Von Samiha Shafy
Mit dem Wasser sind auch die Madan wiedergekommen; etwa 80.000 sollen es derzeit sein. Ihre Geschichten sind Geschichten wie die von Naim Aatai, einem kleinen, gebeugten Mann mit weißem Bart, zerfurchtem Gesicht und tief in den Höhlen liegenden Augen. "Saddams Soldaten drangen in unsere Siedlung ein und beschuldigten uns, Terroristen zu verstecken", berichtet Aatai. "Sie schossen auf uns und töteten meinen Bruder. Dann brannten sie unsere Hütten nieder."
Nach dem Angriff flüchtete Aatai in den Norden; in der Nähe von Bagdad fand er Arbeit auf einer Farm. "Es war kein gutes Leben", sagt er. "Hier ist es besser. Hier ist unsere Heimat."
Gerade kehrt Dhwia Jift mit einem Boot voller Schilf von der ersten Tour dieses Tages zurück. Ein paar Männer laden die Bündel in einen Laster; für eine volle Ladung bekommt Jift umgerechnet vier Dollar. Sie stehe jeden Morgen vor Sonnenaufgang auf, erzählt die schmächtige, schwarzgekleidete Frau, dann backe sie Fladenbrot und füttere die Kinder. Den Rest des Tages verbringt sie damit, Schilf zu ernten.
Die Haut an ihren Händen und Füßen ist rissig und voller Schwielen. Müde und krank sei sie, aber sie wolle nicht klagen. Die Zeit als Tagelöhnerin im Norden sei viel schlimmer gewesen; dort sei sie behandelt worden wie eine Sklavin. "Hier bin ich frei", sagt sie und entblößt lächelnd ihre Zahnlücken, "solange ich Wasser und Schilf habe, muss ich wenigstens nicht betteln."
Doch es ist alles andere als sicher, dass das Wasser bleibt. Die Türkei, wo Euphrat und Tigris entspringen, baut Staudämme und lässt immer weniger Wasser gen Süden fließen. Verträge über eine gemeinsame Nutzung gibt es nicht. Und die Uno-Konvention über die Nutzung internationaler Wasserläufe von 1997 hat neben China und Burundi nur die Türkei nicht unterzeichnet.
Mehrere Ölfelder befinden sich im Sumpfgebiet
Viel wäre gewonnen, wenn die Bauern im Irak lernten, sparsam mit dem Wasser umzugehen. Bislang kennen sie das Prinzip der Tröpfchenbewässerung nicht; sie überfluten ihre Felder wie in alten Zeiten, als Wasser im Überfluss vorhanden war.
Und nicht nur dort könnte gespart werden: Abwasser wird im Irak kaum gereinigt, geschweige denn recycelt. Deshalb enthält auch das Wasser, das aus den Kanälen zurück in den Sumpf geleitet wird, reichlich Dünger, Umweltgifte und Krankheitserreger. Das Umweltministerium und Nature Iraq überwachen gemeinsam, wie sich das Ökosystem und die Gesundheit der Menschen und Tiere entwickeln - ein Experiment an der Natur.
Ein deutscher Hydrogeologe sieht noch eine andere Gefahr: Öl. Broder Merkel von der Technischen Universität Bergakademie Freiberg sitzt zwischen muskelbepackten Sicherheitsmännern in der Lobby des neueröffneten Mnawi Basha Hotel in Basra und sagt: "Die Konzerne sind ja schon ganz begierig darauf, im Sumpf nach Öl zu bohren. Wenn das erst richtig losgeht, ohne Auflagen, Forschung und Monitoring, dann können Sie den Sumpf endgültig vergessen."
Der Irak verfügt über die drittgrößten Ölreserven der Welt; in den nächsten fünf Jahren soll die Fördermenge verdreifacht werden. Und mehrere Ölfelder befinden sich im Sumpfgebiet. Geologe Merkel, ein bedächtiger Westfale mit weißer Ponyfrisur und vielen Lachfältchen, ist im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Basra gekommen, um gemeinsam mit Vertretern irakischer Universitäten zwei neue Studiengänge zu entwickeln: "Nachhaltige Ölproduktion" und "Hydrogeologie und Wassermanagement in Trockenregionen".
Den Ölboom sieht Alwash eher als Chance
Diesmal möchte Merkel ein paar Wasserproben aus den Kanälen von Basra mit nach Hause nehmen. Die Fahrt führt vorbei an lehmbraunen Slums, Müllbergen und Checkpoints. Es stinkt nach Abfall und Benzin in den Straßen von Basra, klapprige Autos quetschen sich an Eselskarren und Bettlern vorbei. Neben Wellblechhütten, in denen Obst und Gemüse verkauft werden, stehen Kampffahrzeuge. Die Trauerfahnen der Schiiten flattern im Wind. Wo auch immer die Forscher anhalten, gesellen sich Polizisten zu ihnen und warten höflich, bis der Gast aus Deutschland seine Röhrchen gefüllt hat.
Alwash kennt den Geologen aus Freiberg; die beiden begrüßen sich nach arabischer Sitte mit Küsschen auf beide Wangen. Doch den Pessimismus seines deutschen Kollegen mag der US-Iraker nicht teilen. Den Ölboom sehe er eher als Chance: "Vielleicht können wir Anreize für die Konzerne schaffen, sich zum Ausgleich an der Schaffung des Naturschutzgebiets zu beteiligen."
Alwash scheut sich nicht zu träumen. Und wenn er abends im Boot durch seinen geliebten Sumpf gleitet, dann scheint ihm sein Traum sogar zum Greifen nah. "Ich sehe schwimmende Schilfhotels und Campingplätze", sagt er. "Ich sehe Kajaks mit gläsernem Boden, Wanderer, Gleitschirmflieger, Ballone." Seine Aufpasser hören ihm zu, die Waffen gesenkt.
"Als Erstes werden die Ornithologen kommen", fährt Alwash fort. "Dann die Leute, die sich für Archäologie interessieren, für Ur und Uruk. Und dann die Ökotouristen." Ökotouristen? Alwash grinst, dann sagt er: "Eine meiner Stärken ist es, dass ich mich nicht von der Realität einschränken lasse."
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