Von Wieland Wagner
Die drückend-schwüle Sommerhitze wird von einem endlosen Sägen, Kreischen, Bohren und Hämmern zerrissen. Hunderte Wohnblocks und Villen aller möglichen Stilrichtungen wachsen hier am Rand des nordchinesischen Tianjin aus dem Staub.
"Xingyao Wuzhou" - frei übersetzt: "Leuchtender Stern über fünf Kontinenten" -, so heißt die Nachbildung der Weltkarte, eine chinesische Mischung aus Dubai und Disneyland, die hier für über 2,3 Milliarden Euro rund um einen und in einem künstlichen See entstehen soll, ein gigantisches Wohn- und Freizeitparadies der Luxusklasse.
Den Bewohnern der Wasserstadt soll es an nichts mangeln, geplant sind unter anderem das größte überdachte Skigelände der Welt, Golfplätze, ein Sieben-Sterne-Hotel, die größte Musikfontäne auf Erden sowie Miniaturen berühmter Bauwerke wie der Londoner Tower Bridge und der Golden Gate von San Francisco.
Größenwahn hat Hochkonjunktur im Wirtschaftswunderland China. "Die Welt in Ihrer Hand" - mit diesem Slogan werben die Bauherren für das Edelprojekt. Manager Qi zeigt auf Modellvillen in besonders exklusiver Uferlage. Diese Objekte wolle man erst ganz zum Schluss veräußern, sagt er und zwinkert verschwörerisch: Seit Beginn der Verkäufe sind die Quadratmeterpreise bereits um 4000 bis 5000 Yuan (umgerechnet 450 bis 570 Euro) gestiegen. Von jeder weiteren Bauphase versprechen sich die Investoren noch prächtigere Gewinne.
Chinas Entwicklungsmodell hängt von Rekorden ab
Zweckoptimismus bildet die brüchige Basis, auf der allenthalben im Reich der Mitte ähnliche Projekte gedeihen. Zweifel sind tabu, jetzt erst recht, denn außerhalb der edlen Verkaufsräume beginnt die Stimmung sich bereits zu drehen. Immer öfter und lauter ist die Rede davon, dass die Blase platzen könnte, ja dass die Trendwende schon begonnen hat - mit ungewissen Folgen für die Wirtschaft auch der übrigen Welt.
Im Juni fielen gegenüber dem Vormonat erstmals seit knapp anderthalb Jahren die Immobilienpreise in 70 großen Städten Chinas - um 0,4 Prozent für Neubauwohnungen und um 0,1 Prozent für Altbauten. Zugleich meldete das Statistikamt ernüchternde Zahlen für die Gesamtkonjunktur.
Demnach wuchs die Wirtschaft im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum nur noch um 10,3 Prozent. In den ersten drei Monaten waren es noch 11,9. Das ist zwar eine lächerlich wirkende Abschwächung im Vergleich mit westlichen Industrieländern. Doch für die Volksrepublik, deren Entwicklungsmodell von Rekorden abhängt, um nicht ganz schnell wieder abzurutschen, gelten die jüngsten Daten als beunruhigend.
Auch westliche Exportländer wie Deutschland, die sich unter anderem dank Aufträgen aus China von der globalen Krise erholen, werden an die Risiken in Fernost erinnert: "Wir beginnen, einen Kollaps im Immobilienmarkt zu sehen, und dieser wird den Bankensektor treffen", warnte kürzlich Kenneth Rogoff, Harvard-Professor und früherer Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. "Es ist eine Blase", da bestehe kein Zweifel.
Die Bedrohung ist hausgemacht
Selbst Xu Shaoshi, Chinas Minister für Land und Ressourcen, fürchtet, im dritten Quartal könne der Immobilienmarkt eine "volle Korrektur" erleben - auch wenn die anders aussehen würde, als es die USA in den vergangenen Jahren erlebt haben. Dort begann die Krise damit, dass immer mehr sogenannte Subprime-Kredite vergeben wurden. Menschen, die sich ein eigenes Haus eigentlich gar nicht leisten konnten, wurden mit billigen Krediten und der Aussicht geködert, ihre Immobilie werde ja immer wertvoller und bezahle sich gleichsam von selbst.
Als die Preise erstmals nachgaben, konnten Hunderttausende ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen. Aus der Immobilien- wurde eine Bankenkrise, aus der Banken- eine Schuldenkrise der gesamten westlichen Welt. Die Folgen sind noch heute zu sehen: von den Millionen Arbeits- und Obdachlosen in den USA bis zu Euro-Staaten wie Griechenland, die unter gewaltigen Staatsschulden erdrückt zu werden drohen.
China schien vor der globalen Krise lange gefeit, erlebt nun aber die Bedrohungen einer hausgemachten Immobilienkrise, die etliche lokale Regierungen in Schwierigkeiten bringen könnte. Grund: Durch Verkäufe von Agrarland an Immobilienhaie finanzierten sie oft fast ein Drittel ihrer Großvorhaben wie Flughäfen oder Bahnhöfe.
Allein 2009 verkauften sie insgesamt 319.000 Hektar Land - 44 Prozent mehr als im Jahr zuvor. In der Hoffnung auf stets steigende Bodenpreise verschuldeten sie sich hoch bei Banken.
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Ich will zwar nicht einer neuen Krise das Wort reden. Die Voraussetzungen dafür sind aber vorhanden... Es wird die Zeit zeigen, ob da nun wieder eine Blase aufgebaut wurde, die wieder platzt. Fraglich nur, ob da auch wieder [...] mehr...
Jetzt ist es so oder so zu spät noch etwas zu tun. Vielleicht geht es glimpflich ab, aber die Tatsache, dass Immobilienblasen nun leider dem Gefangenendilemma sehr ähneln, sind sie unausweichlich. Nur langfristig stabile [...] mehr...
Moin, Wenn man sich die Verrenkungen ansieht die seit geraumer Zeit unternommen werden müssen um das Schneeballsystem weiter am laufen zu halten wäre ich mir da lieber nicht zu sicher..... All das war dank der [...] mehr...
Nun es scheint, dass die menschlichen Gesellschaften ihre Blasen brauchen, entweder, um sich aus ihrer Lethargie zu holen oder um sich in die "Grosse Unordnung" (da luan) zu stürzen. Mit Vernunft würden alle [...] mehr...
habe ich nicht in den vergangenen 20 Jahren Untergangsszenarien fuer China gelesen. Danach muesste die dortige Wirtschaft schon ein dutzend Mal einen harten crash durchgemacht haben. Und was passierte wirklich ? Haargenau Nichts [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 31/2010
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