Von Joachim Kronsbein
So beschaulich sieht das gutbürgerliche Dänemark aus. Hier in Allerød wohnt, wer sich die ländliche Nähe zu Kopenhagen leisten kann. Einfamilienhäuser stehen dort, viele sind aus Backstein gemauert, in den Gärten weht der rot-weiße Dannebrog, die dänische Flagge. Kriminalität ist nahezu unbekannt. Manchmal wird ein Fahrrad gestohlen.
Seit zwei Jahren gilt Adler-Olsen, 59, der früher auch einmal die dänische Friedensbewegung koordinierte, als Zukunft des skandinavischen Krimis. Seine Bücher handeln, wie fast alle skandinavischen Krimis, von den Auffälligen, von den psychisch Angeschlagenen. Sie beschreiben Menschen, die zu Tätern werden, weil sie krank sind. Oder krank gemacht wurden.
Adler-Olsen kennt sich aus mit kranken Seelen. Sein Vater war Arzt in psychiatrischen Kliniken. Die Ärzte-Kinder wuchsen mit den Patienten gemeinsam auf. Manchmal wurden sie losgeschickt, um vermisste Insassen zu suchen. Einmal, erinnert sich Adler-Olsen, lief er im Wald direkt gegen die baumelnden Beine eines Patienten. Er hatte sich erhängt. Einer dieser Patienten ist das Vorbild für Adler-Olsens Kommissar Carl Mørck.
Bis jetzt verkauften sich in Dänemark über 115.000 Exemplare von Adler-Olsens Mørck-Erstling. Nun folgt die große internationale Karriere. Adler-Olsen und seine dänische Verlegerin Nya Guldberg wissen, dass die am besten in Deutschland beginnt. Für Krimis, die hier zum Bestseller werden, interessieren sich auch amerikanische und britische Verleger.
Mit Büchern ist es wie mit Autos oder Eiscreme. Hat ein neues Produkt Erfolg, entwickelt die Konkurrenz umgehend mehr oder weniger gelungene Kopien. Ein Nachahmerprodukt ist immer noch besser als ein schlechtes Original. Und im günstigsten Fall ist es vielleicht sogar eigenständig genug, dass es die Erwartungen der Käufer nach Neuem, aber Ähnlichem erfüllt. Auch der Buchmarkt funktioniert nach solchen Moden. Skandinavische Krimis sind eine sehr erfolgreiche Mode.
König ist immer noch der Schwede Henning Mankell, 62, der mit seinen Romanen inzwischen 37 Millionen Bücher verkauft hat. Doch sein Kommissar Kurt Wallander ist jetzt außer Dienst. Im letzten Roman der Reihe, "Der Feind im Schatten", schickt Mankell seinen tragischen Helden in den ewigen Nebel einer Alzheimer-Krankheit.
Für ein paar Jahre galt dann der schwedische Polit-Journalist Stieg Larsson als würdiger Nachfolger, literarisch und kommerziell. Er hatte es geschafft, mit nur drei Bänden einer Krimi-Reihe weltweit über 26 Millionen Exemplare zu verkaufen. Das sind fast dreimal so viele Bücher, wie Schweden Einwohner hat. Allein der Absatz in den USA liegt bei sechs Millionen. Doch Larsson starb 2004 im Alter von 50 Jahren an einem Herzinfarkt.
Der Markt ist riesig, neue Ware begehrt. Bei der Frankfurter Buchmesse 2008 bot Verlegerin Guldberg Adler-Olsens Buch deshalb deutschen Verlagen zur Auktion an. Spannungsliteratur ist in Deutschland ein wichtiges Segment der Belletristik: Ein Viertel aller verkauften Titel stammt aus diesem Genre.
Nya Guldberg machte auch Bianca Dombrowa, Programmleiterin Belletristik beim Münchner Deutschen Taschenbuchverlag (dtv), eine Offerte. Adler-Olsens Krimi habe Kraft: großer Stoff, erstklassige Ware. Und vor allem: Das Buch sei gleichermaßen für Männer und Frauen geeignet. Dombrowa ließ noch während der Messe drei des Dänischen mächtige Gutachter die Originalausgabe für dtv lesen. Alle drei waren sich einig: ersteigern.
Der Preis war nicht gerade niedrig, aber "in Ordnung", so Dombrowa. Sie bekam für ihr Geld die Geschichte einer dänischen Abgeordneten, die über Jahre von einem Psychopathen in einem Kellerverlies gefangen gehalten wurde, gequält, gedemütigt und ohne Aussicht auf Rettung. Und sie bekam den unverwechselbaren Ermittler Carl Mørck. Diesen arbeitsmüden Kommissar haben seine Chefs in den Keller des Kopenhagener Präsidiums verbannt, wo er im Sonderdezernat "Q" unerledigte Fälle bearbeiten soll. Mørck arbeitet, und auch das hat im Krimi Tradition, mit einem ungewöhnlichen Helfer. So wie Sherlock Holmes seinen Watson oder Hercule Poirot seinen Arthur Hastings, hat Mørck Hafez el-Assad, einen syrischen Immigranten, der es vom Putzmann zum unentbehrlichen Assistenten bringt.
Adler-Olsens Buch hatte für den deutschen Markt allerdings einen gravierenden Fehler, den falschen Titel: "Die Frau im Käfig". So müsste, wörtlich übersetzt, sein Krimi "Kvinden i buret" heißen. Das klang dtv-Frau Dombrowa zu umständlich, latent frauenfeindlich und irgendwie ordinär. Auf jeden Fall nicht spannend.
Auch Stieg Larssons Bücher haben im schwedischen Original umständliche Titel: "Männer, die Frauen hassen", "Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte" oder "Das Luftschloss, das gesprengt wurde". Der Heyne Verlag, der die Bücher auf Deutsch herausbrachte und Larsson zum skandinavischen Grisham beförderte, erfand die Ein-Wort-Lösung. Titel wie Axthiebe: "Verblendung", "Verdammnis", "Vergebung". Ohne Artikel, ohne Sinn und vollkommen austauschbar. Aber unbedingt nachahmenswert.
Bianca Dombrowa schnappte sich eine Bibel, blätterte und hatte nach einiger Zeit eine Drei-Silben-Erleuchtung: "Erbarmen". Über 300.000-mal hat sich Jussi Adler-Olsens Buch unter diesem Titel inzwischen in Deutschland verkauft. Es ist, immer noch, ein Bestseller, ganz wie erhofft. Seit 40 Wochen steht es auf der SPIEGEL-Bestseller-Liste. Und Nummer zwei kommt Ende August auf den Markt. Sein Titel: "Schändung".
Die englischsprachigen Rechte wurden vor ein paar Wochen erwartungsgemäß auch schon verkauft, an den Verlag Penguin, der Adler-Olsens Bücher in Großbritannien und den USA herausbringen wird.
In Dänemark hat Adler-Olsen inzwischen schon den dritten Mørck-Band veröffentlicht, am vierten schreibt er. Sechs weitere will er noch abliefern. Im Kopf hat er sie schon konzipiert.
Seine Fälle, sagt er, findet er in den Zeitungen. Manchmal reiche eine kleine Meldung, seine Phantasie mache sich selbständig, und Carl Mørck, der skurrile Kommissar, nimmt seine Arbeit auf.
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Ebenfalls sehr angenehme Lektüre sind die Krimis und Thriller von Arnaldur Indriðason, sofern man sich vom etwas sehr fantasievollen Erstlingswerk "Menschensöhne" abschrecken lässt, dem zum Glück glaubhaftere Bücher [...] mehr...
Höchst empfehlenswerter Autor mit einem Polit-Thriller: Olav Njølstad, "Die Oslo-Connection" - ein Freund Israels wird desillusioniert. mehr...
Die mit Walter Sittler waren ja deutsche Verfilmungen, nach den Krimis von Mari Jungstedt. Habe sie leider nicht gesehen. mehr...
Danke für den Tipp, habe den Namen noch nie gehört. Hakan Nesser kenne ich, finde ich auch gut. Mir fallen noch ein Ake Edwardson, Liza Marklund, Ilkka Remes. Mir gefallen die schwedischen Verfilmunge auch gut, sind halt [...] mehr...
In dem Artikel vermisste ich Håkan Nesser - den finde ich auch ganz gut. Von den Finnen möchte ich Dir Outi Pakkanen ans Herz legen. Ihre Bücher sind z.T. auch ins Deutsche übersetzt worden. Die schwedischen [...] mehr...
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