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Ausgabe 29/2010
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19.07.2010
 

Medizin

"Ein modernes Massendelikt"

Von Katrin Elger, Udo Ludwig und Conny Neumann

Gesundheitsminister Rösler: Transparenz gefordertZur Großansicht
ddp

Gesundheitsminister Rösler: Transparenz gefordert

Nach Einschätzung von Experten und Ermittlern werden im deutschen Gesundheitswesen jedes Jahr mehrere Milliarden Euro zu Unrecht abgerechnet. Vor allem in den Kliniken bietet sich großes Einsparpotential, doch die Politik hält sich zurück.

Norbert Gatzweiler sieht seine Berufung darin, Mandanten gegen Anschuldigungen zu verteidigen. Im vergangenen Jahr schlüpfte der Rechtsanwalt aus Köln jedoch in eine für ihn ungewohnte Rolle: die des Klägers.

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Im Auftrag von mehreren Ärzten erstattete Gatzweiler bei der Staatsanwaltschaft Köln eine Anzeige gegen Labormediziner aus Leverkusen. Der Vorwurf: Die Laborbetreiber hätten Computer manipuliert, um höhere Rechnungen stellen zu können; der Schaden für die Versicherungen ginge schätzungsweise in die Millionen. Seine Auftraggeber, fügte Gatzweiler an, hätten Angst, in diesen Sumpf hineingezogen zu werden, deshalb sei er in ihrem Namen tätig geworden.

In einem Land, in dem der Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen seit Jahrzehnten als Kavaliersdelikt verstanden wird, ist dieser Fall von besonderer Qualität: Er ist ungewöhnlich, weil Angehörige des sonst so sehr auf Verschwiegenheit und Rücksichtnahme bedachten Medizinbetriebs Kollegen anschwärzen. Und er ist gut begründet, weil sie ihre Anzeige unterfüttern mit einem eigens angefertigten Gutachten vom Institutsdirektor für Medizinische Informatik der Technischen Hochschule Aachen.

Nur mit dieser Expertise sahen die Ärzte eine Chance, den Manipulateuren beizukommen. Fachleute wie Alexander Badle, der beim hessischen Generalstaatsanwalt eine Zentralstelle zum Abrechnungsbetrug leitet, halten die Skepsis der Anzeigenerstatter für berechtigt: Der Gesundheitsmarkt sei "intransparent und extrem kompliziert. Das eröffnet die Möglichkeit, Gelder fehlzuleiten".


Jahrzehntelang galt das Gesundheitswesen als ein riesiger Topf, aus dem sich alle Beteiligten großzügig und nahezu unbehelligt bedienen konnten. In diesem schwer zu durchschauenden System hätten sich Ärzte, Apotheker und medizinische Einrichtungen "hemmungslos bereichert", urteilt der Darmstädter Oberstaatsanwalt Andreas Kondziela, der zahlreiche Verfahren dieses "modernen Massendelikts" bearbeitet hat. Den Schaden schätzt der Ermittler auf einen zweistelligen Milliardenbetrag. Pro Jahr.

Die Kassen sollen es richten

Mithin ein enormes Einsparpotential in Zeiten schwer beherrschbarer Gesundheitskosten. Doch das Regierungslager - gleich welcher Couleur - tut sich schwer, Falschabrechnungen den Garaus zu machen. In der Union wird das heikle Thema ans Ende der Prioritätenliste verbannt. "Man muss das wohl realistisch sehen, es gibt noch jede Menge andere wichtige Dinge zu tun", erklärt Johannes Singhammer, der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. "Man kann als Gesetzgeber nicht jedem Einzelfall hinterherjagen", meint Rolf Koschorrek, CDU-Obmann im Gesundheitsausschuss.

Und der neue Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, Deutschlands oberster Kostendämpfer, Gesundheitsreformer, Erneuerer? Auch der FDP-Mann, selbst Arzt, möchte es sich mit seiner Zunft nicht verderben. Sein Ministerium verweist auf die "Selbstverwaltung" - die Kassen sollen es richten.

Dass die es allein nicht können, dass das Gesundheitsministerium "sich dringend um das Problem kümmern" müsste, davon ist Karl Lauterbach, der Gesundheitsexperte der SPD, zutiefst überzeugt: "Die Vorschläge Röslers zielen immer nur darauf ab, mehr Geld in die Kassen zu spülen", kritisiert er, "mit der Frage, auf welchem Weg Unsummen durch Betrug einfach versickern, beschäftigt er sich nicht."

Die SPD-Fraktion hat eine Arbeitsgruppe zum Thema Abrechnungsbetrug gegründet. Sie prüft etwa Möglichkeiten, wie ertappte Ärzte wirksamer zu sanktionieren sind. Nach der Sommerpause will die SPD einen Katalog mit Vorschlägen vorlegen.

Wie die Politik sehr wohl mithelfen kann, das Problem einzudämmen, zeigt ein Gesetz, das den Kassen vor sechs Jahren auferlegt wurde. Seitdem müssen sie den Falschabrechnern nachspüren, seitdem haben sie Abteilungen zur sogenannten Fehlverhaltensbekämpfung eingerichtet. Allein von den Krankenhäusern holen sich die Versicherungen inzwischen bis zu 3,5 Prozent des Geldes zurück, weil Rechnungen falsch oder gar manipuliert waren.

Scheuten auch die Krankenkassen lange Zeit die Auseinandersetzung mit den sogenannten Leistungserbringern, so schätzen sie neuerdings die Möglichkeiten, die eine forsche Kontrolle unter Ärzten, Apothekern, Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern bieten. Denn jede eingesparte Million kann ihre Position im Wettbewerb verbessern.

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insgesamt 104 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
25.07.2010 von herdubreid: Einseitige Sicht der Krankenkassen

Dieser Artikel des Spiegel ist als sehr einseitig zu bewerten. Haben Sie Mitarbeiter der Krankenhäuser gefragt, die täglich mit unsäglichen Anfragen von KK beschäftigt werden? Die allermeisten davon betreffen die sog. [...] mehr...

21.07.2010 von eggshen: Tote....

Und eigentlich dachte ich noch, ich hätte etwas überspitzt formuliert. Naja, manchmal wird man halt ganz schnell von der Realität eingeholt - http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,707698,00.html mehr...

20.07.2010 von schlimme Fisch: schon richtig

Aber wie schon gesagt, das sind ehr Ausnahmefall, die nicht für den Zusammenbruch des Systems ursächlich sind!!! Aber ich kann Ärger über sowas schon verstehen, aber wenn sie das mit sicherheit unterbinden wollen, dann treffen [...] mehr...

20.07.2010 von gallstone: ,.-

Allein die tatsache, dass sie schreiben, "damit ich wieder arbeiten kann" macht daraus einen großen unterschied. zum einen zahlen sie in die kasse ein und wollen dies auch weiterhin tun. bei ihr ist es aber anders. [...] mehr...

20.07.2010 von schlimme Fisch: nicht die Regel

Ich muß! jetzt zum zweitenmal in meinem Leben nach einer OP in eine Rehamaßnahme (letztesmal vor 26 Jahren) damit ich wieder weiter Arbeiten kann, glauben sie mir, ich empfinde das nicht als spassig oder als ein Vergnügen! [...] mehr...

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Der Beitragssatz zur Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) steigt 2011 von 14,9 Prozent auf 15,5 Prozent. Die Anhebung um 0,6 Punkte, die etwa sechs Milliarden Euro einbringt, tragen Arbeitgeber und Arbeitnehmer letztmals gemeinsam. Der Anteil der Arbeitgeber wird dann auf 7,3 Prozent festgeschrieben. Es bleibt bei dem nur von Arbeitnehmern zu zahlenden Sonderbeitrag von 0,9 Prozent.

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