Von Manfred Dworschak
Und weil die Schüler im Grunde unbedarft sind, neigen sie umso mehr zur Selbstüberschätzung. "Sie halten sich für die wahren Experten", sagt Scheppler, "aber wenn's drauf ankommt, können sie nicht einmal richtig googeln."
Eines Tages setzte er tatsächlich Google auf den Stundenplan, Lehrziel höhere Suchtechnik. Die Klasse fand das drollig: "Google?", hieß es da, "können wir doch, machen wir doch andauernd, jetzt will uns der Herr Scheppler Google erklären!"
Dann bekamen sie ihre Aufgabe: ein Plakat zur Globalisierung entwerfen am Beispiel indischer Leiharbeiter. Und nun war es am Lehrer, sich zu amüsieren: "Die kloppen bei Google ein Suchwort nach dem anderen einzeln rein, und dann geht es zappzappzapp: weg damit, taugt nichts, nächster Versuch", erzählt Scheppler. "Sie sind blitzschnell im Verwerfen, manchmal auch guter Funde. Sie meinen sortieren zu können, nudeln aber einfach nur alles durch - sehr schnell, sehr hektisch, sehr oberflächlich. Und beim ersten Treffer, der ihnen halbwegs passabel erscheint, hören sie sofort auf."
Kaum einer hat eine Vorstellung, woher die Sachen stammen, die im Netz aufzustöbern sind. Bittet der Lehrer um Quellenangaben, hört er schon mal: "Das habe ich bei Google gefunden."
Die neuere Forschung zum Suchverhalten bestätigt Schepplers Beobachtungen. Eine große Studie der "British Library" kam zu einem ernüchternden Schluss: Die "Netzgeneration" weiß kaum, wonach sie suchen soll, überfliegt die Funde nur flüchtig und tut sich schwer, deren Relevanz einzuschätzen: "Die Informationskompetenz junger Leute", attestieren die Autoren, "hat sich mit dem breiteren Zugang zur Technik nicht gebessert."
Ein paar Schulen haben bereits erkannt, dass sie hier gefordert sind. Eine davon ist das Gymnasium, das Jetlir und Tom, Pia und Anna besuchen: die Kaiserin-Augusta-Schule in Köln. "Die Schüler sollen bei uns lernen, das Internet produktiv zu nutzen", sagt Musiklehrer André Spang, "nicht nur zum Rumklicken."
Spang nutzt dafür die Werkzeuge des Web 2.0 im Unterricht. Zur Musik im 20. Jahrhundert etwa ließ er seine Zwölftklässler ein Weblog anfertigen - "die wussten gar nicht, was das ist". Nun schrieben sie Artikel zu Aleatorik und Musique concrète, komponierten einfache Zwölftonreihen und sammelten Klangbeispiele, Videos und Weblinks zum Thema. Alle konnten online verfolgen, was die anderen gerade machten, und sich gegenseitig kommentieren - eine kleine Öffentlichkeit, die auch dem Ehrgeiz der Beteiligten förderlich war.
Die Technik ist unkompliziert und schnell eingerichtet. Sie kommt deshalb auch in anderen Fächern zum Einsatz. Selbst "Wikis" nach dem Vorbild der großen Wikipedia gehören zum Repertoire. Bei Spangs Kollegen Thomas Vieth stellte eine 10. Klasse in Physik gerade eine kleine Enzyklopädie des Elektromagnetismus zusammen. "Vorher konnten wir nur Gruppenarbeiten vergeben", sagt Vieth, "und am Ende wurden die Vorträge abgenudelt. Jetzt lesen alle mit, schon allein weil die Artikel ja auch zusammenhängen und verlinkt werden müssen."
Nebenher lernen die Schüler, wie sie dafür im Internet verlässliche Informationen finden. Und damit sie auch kapieren, was sie da gefunden haben, gibt es regelmäßig die altmodische "Methodenschulung": Texte lesen, verstehen, zusammenfassen. Statt dass also die Netzgeborenen mit ihrer Weltläufigkeit im Virtuellen die Schule herausfordern, muss diese ihnen mühsam beibringen, wie man sich das Online-Medium zunutze macht.
Für die meisten Schüler war es das erste Mal, dass sie das Internet um eigene Schöpfungen bereichert haben. Die große Öffentlichkeit reizt sie nicht; Selbstdarsteller sind selten - selbst anonyme Rollenspiele auf virtuellen Bühnen, wie sie etwa die Online-Welt " Second Life" bietet, werden verschmäht. Die Jugend ist geradezu versessen auf reale Beziehungen: Was immer sie tut oder schreibt, ist an die eigene Gruppe gerichtet.
Das gilt auch für die Gattung Video, die noch am ehesten zum Selbermachen verleitet. Immerhin 15 Prozent der jungen Leute haben schon mal ein Video hochgeladen; großteils mit dem Handy gefilmte Ware.
Sven zeigt ein Beispiel auf YouTube: Man sieht ihn mit ein paar Freunden in Badehose am Seeufer; dann laufen sie zusammen ins offenbar noch schaurig kalte Wasser. "Doch, doch", versichert Sven, "so was interessiert die Leute, darüber wird gesprochen!" In der Tat stehen unterm Video schon 37 Kommentare, alle aus dem Bekanntenkreis.
"Und hier", sagt Sven und zeigt auf den Bildschirm, "hier bei Facebook hat vor kurzem jemand einfach nur einen Punkt gepostet. Trotzdem haben sieben Leute schon auf den 'Gefällt mir'-Knopf gedrückt, und 83 haben zu dem Punkt Kommentare geschrieben."
Älteren mag das völlig sinnfrei vorkommen, für die Jugend gehört es zum Gruppenleben, nicht weniger wichtig als ein freundliches Winken oder eine leutselige Blödelei in der Offline-Welt. Nichts zeigt besser als der Punkt, wie normal das Internet geworden ist - das Gegenteil einer besonderen Welt, in der besondere Dinge geschehen.
"Die Medien werden massenhaft genutzt, wenn sie alltagstauglich sind", sagt der Hamburger Bildungsforscher Schulmeister. "Und sie werden für Ziele genutzt, die man ohnehin anstrebt."
Für die Jugendlichen ist dieser Wendepunkt jetzt erreicht. Das Internet gehört schon nicht mehr zu den Dingen, an die sie freiwillig Gedanken verschwenden. Die Aufregung um den "Cyberspace" war, wie es scheint, ein Phänomen der Altvordern, der technikvernarrten Gründergeneration. Für eine kurze Übergangszeit schien das Netz ungemein neu und anders, eine eigene revolutionäre Macht, die alles packt und umformt.
Der Jugend ist das fremd. Sie spricht kaum mehr vom "Internet", nur noch von Google, YouTube und Facebook. Erst recht versteht sie nicht mehr, was es heißen soll, "ins Netz zu gehen".
"Der Begriff ist sinnlos", sagt Tom. Ein Relikt aus der Zeit, als es noch etwas Besonderes war, die Vorstellung eines separaten Raums, getrennt vom echten Leben, einer eigenen geheimnisvollen Welt, die man betritt und wieder verlässt.
Tom und seine Freunde sind nur noch, wie sie sagen, "on" oder "off". Und das meint einfach: erreichbar oder nicht.
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© DER SPIEGEL 31/2010
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