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Ausgabe 29/2010
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19.07.2010
 

Umwelt

Das wachsende Paradies

Von Gerald Traufetter

Foto: REUTERS

Koralleninseln wie die Malediven gelten als die ersten Opfer des Klimawandels. Doch sind die Archipele wirklich vom Untergang bedroht? Ein Team von Geologen geht vor Ort einem faszinierenden Verdacht nach: Können die Strände mit dem Meeresspiegel ansteigen?

Für viele Gelehrte existieren nur zwei Arten von Materie: lebende und tote. "Das macht das Denken so schön einfach", sagt Paul Kench.

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Inseln etwa zählen gemeinhin zur Sphäre des Unbelebten, und weil der Geologe von der Universität in Auckland die Fachwelt vom Gegenteil überzeugen will, paddelt er mit seinen Schwimmflossen im smaragdgrünen Wasser des Indischen Ozeans.

Mit fünf Forscherkollegen ist Kench auf die Malediven gereist. Gemeinsam wollen sie das wahre Wesen der Tropenarchipele ergründen. Kench: "Diese Inseln sind wie ein Organismus, der wächst, sich ständig verändert und manchmal auch vergeht."

Der neuseeländische Forscher hat diesen ungewöhnlichen Körper mit Sensoren gespickt, um sein Wachstum zu vermessen. Alle wollen sehen, wie er das macht, und so tauchen sie mit ihren Masken und Schnorcheln ein in die wundersame Unterwasserwelt der Lagune. Flache, runde Formen lösen sich ab mit Zacken und merkwürdigen Kugeln, gemustert wie Gehirne. Vor ihnen liegt ein Wald aus Korallen, deren Skelette aus Kalk das Riff bilden. Die Inseln verdanken ihre Existenz dem Leben und Sterben dieser Tiere.

Inmitten der bizarren Landschaft wird ein Rohr sichtbar, so lang wie ein Unterarm. Es steckt zwischen zwei Tischkorallen. Kench hebt den Daumen, die anderen Taucher nicken: Sie haben eine der von ihm aufgestellten Sedimentfallen entdeckt. Darin sammeln sich die Kalkpartikel abgestorbener Korallen, jene Körner also, aus dem die Traumstrände des Urlaubsparadieses aufgebaut sind.

Die Menge der aufgefangenen Sedimente verrät, wie viel Sandnachschub die Korallen für das Wachstum der Inseln liefern. "Durch diese Messung", erklärt Kench nach dem Tauchgang, noch ein wenig nach Luft schnappend, "wollen wir eine möglichst exakte Bilanz hinkriegen."


Diese Frage zu klären ist nicht nur von akademischem Interesse. Wie viele andere Atollinseln gelten die Malediven als bedrohtes Paradies. Die globale Erwärmung lässt den Meeresspiegel ansteigen. Wehrlos den Fluten ausgesetzt, so das düstere Szenario, sind die Archipele dem Untergang geweiht.

"Doch diese Vorstellung ist viel zu simpel", widerspricht Kench - und dem Neuseeländer ist natürlich bewusst, welche Sprengkraft seine Aussage hat.

Ähnlich wie die Eisbären auf ihren schmelzenden Schollen sind die untergehenden Inselparadiese zu Symbolen des Klimawandels geworden. Medienwirksam hatte Malediven-Präsident Mohamed Nasheed Ende vergangenen Jahres unmittelbar vor dem Klimagipfel von Kopenhagen eine Kabinettssitzung unter Wasser abgehalten: "Wenn wir die Welt retten wollen, dann schlage ich vor, mit den Malediven zu beginnen."

In diesem aufgeheizten Klima mahnen Kench und seine Mitstreiter vor vorschnellen Schlüssen. Erst im vorigen Monat veröffentlichte Kench zusammen mit Arthur Webb von der Pacific Island Applied Geoscience Commission auf Fidschi eine Studie, deren Ergebnisse ganz anders waren als erwartet.

Die Geomorphologen hatten alte Luftaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg mit aktuellen Satellitenaufnahmen verglichen. Überraschender Befund: Die meisten der untersuchten Atollinseln sind in den letzten Jahrzehnten größer geworden oder zumindest unverändert geblieben - obwohl der Meeresspiegel bereits um zwölf Zentimeter angestiegen ist.

Sofort nach Veröffentlichung wurde die Studie in den politischen Kampf um die Erderwärmung hineingezogen. Klimaaktivisten zweifelten an der vermeintlich frohen Botschaft. Die Skeptiker des vom Menschen verursachten Klimawandels werteten sie wiederum als Beleg, dass die Aufregung um die Erwärmung vollkommen überflüssig sei.


Die Wissenschaftler sind über diese Polarisierung unglücklich. "Wir nehmen den Klimawandel sehr ernst", betont Kench. "Aber um die tatsächlichen Folgen für die Atolle richtig vorherzusagen, müssen wir doch erst einmal verstehen, wie sie auf den künftigen Anstieg des Meeresspiegels wirklich reagieren."

Bislang greift die Klimafolgenforschung auf ein recht einfaches Modell zurück, und danach hätten die Inseln längst schrumpfen müssen. Trotz seiner Schwächen wird das Modell noch immer benutzt, auch in Studien für den Bericht des Uno-Weltklimarats IPCC kam es zum Einsatz. Kench und seine Mitstreiter, die ihre Atollforschungsgruppe REEForm nennen, wollen es endlich verwerfen.

Gemessen an der öffentlichen Aufmerksamkeit, ist der Wissensstand über die Dynamik der Koralleninseln erschreckend gering. Geomorphologen wie Kench, die sich mit den Wachstumsprozessen von Atollen auskennen, sind eine Seltenheit: In ihrer kleinen Reisegruppe ist die Hälfte aller weltweiten Fachleute versammelt.

Der einzige Einheimische der Expedition ist Ibrahim Naeem, Direktor der maledivischen Umweltbehörde. Der 38-Jährige führt die Forscher über die Koralleninseln. Den ersten Stopp legen sie auf einem Eiland ein, das nicht größer ist als ein Fußballfeld. Den Namen kann keiner auf dem Boot aussprechen: Bodukaashihuraa. Drei Palmen stehen auf dem unbewohnten Flecken Erde.

Begrüßt werden sie von Mückenschwärmen. Doch im Forschungsfieber nehmen das die Landgänger nicht wahr. Lohnt es sich hier, mit einem Bohrer durch das Riff zu stoßen, um eine Sedimentprobe zu nehmen? Zusammen mit dem australischen Geologen Scott Smithers macht sich Kench ans Werk.

Die beiden Forscher haben schon so manches Loch ins Atoll gebohrt. Durch die Untersuchung solcher Proben fanden sie heraus, wann die Malediven in ihrer heutigen Form entstanden sind: vor rund 4000 bis 5000 Jahren.

Die Korallen, denen die Inseln ihre Existenz verdanken, siedeln auf unterseeischen Bergstümpfen, den Überresten versunkener Vulkane. Ihre Skelette aus Kalk sind das Baumaterial der Atolle. Auf den Malediven bilden sie rundherum ein Riff, das kontinuierlich emporwächst, bis es an einigen Stellen aus dem Wasser ragt. Wellen und Strömungen zermahlen die abgestorbenen Korallen und türmen das Sediment aus den Korallengärten zu Stränden und Inseln auf.

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