ungefragt, wie er als Trainer der englischen Nationalmannschaft die Deutschen bezwungen hätte.
Sie waren da, aber man hörte sie nicht so richtig in all dem Jubel.
Nach dem Argentinienspiel suchte selbst Joachim Löw nach Worten für das, was er eben gesehen hatte. Er wirkte, als hätte er einem Wunder beigewohnt. Er redete kaum noch von harter Arbeit, Training und Automatismen, sondern von Weltklasse, Wahnsinn, Championswürdigkeit und Schweinsteiger, der überragend gespielt habe. In der Kabine gratulierte die Bundeskanzlerin, die auf der Tribüne getanzt und geklatscht hatte. Auch sie war wieder leicht wie wir alle. Der lebenslustige südafrikanische Präsident Zuma sah sie an, als fürchtete er, dass sie ihm jeden Moment auf den Schoß springen würde. Antschela, sagte Löw und lächelte verträumt, ja sie freuten sich alle, wenn die Antschela komme. Es lag nichts Anbiederndes und schon gar nichts Politisches in dieser Aussage, es war eher so, als komme Queen Mum zum Spiel. Ein Maskottchen.
Auch Michael Ballack war Gast des Argentinienspiels, aber die Aussagen zu ihm klangen gepresster. Natürlich freue man sich, dass der Michael hier sei und sie anfeuere, klar, viel Zeit habe man allerdings nicht für ihn, weil man sich ja noch in einem Turnier befinde, sagte Bastian Schweinsteiger. Michael Ballack saß neben Bierhoff auf der Tribüne wie ein Ehrengast des DFB-Präsidiums. Natürlich jubelte er bei den Toren, aber einmal, zwischen dem 3:0 und dem 4:0, zeigte eine Stadionkamera sein Gesicht, und er sah sehr ernst aus. Er reiste am übernächsten Tag ab. Es gab irgendeine medizinische Erklärung, aber jeder verstand, wie schwer es für ihn sein musste, diese ganze Freude zu sehen, ohne wirklich dabei zu sein. Selbst Kevin-Prince Boateng, der eine Zeitlang als Staatsfeind galt, weil er Ballack kaputtgetreten hatte, war nun ein WM-Held. Alles, was auf Michael Ballack im Moment wartete, war Leverkusen.
Die deutsche Maschine war keine Dampfmaschine mehr
Inzwischen war keiner der Unterhosenstars der "Vanity Fair" mehr im Turnier. Es waren die vier Mannschaften übrig geblieben, die neben Ghana am deutlichsten sichtbar als Mannschaft aufgetreten waren. Die Uruguayer spielten nicht, als würden sie aus Südamerika kommen, die Spanier spielten wie Barcelona, Holland spielte wie Deutschland und Deutschland wie Holland. Die südafrikanischen Zeitungen schrieben von der "deutschen Maschine", die England bezwang und danach Argentinien. Aber es klang nicht abschätzig. Die deutsche Maschine war keine Dampfmaschine mehr, kein Bulldozer, eher eine Nähmaschine oder einer dieser Automaten, die in hohem Tempo gleichmäßig Tennisbälle ausspucken.
Auf dem Höhepunkt der selbstbewussten Leichtigkeit sagte Schweinsteiger, der im Argentinienspiel "Man of the Match" geworden war, dass sie sich im nächsten Spiel Spanien wünschten. Sie wollten keine Ausreden mehr, kein Durchgewurschtel, sie wollten die Favoriten schlagen. Torwart Manuel Neuer antwortete auf die Frage, ob er zu Manchester United wechseln wolle: "Nö. Ich hab doch Vertrag auf Schalke." Es gab jetzt keinen vernünftigen Grund mehr, die Bundesliga zu verlassen. Deutschland hatte Zukunft. Kurz danach erklärte uns Philipp Lahm, dass er die Kapitänsbinde nach der Weltmeisterschaft nicht mehr hergeben wolle. Das Amt mache ihm Spaß, sagte Lahm. Er trage gern Verantwortung. Es klang in diesem Moment selbstverständlich, nicht anmaßend. Aber ein einziges Spiel kann so etwas verändern.
Die Deutschen haben sich lange gewehrt, aber am Ende ratterte die spanische Nähmaschine einfach perfekter. Es war beruhigend zu sehen, wie sich in Joachim Löws Gesicht die Enttäuschung über die deutsche Niederlage mit der Bewunderung über das spanische Spiel mischte. Es ist ja das, was er will. Er ist von seinem eigenen Ideal bezwungen worden. In der Mixed Zone versuchte seine Mannschaft weiterhin eine Mannschaft zu sein. Die Veteranen Schweinsteiger, Podolski, Klose und Lahm bauten sich vor den Journalisten auf, in ihrem Rücken schlichen die niedergeschlagenen Jungstars wortlos zum Bus. Die neuen deutschen Männer Neuer, Özil, Khedira, Kroos und Boateng sahen aus wie Schuljungs. Nur Thomas Müller, der für das Spanienspiel gesperrt worden war, blieb für einen Moment stehen.
Wie fühlen Sie sich, fragte jemand.
"Scheiße", sagte Müller.
Es schien, als hätte sich Lahm auf Stalins Stuhl im Politbüro gesetzt
Kurz nach Mitternacht stand ich mit ein paar Kollegen in einem Gästehaus in Durban, wo wir übernachteten. Man sah das Stadion in der Ferne und dahinter den Indischen Ozean. Die Kollegen überlegten, was die Geschichte des nächsten Tages sein würde. Wir redeten über Khedira, der den Spaniern nicht gewachsen war, über Friedrich, der zu viele Bälle im Spielaufbau verloren hatte, über Lahm, dessen Pässe nie angekommen waren und über Özil, der sich im entscheidenden Moment nicht getraut hatte zu schießen. Und es dauerte nur einen Moment, da stand Michael Ballack wieder im Raum. Jemand sagte, man brauche auch einen Spieler, der einfach mal jemanden umtritt. Man konnte nur ahnen, was Thomas Berthold in diesem Moment dachte, was Lothar Matthäus, was Generalsekretär Niersbach und was Michael Becker.
Auf der deutschen Pressekonferenz am nächsten Tag war jedenfalls wieder viel von harter Arbeit die Rede und weniger von deutscher Leichtigkeit. Die Journalisten interessierten sich vor allem für ihre Rückflugoptionen und die Frage, ob Philipp Lahm mit seiner Kapitänsaussage nicht doch zu weit vorgeprescht sei.
Alles Romantische war für einen Moment verflogen. Das Schöne, Leichte, Tänzerische gehörte den Spaniern. Es ist nicht einfach, ein neuer deutscher Mann zu sein, aber man kann sagen, dass es in der Welt gut ankommt.
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