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Ausgabe 30/2010
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26.07.2010
 

Titel

Der Enthüller

Von John Goetz und Marcel Rosenbach

WikiLeaks: Die Internetaufklärer
Fotos
AFP

Mit der ständigen Veröffentlichung von Geheimdokumenten geht WikiLeaks-Gründer Julian Assange Risiken ein. Ein Besuch bei dem Australier, den das Pentagon für einen gefährlichen Mann hält. Und andere als gefährdet ansehen.

Plötzlich ist er da, mit federnden Schritten kommt er herein. Noch bevor er jemanden begrüßt, suchen seine Augen schon nach einer Steckdose für seinen kleinen schwarzen Computer.

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Es ist ein simples Netbook für kaum 300 Dollar. Die Geheimdienste dieser Welt würden viel dafür geben, es auswerten zu dürfen.

Der Mann, dem es gehört, heißt Julian Assange. Er kommt gerade aus Stockholm, davor war er kurz in Brüssel, davor ein paar Wochen unauffindbar.

Der Australier ist gesucht in diesen Tagen. Man könnte meinen, er sei auf der Flucht.

Als er am vorvergangenen Wochenende bei einer Konferenz in New York sprechen sollte, schauten vorher fünf Agenten des amerikanischen Heimatschutzes vorbei. Vergebens, Assange blieb in England. Sein Anwalt hatte ihm berichtet, auch verschiedene andere US-Behörden wollten ihn dringend sprechen. Der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates hat ihn und seine Arbeit jüngst "unverantwortlich" genannt.

Assange hat die Internetplattform wikileaks.org gegründet - "wiki" wie die offene Online-Enzyklopädie Wikipedia, "leak" wie das englische Wort für undichte Stelle. Zusammen mit wenigen festen Mitarbeitern und vielen freiwilligen Helfern betreibt er die Seite seit 2007, sie ist eine Art Briefkasten und Schaufenster zugleich: WikiLeaks sammelt und veröffentlicht Material, das Unternehmen und staatliche Stellen als geheim eingestuft haben. Ein Forum für anonyme Informanten. Keine Gerüchte, nichts Selbstverfasstes, nur Originaldokumente.


Die US-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin konnte dort ihre E-Mails nachlesen, die Kenianer erfuhren Entlarvendes über ihren ehemaligen Herrscher Daniel arap Moi, es gab auch Akten aus dem US-Gefängnis Guantanamo. Damals war WikiLeaks eher etwas für Insider. Ihren internationalen Durchbruch hatte die Seite erst im April. WikiLeaks hatte Journalisten in den National Press Club in Washington eingeladen, Assange führte ihnen ein Video vor.

Es zeigte den tödlichen Angriff eines amerikanischen "Apache"-Hubschraubers auf eine Gruppe von etwa einem Dutzend Zivilisten in Bagdad im Jahr 2007, darunter zwei Reuters-Mitarbeiter (mehr zum Video...). Auch die Stimmen der Hubschrauberbesatzung waren zu hören. Ihre zynischen Kommentare machten die Bilder noch unerträglicher. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte seit dem Vorfall vergebens versucht, in den Besitz des Videos zu kommen. Assange bekam es, es war sein bislang größter Scoop.

Helden für die einen, Verräter für die anderen

Für die einen sind Assange und seine Kollegen seitdem Helden, Kämpfer für die totale Informationsfreiheit und gegen jede Form von Zensur. Für die anderen sind sie Verräter.

Aus Sicht der amerikanischen Behörden gilt der Australier als ernste Bedrohung der nationalen Sicherheit, das hat er sogar schriftlich. Schon 2008 stufte das US-Militär WikiLeaks als gravierendes Sicherheitsproblem ein und diskutierte, wie die Seite am besten zu bekämpfen sei. Auch dieses Dokument wurde Assange zugespielt. Und dann auf wikileaks.org veröffentlicht.


Seither gibt es Stimmen, die sich um seine Sicherheit sorgen - und sogar um sein Leben. Es ist nicht ganz klar, ob der Mann, der nun in London seinen Rechner startklar macht, eher gefährlich oder gefährdet ist. Auffällig ist er in jedem Fall. Assange ist ein Schlaks mit schlohweißen Haaren und einer für diesen Sommer fast unnatürlich blassen Gesichtsfarbe - was auch daran liegt, dass er seit Wochen sein nächstes Projekt vorbereitet und tagsüber kaum vor die Türe geht.

In einem Büro im vierten Stock des Verlagsgebäudes der britischen Tageszeitung "The Guardian" gibt er den Briten zusammen mit der "New York Times" und dem SPIEGEL vorab Einblick in die mehr als 90.000 Einzelberichte aus dem Afghanistan-Krieg, die überwiegend als "Geheim" eingestuft sind.

Die Veröffentlichung dieses Archivs, sagt Assange, werde nicht nur die öffentliche Meinung über den Krieg verändern, sondern "auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss". Es werfe "ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges" und werde "nicht nur unseren Blick auf diesen Krieg verändern, sondern auf alle modernen Kriege".

Das Archiv enthält Geheimdienstinformationen, Einschätzungen und viele Namen - die von Militärs, aber auch die von Quellen. Die Veröffentlichung einer geheimen militärischen Kriegsdokumentation, die nie für die Öffentlichkeit bestimmt war, wirft neue Fragen auf. Ist das Journalismus, vom Auskunftsrecht der Öffentlichkeit gedeckt? Ein legitimer Blick hinter die Propagandamaschinerie des Krieges? Oder ist es ein Spionageakt, machen Assange und seine Mitstreiter sich des Geheimnisverrats schuldig? Gefährden sie am Ende die internationalen Truppen und die afghanischen Zuträger, die ihnen helfen?

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