Von Manfred Dworschak
Tag für Tag ist Jetlir online, oft viele Stunden bis spät in die Nacht. Fast immer ist auf dem Bildschirm das Fenster seines Chat-Programms offen. Freunde und Bekannte schreiben da gleichzeitig durcheinander. Ab und zu tippt Jetlir einen Halbsatz in den ruckelnden Strom der Dialogzeilen, irgendwas Witziges oder ein Hallo, während er sich nebenher durch die Sportvideos bei YouTube klickt.
Der Junge ist aufgewachsen mit dem Internet; seit er denken kann, ist es da. Seine halbe Freizeit spielt sich ab zwischen Facebook, YouTube und dem Chat.
Wirklich wichtig aber sind ihm andere Dinge, allen voran der Basketball. "Der Verein geht vor", sagt Jetlir. "Nie würde ich ein Training auslassen." Auch sonst hat das echte Leben Vorrechte: "Wenn sich jemand mit mir treffen will, mache ich sofort die Kiste aus."
Was Jetlir vom Internet erwartet, ist eher bescheiden. Die Älteren mögen es für ein revolutionäres Medium halten, von den Segnungen der Blogs schwärmen und um die Wette twittern. Jetlir ist zufrieden, wenn seine Freunde in Reichweite sind und bei YouTube die Videos nie ausgehen. Nie würde es ihm einfallen, ein Blog zu schreiben. Er kennt auch sonst niemanden in seinem Alter, der auf so was käme. Getwittert hat er ebenfalls noch nie: "Wofür soll das gut sein?"
Jetlirs Abgeklärtheit ist typisch für die Jugend von heute; das bestätigen mehrere aktuelle Studien. Ausgerechnet die erste Generation, die sich ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen kann, nimmt das Medium nicht übermäßig wichtig und verschmäht seine neuesten Errungenschaften: Ganze drei Prozent der jungen Leute schreiben selbst ein Blog. Und nicht mehr als zwei Prozent beteiligen sich regelmäßig an der Wikipedia oder sonst einem vergleichbaren Freiwilligenprojekt.
Nicht minder konsequent ignoriert die Null-Blog-Generation kollektive Linksammlungen wie Delicious oder Foto-Gemeinschaftsportale wie Flickr und Picasa. Das ganze hochgelobte Mitmach-Web, auch Web 2.0 genannt, ist den Netzbürgern der Zukunft offenbar völlig egal. Das ergab eine große Studie des Hans-Bredow-Instituts.
Dabei schwärmen Experten seit Jahren von einer technikbeseelten Jugend neuen Typs: mobil, vernetzt und chronisch ungeduldig, verwöhnt von der Überfülle der Reize im Internet. Ihr Leben verbringe sie in steter Symbiose mit Computern und Mobiltelefonen; die Netztechnik sei ihr quasi schon ins Erbgut übergegangen. Die Medien nennen sie deshalb "Cyberkids", "Generation @" oder schlicht die "Netzgeneration".
Zu den vielzitierten Wortführern der Bewegung gehören der US-Autor Marc Prensky, 64, und sein kanadischer Kollege Don Tapscott, 62. Prensky hat sich das Bild von den "Digital Natives" ausgedacht, den Eingeborenen von Digitalien, traumwandlerisch vertraut mit allem, was das Internet möglich macht an Teilhabe und Selbstinszenierung - und den Älteren in diesen Dingen uneinholbar voraus. Wer über 25 ist, zählt bei Prensky zu den "Digital Immigrants", den Zugezogenen, die sich durch ihre Unbeholfenheit verraten wie sonst die Migranten mit ihren ulkigen Akzenten.
Eine kleine Industrie von Autoren, Beratern und findigen Therapeuten lebt von der immer gleichen Botschaft: Die Jugend sei durch und durch geformt von dem Online-Medium, in dem sie groß geworden ist. Speziell die Schule müsse ihr deshalb ganz neue Angebote machen; der herkömmliche Unterricht erreiche diese Jugend gar nicht mehr.
Belege dafür gibt es kaum. Statt auf Studien stützen die Visionäre sich vor allem auf eindrucksvolle Einzelbeispiele jugendlicher Netzvirtuosen. Für die ganze Generation besagt das freilich wenig, wie die Forschung inzwischen weiß; sie ist zügig dabei, ihren Rückstand aufzuholen.
Zahlreiche Studien haben inzwischen zusammengetragen, wie die Jugend tatsächlich mit dem Internet umgeht. Ihre Befunde lassen vom Bild der "Netzgeneration" wenig übrig - und zugleich räumen sie auf mit dem Glauben an die alles verändernde Macht der Technik.
Die Erhebung des Hans-Bredow-Instituts - Titel: "Heranwachsen mit dem Social Web" - ging dabei besonders gründlich vor. Neben einer repräsentativen Umfrage kamen 28 junge Leute in ausführlichen Einzelinterviews zu Wort. Wie sich auch hier wieder zeigte, dient das Internet vor allem der Freundschaftspflege. In den sozialen Netzwerken von Facebook bis SchülerVZ wird getratscht, gewitzelt und posiert - ganz wie im echten Leben.
Sehr selten ist dagegen der Typ des Pioniers, der online mit Freunden aus Amsterdam und Barcelona Musikstücke zusammenfrickelt, über Twitter Spontan-Demos für billige Schülermonatskarten organisiert oder anderweitig einfallsreich Neuland erobert. Für die meisten Befragten ist das Internet keine neue Welt, sondern eine nützliche Erweiterung der alten. Entsprechend pragmatisch ist das Verhältnis zwischen Mensch und Medium: "Wir haben überhaupt keine Belege dafür gefunden, dass das Internet die Jugend prägt", sagt die Salzburger Kommunikationswissenschaftlerin Ingrid Paus-Hasebrink, die das Projekt geleitet hat.
Die angeblich so virtuosen Netzbürger sind nicht einmal besonders geschickt darin, ihr Medium auszureizen. "Fummeln können sie", sagt der Hamburger Bildungsforscher Rolf Schulmeister. "Sie bringen jedes Programm zum Laufen, und sie wissen, wo sie sich Musik und Filme besorgen können. Aber wirklich gut darin ist auch nur eine Minderheit."
Schulmeister, ein Experte für digitale Medien im Unterricht, muss es wissen: Er hat sich gerade durch mehr als 70 einschlägige Studien aus aller Welt geackert. Auch er kommt zu dem Schluss, dass das Internet keineswegs die Herrschaft über die Lebenswelt übernommen habe. "Nach wie vor machen die Medien nur einen Teil der Freizeitaktivitäten aus", sagt er, "und das Internet ist nur ein Medium unter anderen. Für Jugendliche ist es immer noch wichtiger, Freunde zu treffen oder Sport zu treiben."
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und das nicht wie bei Chaplin... Das Netz und IT generell ist zu einem Werkzeug wie eine Mikrowelle geworden. "Früher" haben die "Kids" noch an ihrem C64 neben dem Daddeln meist wenigstens Basic gelernt, am [...] mehr...
Vorab: Faszinierend ist es, die Twitter- und Blog-Verweigerer dabei zu beobachten, wie sie dem permanenten zur Schau stellen der eigenen Meinung und Stimmung ausgerechnet in einem Forum den Laufpass geben und sowohl Präsentation [...] mehr...
Richtig. Vor einigen Jahren genügte es z.B. noch, sich den HTML-Source einer Seite anzuschauen und man konnte mit etwas Tüftelei etwas eigenes daraus machen. Heute wird einem da deutlich mehr an Wissen abverlangt, wenn man [...] mehr...
Eben: Der Computer wird von vielen - aber nun auch nicht von ALLEN - als multimediale Spielmasche genutzt; das funktioniert seit etwas mehr als einem Jahrzehnt sogar im "Multiplayer"-Modus, so daß die virtuellen [...] mehr...
Mit Websites habe ich jetzt noch nicht soviel zu tun gehabt, obwohl ich es mir fest vorgenommen habe, mich auch damit einmal zu befassen. Egal bei was, es ist nie verkehrt, den Dingen auf den Grund zu gehen, gerade wegen der [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 31/2010
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