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Ausgabe 30/2010
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26.07.2010
 

Rüstung

"Wir beliefern nur die Guten"

Von Bruno Schrep

Rüstung: Munitionsfabrik im Zwielicht
Fotos
DDP

Weil Arbeitsplätze rar sind, verteidigen die Bürger von Nassau an der Lahn ihre Munitionsfabrik als notwendiges Übel. Seit der Übernahme durch einen brasilianischen Rüstungskonzern bestehen jedoch Zweifel an der Einhaltung des Kriegswaffenkontrollgesetzes.

Zwanzig Minuten dauert der Anstieg durch den Wald hoch auf die Stammburg der Herzöge von Nassau-Oranien, doch oben angekommen, werden die Wanderer mit einem herrlichen Blick über den Westerwald belohnt - und auf die Sehenswürdigkeiten von Nassau an der Lahn: das sorgfältig restaurierte Rathaus von 1609, dessen Fachwerkbalken alle original erhalten sind, das Stadtschloss, in dem der preußische Reformer Freiherr vom und zum Stein geboren wurde, oder der jüngst aufgehübschte Kurpark.

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"Bei uns gibt es so viel Schönes", schwärmt die Ladenbesitzerin vom Amtsplatz mit einer kreisenden Handbewegung, "man muss sich nur umgucken."

Eine andere Besonderheit von Nassau bleibt Besuchern des Idylls in der Regel verborgen: Rund drei Kilometer vom Zentrum entfernt, unterhalb der Bundesstraße im Wald versteckt, liegen hinter einem riesigen Metalltor mehrere niedrige Fabrikgebäude, grau, unscheinbar, fast schäbig. Kameras erfassen jede Bewegung vor dem Werksgelände. Hinter den Mauern werden, so wirbt das Unternehmen, "hochpräzise, technologisch anspruchsvolle Produkte" gefertigt. Durchschlagskräftig, effektiv, zertifiziert. Dazu noch "schadstoffarm" - ohne giftige Dämpfe, ohne Verseuchung des Erdreichs, darauf legt die Firma großen Wert.

Die Rede ist vom Metallwerk Elisenhütte Nassau (MEN), einer der größten deutschen Munitionsfabriken. Bundeswehrsoldaten bestücken Pistolen, Gewehre und MG mit Patronen aus dem Westerwald, Polizisten aus Kanada, Norwegen und der Schweiz benutzen sie, Europas Armeen von Frankreich bis Polen, aber auch jene in Singapur und Japan feuern mit den Geschossen made in Germany. Der Exportanteil des Unternehmens beträgt über 50 Prozent. Dass Deutschland als drittgrößter Rüstungsexporteur der Welt gilt, daran hat MEN einen guten Anteil.

"Wenn die die Munition nicht herstellen, dann machen es andere"

Für die meisten Bewohner von Nassau und Umgebung war die Munitionsschmiede vor ihrer Haustür einfach immer da. 1957 aus Anlass der deutschen Wiederbewaffnung gegründet, sollte sie zunächst nur die junge Bundeswehr ausrüsten - und die diente ja ausschließlich der Landesverteidigung. Doch selbst als MEN ins Exportgeschäft einstieg und als deutsche Soldaten mit der Munition im Ausland ins Gefecht zogen, quälten sich die 5000 Einwohner nicht übermäßig mit moralischen Bedenken. "Das sind doch ganz normale Arbeitsplätze", sagt Thomas Schäfer, der im Ortskern einen Trödelladen besitzt. In der Metzgerei gleich nebenan verkündet die Inhaberin Brigitte Engel ein in der Stadt gängiges Argument: "Wenn die dahinten die Munition nicht herstellen, dann machen es andere." Und Thomas Treis, selbständiger Elektrotechniker, vergleicht die Waffenschmiede gar mit der Spirituosenherstellung: "Wenn einer sagt, mit dem Zeug werden Menschen getötet, dann sage ich, schau dir doch mal die Alkoholregale drüben im Supermarkt an. Mit dem Sprit werden auch Leute umgebracht."

Auf die Munitionsfabrik mit ihren todbringenden Produkten lassen die Einheimischen nichts kommen. Sie nennen sie, fast zärtlich, "die Muni".

Die Muni spendiert Bares für die neue Kirchenglocke, die Muni fördert die Kultur, die Muni schenkt der Verwaltung ein wertvolles Ölgemälde.

Vor allem aber: Die Muni ist in der strukturschwachen Gegend ein Garant für Lohn und Brot. Mit ihren rund 250 Mitarbeitern gehört die Firma zu den größten Arbeitgebern der Region. Seit der Haushaltsgerätehersteller Leifheit seine Produktion von Nassau nach Tschechien und China verlegt hat, ist die Arbeitslosenquote gestiegen, Häuser und Läden stehen leer.

"Ohne die MEN sähe es hier düster aus", erklärt Bürgermeister Armin Wenzel, der früher als Schüler in einer Schreinerei Munitionskisten zusammennagelte, um sein Taschengeld aufzubessern. "Ich würde mir zwar was anderes wünschen, aber es gibt nichts anderes."

Erste Zweifel in der Bevölkerung

Doch in diesem Sommer zweifeln die ersten Nassauer an ihrer Muni. Noch sind es nur ein paar Betroffene und Eingeweihte, die sich darüber Gedanken machen, was hinter dem Fabriktor geschieht. Absehbar ist aber, dass die kollektive Zuneigung der Bürger für den Munitionshersteller auf eine harte Probe gestellt wird.

Denn seit das Werk an den brasilianischen Rüstungskonzern Companhia Brasileira de Cartuchos (CBC) verkauft worden ist, gärt es in der Firma. Techniker sorgen sich um die Qualität der heiklen Ware, Arbeiter klagen über Gefahren durch den Einsatz veralteter Maschinen, Führungskräfte beobachten, wie nach ihrer Meinung die strengen Ausfuhrregeln ausgehebelt werden.

Dabei waren die Brasilianer vor drei Jahren als Retter begrüßt worden. MEN stand damals am Rand der Pleite - eine Folge von Missmanagement in Zeiten der Privatisierung. Nachdem der ursprünglich bundeseigene Betrieb 1990 an den Industriekonzern MAN verkauft wurde, sei es bergab gegangen, heißt es in der Belegschaft. "Bei denen haben wir nie richtig dazugehört", klagt der ehemalige Fertigungsleiter Ottmar Feldenz, "wir waren ein ungeliebtes Anhängsel."

Tatsächlich passte die Patronenfabrik nicht zum langfristigen Konzept des Konzerns, der sein Geld unter anderem mit dem Bau von Bussen, Lastwagen und Motoren verdient. Notwendige Investitionen unterblieben, Pannen an veralteten Maschinen führten zu verheerenden Produktionsausfällen, hinzu kam ein massiver Preisverfall auf dem Weltmarkt. 2005 drohte die Insolvenz.

Gegen die Übernahme durch die Südamerikaner gab es schon deshalb keinerlei Widerstand. "Muni jetzt brasilianisch" jubelte eine Lokalzeitung. Was das bedeutet, haben die Mitarbeiter seitdem gespürt.

Kriegswaffenkontrollgesetz umgangen?

Die neuen Herren wechselten zweimal den Geschäftsführer aus, verlängerten die Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich, kürzten Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Die Produktion wurde von 80 auf fast 150 Millionen Patronen pro Jahr gesteigert, gearbeitet wird nun in drei Schichten, auch samstags. "Es wird vor allem auf Masse gesetzt", mahnt ein altgedienter Fachmann, der seit über drei Jahrzehnten Werkstraßen kontrolliert. Die einzigartige Qualität der Geschosse, die bislang doppelt und dreifach geprüft würden, sei auf lange Sicht gefährdet. "Es geht nur um Gewinn und um einen Stützpunkt in Europa", sagt Oliver Krell, bis vor vier Monaten Prokurist der Munitionsfabrik.

Zwei Führungskräfte des Unternehmens, deren Namen dem SPIEGEL bekannt sind, die aber aus Angst um ihren Job anonym bleiben wollen, erheben noch viel schwerere Vorwürfe gegen den brasilianischen Mutterkonzern: Über die Nassauer Dependance werde systematisch versucht, behauptet etwa ein Manager, "das deutsche Kriegswaffenkontrollgesetz zu unterlaufen".

Der MEN-Mann meint damit nicht den Export in Krisengebiete - dazu würden die Ausfuhren viel zu streng kontrolliert. Er ist vielmehr überzeugt, das Gesetz und andere Bestimmungen würden durch den "Transfer von Technologie ins neue Stammhaus" umgangen.

Immer wieder, so berichten MEN-Führungsleute, flögen Experten des Konzerns ein, um technische Zeichnungen zu studieren, Exponate mitzunehmen, Entwicklungsprotokolle zu kopieren, elektronische Daten abzugleichen - "ein ganz cleverer Weg, um an unser Know-how zu kommen". Neben der Suche nach neuen Vertriebswegen und neuen Abnehmern sei dies wohl der eigentliche Grund für die Übernahme, glaubt einer der Manager. Die Bundesregierung, die den Verkauf der Rüstungsfirma an die Brasilianer ohne Einwände duldete, habe nach seiner Ansicht die Brisanz nicht erkannt: "Die haben einfach gepennt."

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03.08.2010 von Newspeak: ...

Ja, ja die Landesverteidigung. Die allermeisten Länder weltweit, nicht nur in Europa, sind von Freunden umgeben. Was würde wohl passieren, wenn man dort die Armeen abschaffen oder zumindest stark reduzieren würde. Geht nicht? [...] mehr...

02.08.2010 von mad man walking: ....

Ist gut. Ich werde dann erklären, dass niemand gezwungen wurde in einem fremden Land Krieg zu führen. SIE gehen dann zu den Hinterbliebenen der "Kolleteralschäden" und erklären warum Soldaten eines tausende [...] mehr...

02.08.2010 von nichtWeich: Tja meine lieben und ungeliebten...

....Foristen, Es gibt also tatsächlich ein Unternehmen, dass mit dem Tod anderer sein geld verdient? Wie erschreckend nicht wahr? Blöd nur, dass ein jeder Staat eine gewisse militärische Schlagfertigkeit besitzen [...] mehr...

02.08.2010 von mp3-terroristin:

Ich denke ein Austritt aus der NATO sollte zumindest öffentlich diskutiert werden, da sich das „Sicherheitsbündnis“ NATO heute primär über die Fähigkeit der Kriegsführung und Besatzung zur Durchsetzung geopolitischer [...] mehr...

02.08.2010 von mp3-terroristin: teil1 Praha

An welche SPON Foristen haben Sie denn da konkret gedacht? Gelesen bzw. gefunden habe ich sowas hier noch nicht. Ich habe links gewählt und identifiziere mich keinesfalls mit Stalinismus und pervertierten Sozialismus der [...] mehr...

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