Von Nils Klawitter
Toska, ein leicht adipöser Mops, möchte für den Sommer "etwas Maritimes". Das behauptet zumindest seine Besitzerin. In der Hamburger Hundeboutique Koko von Knebel begutachtet sie einen Body mit Piratenmotiven.
Etwas irritiert sei ihre Kundschaft nur beim Futter. Bestimmte Inhaltsstoffe müssten ja gar nicht deklariert werden, empört sich Knebel. Ihre Kunden verfütterten deshalb mehr und mehr Babynahrung. Da das aber für Tiere "nicht so gesund" sei, biete ihr Unternehmen nun eigenes Biofutter an - in Lebensmittelqualität. "Da können Sie getrost den Löffel reinstecken."
Wenn es um ihre Haustiere geht, kennen manche Menschen kaum noch Grenzen. In den vergangenen Jahren entwickelte sich der Heimtiermarkt zu einem industriellen Komplex, der immer groteskere Züge annimmt.
57 Milliarden Dollar schwer ist der weltweite Heimtiermarkt. Das ist mehr, als nötig wäre, um die extreme Armut in der Welt zu halbieren, so Erik Assadourian vom Worldwatch Institute in Washington.
In dem kürzlich erschienenen Buch "Time to eat the dog?" ist der ökologische Fußabdruck von Hunden errechnet worden. Die zehn größten Hundehalternationen brauchen demnach die Landmasse von Neuseeland, um ihre Tiere zu füttern. Allein in Deutschland müssen inzwischen täglich 23 Millionen Mäuler und Schnäbel gestopft werden.
Früher genügten einem Hund Tischreste, Wasser und ein bisschen Pansen, heute kostet das Premium-Trockenfutter gut doppelt so viel wie ein Truthahnbraten. Rund 2,7 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2009 für Tierfutter aus, für Babynahrung war es gerade ein Viertel davon.
"Katzen würden Mäuse kaufen"
"Es lässt tief blicken", sagt der Ernährungskritiker Hans-Ulrich Grimm, "wenn man sich bei mit Reis, Maismehl und Erbsenkleie vermengtem Schlachtabfall nicht zurückhalten kann, für den eigenen Putenbraten aber nur vier Euro investiert." Grimm hat ein "Schwarzbuch" zum Thema Tierfutter geschrieben. Es heißt: "Katzen würden Mäuse kaufen".
Kaum eine Industrie hat sich als so resistent gegen die Zyklen der Wirtschaft erwiesen wie die Haustierbranche. In den vergangenen Jahren wuchs das Segment unaufhaltsam, selbst im Krisenjahr 2009 legte der deutsche Markt noch um knapp drei Prozent zu. An Hund und Katz wird offenbar zuletzt gespart.
Überanstrengte Tiere dürfen in Spas oder zum Doga (Yoga für Hunde) und übernachten etwa im "Pfötchenhotel", einer Luxusherberge bei Berlin, die einen Hundechauffeur beschäftigt. In den USA nahm mit Pet Airways bereits eine eigene Fluglinie für Haustiere den Betrieb auf. Es gibt Silikonhoden für kastrierte Hunde und "Botox für Boxer" ("Welt am Sonntag"). Marktforscher sprechen in diesem Zusammenhang von "Humanisierung": Die Menschen spiegeln ihre eigenen Bedürfnisse auf die Tiere.
Von diesem Kult profitieren inzwischen immer mehr: Ketten wie Fressnapf, die nach US-Muster schon über 1100 Läden in Europa eröffnet hat. Tierpsychologen, die sich um die schwere Jugend bissiger Hunde kümmern. Pharmahersteller, die längst Pillen gegen Übergewicht oder Valiumpräparate bei zu viel Miauen im Angebot haben. Und Magazine wie "Wuff", die über "Hunde in der Pubertät" schreiben - oder über das Coming-out der Hausgenossen: "Mein Hund ist schwul!!"
Das größte Geschäft machen jedoch die Tierfutterhersteller. Vier Unternehmen beherrschen etwa 80 Prozent des Marktes: Procter & Gamble (Eukanuba), Mars (Whiskas, Pedigree), Nestlé (Purina, Friskies) und Colgate-Palmolive (Hill's). Der amerikanische Familienkonzern Mars setzte in Deutschland 2009 gut 500 Millionen Euro mit seinen Schokoriegeln um - und 724 Millionen mit Tierfutter. Die Werbeausgaben der Branche wuchsen um 45 Prozent auf 62 Millionen Euro.
An 1500 Litfaßsäulen warb Nestlé kürzlich für sein Hundefutter Beneful. Die Plakate, bemerkte die "Wirtschaftswoche", "zogen Gassigänger geradezu magisch an" - sie waren mit Geruchsstoffen imprägniert.
Die Kehrseite dieser Marketingoffensive: In den USA gelten 44 Prozent der Hunde und 57 Prozent der Katzen als übergewichtig. Dem Überangebot von Leckerlis auf Quarkbasis und aromatisierten Küchlein kann offenbar kaum ein Halter widerstehen. Nestlé lockt Katzen inzwischen schon mit Menüfolgen, wozu extra Vorspeisen kreiert wurden.
Als Ballastbombe gilt vor allem das Trockenfutter der Firmen. Die Produkte bestehen im Wesentlichen aus Getreidemixturen. Diese billigen Kalorienlieferanten sind für Tiere oft schwer verdaulich.
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Sehen Sie, ich persönlich will von Fertigessen nichts wissen. Grade weil alles mögliche drin und drauf zu finden ist. Ich verwöhne meine Katzen nicht. Die brauchen nicht verwöhnt zu werden, sie wollen vernünftig ernährt werden [...] mehr...
Katzen ernähren sich draussen hauptsächlich von Nagern und Vögeln. Katze fressen Frösche? Wie bewältigen sie die teilweise ungeniessbaren Hautausscheidungen? Man kann auch freilebende Mäuse fangen. Man kann sogar [...] mehr...
Bitte schön, ein Link dazu: http://www.petcom.at/index/aktuell/2007/Schwarzbuch-Tierfutter/Heimtiernahrungsindustrie.html Jaja, ich weiß, kommt von der bösen, bösen Industrie... Vielleicht aber liegt ja doch die Wahrheit [...] mehr...
Rohfütterung hat keine Nachteile. Füttert man Mäuse und die beliebten Eintagesküken, eine Katze lebt gesund mit allem was sie braucht. Zucker geht grundsätzlich auf die Zähne und aufs Gewicht. Nebenher werden Nieren und Herz [...] mehr...
Das sehe ich auch so. Ist aber nicht das Thema hier und wird wohl auch von keinem bestritten. Dass der Hund historisch als Abfallverwerter fungiert ist sicher auch richtig. Aber seit wann gibt es Getreide und Brot [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 30/2010
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