Von Alexander Smoltczyk
Als Josef Kleindienst noch ein Bauernbub war, daheim in Schrattenberg in Niederösterreich, da hat er seinen "Faust" gelesen. Und als er dann den Hof verließ und Polizist wurde in der Stadt, hat er immer noch den "Faust" geliebt. Auch den zweiten Teil, das mit dem "Geklirr der Spaten" und dem "freien Grund".
Heute steht Josef Kleindienst, 200 Millionen Euro reicher und sehr weit entfernt von Schrattenberg, auf eigenem Grund aus grauem Muschelsand, ein wüster Fleck im dampfenden Wasser des Persischen Golfs: "Deutschland". Mein Deutschland, könnte Kleindienst sagen, denn der Immobilienmakler hat die Insel, vier Kilometer vor Dubai, gekauft, zusammen mit "Österreich", "St. Petersburg", "Schweden", "Schweiz" und den "Niederlanden", vorgesehen als "Party Island".
"Das wird mit Germany über eine Pontonbrücke verbunden sein. Und auf Österreich bauen wir ein ,Sisi'-Hotel für Liebeshochzeiten", sagt Kleindienst.
1400 Meter lang ist Deutschland und 800 Meter breit, ohne Baum und Strauch, nur von Reifenspuren überzogen und bestanden nur von einem Bulldozer, einem Bohrkran und anderen Baugerätschaften.
Allein mit Immobilien wird kein Geld mehr verdient
Die Inseln sind Teil von "The World", jener Weltkarte aus 300 Inselchen, deren Aufschüttung nicht unwesentlich zu den Finanzschwierigkeiten der Immobilienfirma Nakheel im vergangenen Jahr beigetragen hat und das Märchen vom Übermorgenland Dubai beendete. "Die Spekulationsblase ist geplatzt", sagt Kleindienst. "Heute sind die Mieten reguliert. Allein mit Immobilien wird hier am Golf kein Geld mehr verdient. Wer baut, muss auch dafür sorgen, dass etwas passiert in den Gebäuden."
Deswegen Germany. Die Insel soll Vorreiter sein, Beweis, dass auch in Dubai immer noch erfolgreich auf Sand gebaut werden kann. Dass der Traum weitergeht. Soll der Rest von The World doch brachliegen. Kleindiensts "Herz von Europa" braucht die anderen nicht: "Wir können auch ohne die Nachbarn leben." Isolationismus ist machbar.
Kleindienst ist ein hochaufgeschossener Mann von 46 Jahren, dem man die Herkunft eher anmerkt als das im Dubai-Boom verdiente Geld. Als Polizist brachte er einmal, daheim in Österreich, seinen ehemaligen Parteifreund Jörg Haider mit einem Enthüllungsbuch in die Klemme. Aber das liegt lange zurück.
Wie eine Luftspiegelung liegt Deutschland im Golf
Kleindienst hat sein eigenes Österreich. Wie eine Luftspiegelung liegt Deutschland im Golf. Aber Kleindienst kann es klar erkennen. In diesen Tagen ziehen die ersten Ur-Bewohner Germanys ein, Bauarbeiter aus Südindien, die in Containern leben, Palmen pflanzen, Fundamente gießen, Mauern hochziehen.
"Wie das Geklirr der Spaten mich ergetzt!", heißt es im "Faust II", "Es ist die Menge, die mir frönet, / Die Erde mit sich selbst versöhnet, / Den Wellen ihre Grenze setzt, / Das Meer mit strengem Band umzieht." Der Hitze wegen wird nur nachts gearbeitet.
"18 Villen in minimalistischem Design, die meisten mit eigenem Strand und Yachtsteg, alle mit Pool. Der Boden ist schon verdichtet und behördlich abgenommen", so steht es im Werbe-Flyer. Die ersten zwölf habe er schon verkauft, sagt Kleindienst, zu rund drei Millionen Euro das Stück. Denn was will man? Meer natürlich, und am liebsten ungestört.
Ein Hamburger Geschäftsmann, sagt Kleindienst, habe sich auf Germany eingekauft, weil es als Winterdomizil besser sei als Florida: "Angenehme Temperaturen, aber weniger Flugzeit, keine Sicherheitsschikanen bei der Einreise, keine Drogen und Discos für die Teenagertöchter." Und kein BP-Öl im azurblauen Wasser.
Die World ist begrenzt
Allerdings werden künftige Kolonisatoren sich alle sechs Monate um eine neue Aufenthaltsgenehmigung bemühen müssen. Die ist nicht inbegriffen. Kleindienst rechnet dennoch mit einer Verdoppelung der Preise für seine Domizile: "Schließlich ist die World begrenzt."
Vor Tsunamis schützt ein Wellenbrecherring, vor Piraten und anderen Belästigungen ein 24-Stunden-Wachdienst.
Ein ganzes Korallenriff wurde mit Laserstrahl abgeschnitten und in der World verankert. Ebenfalls vor Anker gehen könnte ein Casinoschiff. Es wird eine temperierte "Regengasse" geben auf Schweden, Kunstgalerien natürlich und auf "Party Island" alias "Monte Carlo" auch einen "von Amsterdam inspirierten Nightlife-Distrikt" mit Clubs und Lounges.
Kleindienst steht gegen den Bulldozer gelehnt und kneift die Augen gegen die Sonne. Ein ständiges dumpfes Brummen ist zu hören, das sind die Pumpen einer Nachbarinsel.
Die täglich 80 Kubikmeter Wasser für Bewohner, Pools und Pflanzen werden mit Tankschiffen gebracht werden müssen. Aber Germany hätte seinen Namen nicht verdient, wenn das Projekt nicht vom Fraunhofer-Institut auf Umweltverträglichkeit getrimmt worden wäre.
"Kein anderes Land hat in Dubai solch einen guten Ruf. Deutschland steht für Präzision, Fleiß, Engineering, Ökologie. Vorsprung durch Technik eben."
Die Insel Deutschland wird im Glanze ihres Glückes blühen, daran hat Josef Kleindienst keinen Zweifel. Nächstes Jahr soll die erste Villa stehen. Es ist ihm ernst, dem Josef Kleindienst aus Schrattenberg. Er hat eigenes Geld auf seine Inseln gesetzt, sehr viel Geld. Das ist der Unterschied zum Original. Germany ist schuldenfrei.
Auf anderen Social Networks posten:
Die "Hohe Zeit" von Dubai ist vorbei, und so vorbei ist sie auch fuer Josef Kleidienst. Aus dem Vorzeigeprojekt EBC (siehe die protzige Internetseite: http://www.kleindienst-group.com/ wurde er vom echten Besitzer hinaus [...] mehr...
Das frage ich mich auch immer. Was ist den der Reiz einer Villa auf einem solchen Inselchen? Ich stelle es mir total langweilig vor, dort zu leben. Da gibt es doch vieeeeeeeeel schönere Plätze auf der Welt. mehr...
Wer einmal auf Dubai die schon bestehenden "Luxus"-Villen auf den Palm Islands gesehen hat, der weiss, dass hier lediglich solvente Vollidioten (z.B. Schumacher Junior) in dreister Weise abgezockt werden. Null [...] mehr...
... die "Kleindienst group" real, von der man im Februar diesen jahres in der Gulf News lesen konnte? http://gulfnews.com/business/property/plot-prices-on-the-world-islands-rise-by-50-per-cent-1.584249 mehr...
Ich kenne Josef Kleindienst schon seit sechs Jahren als er noch bei dem Immobilien Franchiser Engels & Völkers beschäftigt war und weiss mit absoluter Gewissheit, dass er nicht Multimillionär oder gar Milliardör ist. Es ist [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fernweh | RSS |
© DER SPIEGEL 28/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH