Von Nils Klawitter
Äußerst umstritten sind die Empfehlungen zur Fütterung der Tiere: "Die Industrie mästet mit Rationen, die nur einen Zweck haben: größter Profit in kürzester Zeit", sagt Branchenkritiker Grimm. Vor Überdosierungen des Futters warnte nicht nur die Stiftung Warentest. Selbst der Nationale Forschungsrat der USA, der nicht als industriekritisch bekannt ist, reduzierte vor einiger Zeit die Kalorienempfehlungen für Haustiere drastisch.
Verantwortlich für den Wohlstandsspeck sind natürlich auch die Halter, oft wahre Stubenhocker, für deren Tiere es kein Entkommen aus dem engen Heim gibt.
Doch für dieses Problem hat die Tierfutterbranche längst Gegenmittel parat: In den Läden wimmelt es von fettarmen Light-Produkten und darmfloraschonender Probiotik.
Fast jedes Produkt ist von einem Tierarzt empfohlen. "Influenza-Marketing" heißen solche Leumunddienste in der Branche. Dass viele Tierarztpraxen inzwischen wie Tierfutter-Verkaufsboutiquen aussehen, wundert da kaum.
Wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Tiernahrung ist ohne die Unternehmen sowieso kaum denkbar. Oft kommen über 50 Prozent der Gelder von der Industrie, schätzt der Veterinär Jürgen Zentek.
Der Wissenschaftler spricht aus Erfahrung: An der Veterinärmedizinischen Hochschule in Wien finanzierte Iams / Eukanuba Zenteks Lehrstuhl. Inzwischen ist er an der Freien Universität in Berlin und arbeitet etwa für Mars zum Thema Verdauung und "Kotqualität" - ein äußerst wichtiges Forschungsfeld: Kommt statt des Häufchens nämlich ein flüssiger Fladen, wird der Halter den Futterhersteller wechseln.
Der US-Konzern Mars lässt derzeit ein sogenanntes Dentamobil durch Deutschland touren. Hundehalter sollen auf die gefährliche Parodontitis aufmerksam gemacht werden, an der das zuckerhaltige Angebot der Hersteller womöglich nicht unschuldig ist. Mars hat mit den neuen Dentastix natürlich gleich die Präventivwaffe parat - eine Art Kauknochen, der den Aufbau von Zahnstein verzögern soll.
80 Prozent der Hunde hätten parodontale Erkrankungen, erklären die Mars-Leute Tierärzten in Dentastix-Seminaren. "Das ist reine Panikmache", sagt dagegen ein Teilnehmer. Die Dentastix mögen einen gewissen Effekt haben, der wissenschaftliche Beweis für die Wirksamkeit sei jedoch "äußerst dünn", sagt er. Nur zwölf Hunde hätten an der Studie teilgenommen.
Die Mars-Tierärztin Cornelia Ewering rechtfertigt die kleine Zahl mit den Komplikationen für die Hunde. Ewering kam schon als Studentin zu dem Tierfutterkonzern. Von den Rezepturen seiner Produkte ist sie überzeugt. Übergewicht bei Tieren spiegele nur einen Gesellschaftstrend bei Menschen.
Magen, Euter und Hälse als "tierische Nebenerzeugnisse"
In der Fabrik neben der Deutschlandzentrale in Verden wird Nassfutter produziert. Es riecht wie im Zoo vor dem Tigerkäfig. Im Wareneingangsbereich liegen gefrorene Schweinemilzblöcke. Magen, Euter und Hälse. All das wird hier verarbeitet und später auf der Verpackung als "tierische Nebenerzeugnisse" kaschiert.
Doch das liest nur der besonders aufmerksame Käufer. Der Rest sieht vor allem höchst appetitlich aus: "Sheba Festtagsmenü mit Truthahn" steht etwa auf den Schälchen, von denen in Verden über eine Million am Tag produziert werden.
Wenn Truthahn draufsteht, muss allerdings nur eine Spur davon drin sein - magere vier Prozent reichen aus. Solche Dinge regelt und empfiehlt die EU-Futtermittelverordnung. Sie liest sich, als hätte die Tierfutterindustrie sie mitformuliert. Was sonst noch drin ist, muss nicht unbedingt berichtet werden. Die Kennzeichnung von Aromastoffen, teilte das Bundesministerium für Verbraucherschutz dem Autor Grimm mit, sei "nicht zulässig". Die Schweigepflicht gilt etwa für den umstrittenen Geschmacksverstärker Glutamat.
Die Diepholzer Firma GEPRO, Spezialist für Geflügelreste-Aufarbeitung und die Herstellung von Federmehl, hat Fettgeschmack und Leberspray im Angebot, das die Akzeptanz von Tierfutter verstärkt. "Mit der Maskierung des Futtermülls" so Grimm, "lässt sich dem Tier fast alles unterjubeln."
In den Papieren der EU-Kommission liest sich das ganz anders: Da ist von Vereinfachung des EU-Rechts, angemessener Information der Verbraucher und Verständlichkeit die Rede. Ausführlichkeit würde doch nur verwirren. Das wenige, wozu sich die Industrie durchrang: eine Hotline-Nummer auf der Rückseite der Verpackung. Doch die genaue Rezeptur bekommt der Tierhalter auch dann nicht. "Das ist ein Betriebsgeheimnis", sagt die Mars-Tierärztin Ewering.
In der Praxis von Dirk Schrader klingelt das Telefon im Minutentakt. Früher hatten seine Patienten mal eine Zecke, einen Schnupfen oder Durchfall. "Es ging meist um Dödelkram", sagt der Hamburger Veterinär. Das war vor über 30 Jahren.
Heute ist das Wartezimmer voll. Mit drei Kollegen und vier Helferinnen kümmert sich der Hamburger um zuckerkranke Katzen, knochenkranke Hunde und Meerschweinchen mit Allergien. Auf einem OP-Tisch liegt Kater Sylvester, "ein Haufen Elend". Seit Tagen schon musste er - konnte aber nicht. Sylvester hat winzige scharfkantige Harnsteine, die Schrader ihm herausnehmen muss.
Harnwegvereiterung - immer öfter kommen Katzenhalter mit diesem Problem in die zur Tierklinik umgebaute Villa in Hamburg-Rahlstedt. Die Ursache, so Schrader, liege meist in der Fütterung mit "Industrie-Junk". Mit einer gefangenen Maus bekomme eine Katze doppelt so viel hochwertige Proteine wie mit Industriefutter. Für die Trockenernährung würden Katzen einfach zu wenig trinken.
Statt Rezepten gibt Schrader den Tierhaltern meist nur einen Tipp mit auf den Weg: "Futter selbst zubereiten".
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