Von Joachim Kronsbein
Die Kommissare aus den skandinavischen Krimis haben, so scheint es, alle ein Alkohol-, Ehe- oder Karriereproblem. Meistens laborieren sie an allen dreien. Sie sind keine Supermänner, weder im Beruf noch im Bett. Sie leiden an ihrer Existenz, ihrem Job und ihren Kollegen. Es geht ihnen also nicht anders als den meisten ihrer Leser.
Auch in seinem zweiten Roman, "Schändung", schickt Adler-Olsen seinen Kommissar wieder in die Abgründe der feinen dänischen Gesellschaft. Es geht um eine Gruppe arrivierter Geschäftsleute, die sich seit ihrer Schulzeit in einem Elite-Internat kennen. Sie sind die Söhne erfolgreicher Eltern, wohlhabend, gebildet und für andere lebensgefährlich.
Im Internat hat die Gruppe, zu der damals auch ein Mädchen gehörte, eine perverse Neigung zu Sex- und Gewalt-Exzessen entwickelt. Die Schüler überfielen aus purer Lust wildfremde Menschen, quälten sie und schlugen sie bis zur Bewusstlosigkeit. In einem Fall töteten sie in einem Sommerhaus ein Geschwisterpaar. Adler-Olsen erklärt die Gewalt nicht aus sozialer Verwahrlosung, sondern aus der Lieblosigkeit, mit der die Jungen aufwachsen mussten. Das Verbrechen ist ein Oberschichtsphänomen. Begangen von Menschen, die glauben, sich von jeder Verantwortung freikaufen zu können.
Die Ermittlungen nach dem Mord an den Geschwistern liefen damals ins Leere, bis sich ein Mitglied der Gruppe nach Jahren freiwillig stellte und die Tat gestand, die anderen hatten ihn mit Geldzahlungen dazu gebracht. Nun, glauben sie, haben sie nichts mehr zu befürchten.
Mørck, der zähe Kleinbürger, befasst sich mit dem 20 Jahre alten Fall. Er kommt mit seinem Helfer Assad den inzwischen erwachsenen Großbürgersöhnen bedrohlich nahe. Ihre Gewaltorgien betreiben sie weiter - in der Abgeschiedenheit ihrer Landsitze. Dänemark wird in diesem Buch zu einer beklemmenden Kulisse, zu einem Land, in dem die Bourgeoisie die Gesetze bricht und sich als kapitalistische Kaste gegenseitig schützt.
Adler-Olsens Blick auf seine Heimat ist ebenso pessimistisch wie die Sicht Henning Mankells auf Schweden. Ystad, die südschwedische Kleinstadt, in der Kurt Wallander seine Fälle löste, scheint in demselben Land zu liegen wie Adler-Olsens Kopenhagen.
Die Welt dieser selbstsicheren Männer, die glauben, sich wegen ihres Reichtums und ihrer Beziehungen bis hinauf zu der Spitze des Justizapparats alles erlauben zu können, beginnt zu zerbröseln.
"In der Wirklichkeit", sagt Jussi Adler-Olsen, "ist es viel schlimmer als in meinen Büchern." Man brauche doch nur ins Internet zu schauen. Gegen das, was Josef Fritzl im österreichischen Amstetten seiner Tochter angetan habe, sei sein Roman "Erbarmen", Carl Mørcks erster Fall um die gefangengehaltene Politikerin, geradezu harmlos.
Seine Bücher, beharrt er, seien gründlich recherchiert. Er schildere nichts, was es nicht auch im tatsächlichen Leben geben könne. Aber er tut es mit deutlicher Sozialkritik.
Begründer dieser Tradition des skandinavischen Krimis ist das schwedische Ehepaar Per Wahlöö und Maj Sjöwall. In ihrer legendären zehnbändigen Reihe "Roman über ein Verbrechen" (1965 bis 1975) um den Polizisten Martin Beck kritisierten die bekennenden Marxisten die Zustände im reformfreudigen Schweden. Für das Autoren-Gespann blieb das Land selbst unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Olof Palme eine stark verbesserungsbedürftige Klassengesellschaft.
Diese Romane, die parteiisch kommentierend Realität als eine Art fiktionalen Dokumentarismus abbilden wollten, passten nicht nur politisch in die Zeit. Sie waren auch stilistisch modern.
Davon hat sich der gegenwärtige skandinavische Krimi entfernt. Seine Szenarien sind Übersteigerungen der Wirklichkeit, eine komprimierte Als-ob-Realität voller Gewalt.
Anneli Høier, die in Kopenhagen eine der wichtigsten Literaturagenturen Skandinaviens betreibt, erklärt sich die Gewaltszenarien mit der diffusen Angst der Leser vor Bedrohung: "Die skandinavische Gesellschaft kennt relativ wenig Gewalt. Aber es gibt, gerade in kleinen, geschlossenen Systemen wie denen bei uns im Norden, die Angst davor."
Jo Nesbø, der norwegische Erfolgsautor, ließ in seinem Roman "Schneemann" (2008) einen Killer auftreten, der nur dann Frauen bestialisch tötete, wenn es gerade geschneit hatte. Mordinstrument war bei ihm ein Gerät aus der Veterinärmedizin, mit dem den Opfern mittels einer elektrisch betriebenen Schlinge der Kopf abgetrennt wurde.
Und der Schwede Arne Dahl bediente sich für seinen Erstling "Böses Blut" (2003) einer Foltermethode, die zuletzt im Vietnam-Krieg von den Amerikanern angewandt wurde: Der Mörder zerfetzte seinen Opfern mit einem Spezialgerät die Stimmbänder, bevor sie qualvoll starben.
All diese Autoren, da ist sich Høier sicher, verdanken ihren Erfolg letztlich nur einem: Henning Mankell.
Der hat mit seinen düsteren Krimis in der Tradition von Sjöwall/Wahlöö seit Beginn der neunziger Jahre die Renaissance der Kriminalliteratur in Skandinavien begründet.
"Auf seinen Schultern", sagt die Literaturagentin Anneli Høier, die ihn weltweit vertritt, "stehen alle anderen."
Auf die Frage, warum ausgerechnet im Norden Europas das Genre Kriminalroman seit Jahrzehnten ungebrochen blüht, weiß selbst Übervater Mankell nur eine Antwort. Es sei wie im Tennis. Nachdem Björn Borg in den siebziger Jahren international Erfolg hatte, seien plötzlich auch immer mehr Nachwuchsspieler aufgetaucht. Borgs Karriere ist lange beendet.
Adler-Olsens Carl Mørck aber wird weitermachen. Band drei der Mørck-Reihe erscheint auf Deutsch, das steht jetzt schon fest, im August 2011.
Es gibt auch bereits einen bibelfesten und bestsellerfähigen Titel: "Erlösung".
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© DER SPIEGEL 29/2010
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