Von Christoph Scheuermann
Vor dem Hamburger Rathaus steht ein Junge, er heißt Apollo Edgar Lung'ayia und wirkt ein wenig verloren zwischen den anderen Jungs und Mädchen. Auf seinem Rücken sitzt ein Plastikrucksack mit dem darauf gedruckten Motto "Deutsch - Sprache der Ideen", alle tragen diesen Rucksack, aber Apollo Edgar hält sich an ihm fest, als würde er sonst davonschweben und nie mehr an diesen Ort zurückfinden.
Apollo Edgar stammt aus Kenia, anders als bei vielen Olympiateilnehmern verlassen die fremden Wörter und Sätze seinen Mund nur widerwillig. Viele Wettkampfteilnehmer verbrachten schon mit ihren Eltern Urlaub in Deutschland, lebten als Schüler in Gastfamilien oder besuchten ihre deutsche Oma. Apollo war noch nie jenseits der kenianischen Grenze. Er wurde aus der Ferne zum Deutschland-Fan, und es wäre sein größtes Glück, wenn er eines Tages hier studieren, arbeiten und Geld verdienen dürfte.
Ein Chinese wollte fortan lieber Ralf genannt werden
Während er an seinem Hemdsaum zupft, plaudern die anderen über den Klimawandel und Homosexualität in Lettland. Ein Inder zieht ein Handy aus der Gürteltasche und ruft seine Mutter in Delhi an. Ein Bulgare sagt, er schätze an der deutschen Sprache den logischen Aufbau. Der Thailänder hat in Großbuchstaben TOF auf sein Namensschild gemalt, aus Angst, sein echter Vorname sei für die anderen zu schwierig.
Sie kamen mit Koffern groß wie Findlinge, sind ausgerüstet mit Digitalkameras, Smartphones, Netbooks und dabei bemüht, Grammatikfehler zu vermeiden. Einige sprechen Deutsch fast akzentfrei. Sie wären die perfekten Einwanderer, bestens assimiliert. Bei der Deutscholympiade vor zwei Jahren in Dresden verkündete ein chinesischer Junge überraschend, er wolle ab sofort Ralf genannt werden.
Das Goethe-Institut mag die jungen Fans. Einige von ihnen könnten später in ihren Ländern Politiker werden oder große Unternehmen leiten. Es hat Vorteile, wenn die Mächtigen vorher schon in Deutschland waren, es macht die Dinge einfacher. Die Spracholympiade ist auch der Versuch, für das junge, coole Deutschland zu werben, ohne dass man Schweinsteiger um Hilfe bitten muss.
Apollo Edgar steigt in einen Bus, auf dem Programm steht eine Stadtrundfahrt, vorher knurrt der Fahrer aber über das Bordmikro, tut mir bitte einen Gefallen und haltet den Bus sauber. Der Stadtführer heißt Günter und spricht von der hohen Porsche-Dichte und von Transferleistungsempfängern. An einer Kirche lässt er aussteigen und hält einen Vortrag über den Krieg und alliierte Bomberpiloten.
Deutschland war für Apollo das Land der Zukunft, nicht der Vergangenheit
Apollo Edgar schreibt "M-a-h-n-m-a-l" in sein rotes Vokabelheft. Er spricht nicht viel, aber man erkennt, dass er sich einiges hier anders vorgestellt hat, moderner. Mahnmal. Transferleistungsempfänger. Bomberpiloten. Deutsche Wörter so fett und schwer wie Wale.
Bevor er in Nairobi mit einem Lehrer ins Flugzeug kletterte, tippte er einen Brief an das Goethe-Institut. Er möge die deutsche Technologie, die Magnetschwebebahn Transrapid, die Produkte von Audi und BMW. Er wolle Medizin studieren und als Chirurg arbeiten. Deutschland war für ihn das Land der Zukunft, nicht der Vergangenheit, das Land der rasanten Autos und Züge. Der Deutschunterricht war der Weg, auf dem er sich seiner Zukunft nähern wollte.
"... muss man auch an den Feuersturm von 1943 erinnern ..."
Günters Worte flattern an Apollo vorbei wie exotische Schmetterlinge. Er schaut nach rechts und sieht den Inder, der schon wieder mit Mutti telefoniert.
"... kamen mehr als 35 000 Menschen ums Leben ..."
Apollo reckt den Hals. Vorn kichert jemand. Vermutlich die Schwedin oder eine der Spanierinnen.
"... dass dort ein Massengrab existiert".
Die Wettkampfleitung will 150 Wörter über Verkehrsmittel in Deutschland
Apollo wuchs im Westen Kenias auf, die Stadt heißt Kakamega. Sein Vater handelt mit Mais, Mangos, Orangen und Äpfeln, seine Mutter arbeitet in einer Klinik als Krankenschwester. Der Familie geht es für kenianische Verhältnisse nicht schlecht. Apollo hat einen Bruder, zwei Schwestern und das Privileg, die Alliance High School in Nairobi besuchen zu dürfen, die seine Eltern jedes Trimester 30.000 Schilling kostet, ungefähr 285 Euro.
Er könnte jetzt wie der Junge aus Indien seine Eltern anrufen, aber Apollo sagt, sein Handy habe er zu Hause vergessen, genau wie die Digitalkamera. Er kam mit wenig an. Eine Tante habe ihm den Koffer gepackt, der so winzig ist, dass er im Flugzeug ins Handgepäck passt, fast wie der Koffer eines Flüchtlings.
In seinem Vokabelheft kamen die Wörter "Verkehr, wenig" und "Unfallen, selten" hinzu. Die Wettkampfleitung will 150 Wörter von ihm haben über Verkehrsmittel in Deutschland. Während der Recherchen erfuhr er, dass der Transrapid hier gar nicht in Betrieb ist. Er weiß auch, dass die meisten bei der Olympiade besser Deutsch sprechen als er: die Französin, der Amerikaner, der Slowene, die Lettin. Fast alle. Er lacht, obwohl er spürt, dass er gerade aus seinem Deutschland-Traum mit großer Wucht hinausgeschleudert wird.
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[QUOTE=avollmer;5960248 Er müsste vielleicht ein Jahr in Köln verbringen und nach Karneval, CSD und Fronleichnamsprozession vielleicht noch einen Titel für den FC erleben um auch nur einen Ansatz dieser Vielfalt zu [...] mehr...
Junge Menschen aus der ganzen Welt mögen die deutsche Sprache, interessieren sich für unser Land, nehmen was weiß ich für Mühen auf, um hierher zu kommen und an diesem Wettbewerb teilzunhemen. Erstaunlich und erfreulich. Wohl nur [...] mehr...
Komisch, bei mir hinterlässt der Artikel streckenweise genau den entgegengesetzten Eindruck - nämlich als sei es eine Weltsensation, dass es außerhalb Deutschlands Menschen gibt, die sich für Deutschland und die deutsche Sprache [...] mehr...
Jaja, früher war alles besser. Speziell die Hochkultur blühte, besonders vor 65 Jahren. (Vorsicht, Ironie!) mehr...
auf dieses Phänomen stößt man immer wieder. Ausländer, die sich Deutschland als eine Hochkultur vorstellen. Sehen sie dann was hier in den letzten 65 Jahren passiert ist, werden sie schnell enttäuscht:( mehr...
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