Von Wieland Wagner
Doch nun zeigen sich auch im Reich der Mitte die Grenzen des Wachstums, und damit aber gerät eine Hauptsäule der chinesischen Wirtschaft ins Wanken. Immerhin hatte die Regierung im Zuge ihrer Konjunkturmaßnahmen vier Billionen Yuan (rund 450 Milliarden Euro) in das größte Rettungspaket gepumpt, das die Volksrepublik je gesehen hat. Das entfachte zunächst einen gewaltigen Bau-Boom - mit teils üblen Folgen: Oft werden Bürger mit rüdesten Methoden enteignet.
Seit vergangenem Sommer ist der Bestand an Immobilienkrediten chinesischer Banken um mehr als 40 Prozent gestiegen. Die Folge: Fehlplanungen, dubios versickernde Geldflüsse und vielfach immer weiter explodierende Preise, die wiederum die Bevölkerung treffen.
Sparen lohnt in China kaum. Nach etlichen, teils dramatischen Turbulenzen an den Börsen lassen die Bürger auch die Finger von Aktiengeschäften. Da schien eine Wohnung oder ein Haus lange als sinnvollste und gewinnbringendste Geldanlage.
In manchen Städten wurden schon mehr Wohnungen gebaut als neue Haushalte gegründet. In Metropolen wie Peking und Shanghai müssen die Chinesen etwa das 20fache ihres durchschnittlichen Jahresgehalts bezahlen, um auch nur ein Apartment zu ergattern. Selbst in teuren Großstädten wie Tokio liegt der entsprechende Faktor bei rund acht.
Die Spekulation eindämmen - und die Konjunktur gleich mit?
Die drohende Blase erreicht schon jetzt weltpolitische Dimensionen. Denn die gefräßige Bauwirtschaft Chinas ließ auch die Preise von Rohstoffen wie Aluminium, Eisenerz oder Kupfer in die Höhe schnellen. Kein Wunder, dass sich in einer Umfrage schon mehr als zwei Drittel aller Chinesen wünschten, die Immobilienblase möge doch bald platzen. Viele ahnen: Von einer Marktwirtschaft, die sich selbst regulieren könnte, ist der asiatische Staatskapitalismus weit entfernt.
Im April reagierte die Politik: Um das Spekulationsfieber abzukühlen, wies sie Banken an, weniger Kredite an Wohnungskäufer zu vergeben. Zugleich wurde der geforderte Eigenkapitalanteil für den Kauf von Zweitwohnungen auf mindestens 50 Prozent erhöht. Auch erwägt die Regierung, Wohneigentum künftig zu besteuern.
Doch diese Maßnahmen sind riskant. Sie könnten nicht nur die Spekulation eindämmen, sondern gleich auch die übrige Konjunktur abwürgen. Immerhin macht der Immobiliensektor 20 Prozent der festen Investitionen aus. Und so könnte sich ein unerwünschter Effekt einstellen: Wenn China weniger Wohnungen und Häuser baut, könnten auch Industriezweige wie das Stahl-, Glas- oder Zementgeschäft auf ihren erheblichen Überkapazitäten sitzenbleiben.
Das sind nicht nur die Szenarien von notorischen Schwarzmalern. Selbst Premier Wen Jiabao räumte kürzlich ein: "Das Dilemma, dem China sich bei seinen makroökonomischen Maßnahmen gegenübersieht, ist unerwartet groß." Auch spiegelt die Shanghaier Börse bereits die fundamentalen Risiken wider. Ein Viertel der Börsenkapitalisierung entfällt dort auf Immobilienwerte und Banken: Im ersten Halbjahr fiel der Aktienindex um 27 Prozent.
Erinnerungen an das Japan der achtziger Jahre
Doch lässt sich tatsächlich bereits von einem nahen Immobilien-Crash spre-chen - oder gelingt den Planern noch eine weiche Landung? Cao Jianhai von der staatlichen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking erklärt: "Die chinesische Wirtschaft gleicht einem Vulkan vor dem Ausbruch." Dennoch glaube er nicht, dass die Regierung von Staats- und Parteichef Hu Jintao und Premier Wen vor Auslauf ihrer Amtszeit 2012 einen Crash zulassen werde. Zu groß sei die Abhängigkeit der Lokalregierungen vom Immobilien-Boom. Peking werde "um jeden Preis" Geld ins Finanzsystem pumpen, damit die Wirtschaft auch weiter rasant wächst.
In zwei Jahren aber, so Cao, könne die Blase platzen. Dann müssten die Nachfolger von Hu und Wen die Schieflage korrigieren. Im schlimmsten Fall, prophezeit der Wissenschaftler, könne es dann zum Massenansturm auf Banken kommen. "Denn von den vier Billionen Yuan des chinesischen Konjunkturpakets stammen ja in Wahrheit drei Billionen von den Lokalregierungen - und die haben sich das Geld bei den Banken geliehen."
Es gibt eine interessante historische Parallele zur neuen chinesischen Blase. Mit seinen Auswüchsen - Luxusvillen, Freizeitparks, Golfplätze - erinnert Chinas Immobilien-Boom auffallend an die japanische "Bubble" der achtziger Jahre. Damals soll angeblich allein das Grundstück des Kaiserpalasts in Tokio - rein rechnerisch - so viel wert gewesen sein wie ganz Kalifornien.
Zwar lässt sich das alternde Inselland Japan nur teilweise mit dem Riesenmarkt China vergleichen. In der Volksrepublik strömen jährlich über zehn Millionen Bauern in die Großstädte, von daher besteht durchaus noch Bedarf an Wohnungen. Doch diese reale Nachfrage werde vom aktuellen Boom nicht bedient, sagt Ökonom Cao. "Wanderarbeiter sind arm, sie können sich die meist viel zu teuren Wohnungen nicht leisten."
Nach der geplatzten "Bubble" durchlitt Japan das sogenannte verlorene Jahrzehnt, dem dann noch eine zweite Krisendekade folgte. Cao ist sicher: Auch China werde seine Abhängigkeit vom Immobilien-Boom teuer bezahlen müssen. "Dadurch wird unsere industrielle Entwicklung um zehn Jahre verzögert."
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© DER SPIEGEL 31/2010
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