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Ausgabe 31/2010
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02.08.2010
 

Fotografie

"Mach den Mund zu"

Fotografie: "Mach den Mund zu"
Fotos
Peter Lindbergh

Der Fotograf Peter Lindbergh über Magermodels, seine Erfahrungen mit Politikern und das Geheimnis eines guten Bildes

SPIEGEL: Herr Lindbergh, kennen Sie den Heidelbeertrick?

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Lindbergh: Was soll das sein?

SPIEGEL: Heidi Klum empfiehlt, bei Fotoshootings den Mund halboffen stehenzu- lassen, so dass noch eine Heidelbeere zwischen die Lippen passt. Das soll wahrscheinlich lasziv wirken.

Lindbergh: Wenn jemand solche Tricks anwendet, sage ich sofort: "Mach den Mund zu." Eine andere Marotte ist gerade der sogenannte Smirk: eine Mischung aus gelangweiltem Dreinschauen und Grinsen. Es gibt ein ganzes Repertoire an eingeübten Gesichtsausdrücken. Ein gutes Foto kommt dabei sicherlich nicht heraus.

SPIEGEL: Sie fotografieren seit über 30 Jahren Mode, Sie gelten als Erfinder der Supermodels, und im September werden Sie in einer großen Ausstellung in Berlin gefeiert. Was ist ein gutes Modefoto?

Lindbergh: Wenn es nur um die Mode ginge, sollte man Kleider besser vor einem weißen Hintergrund ablichten. Es geht aber um die Frau: Ein gutes Modefoto ist ein treffendes Porträt einer tollen Frau.

SPIEGEL: Man kann sich vorstellen, dass die Modeschöpfer wenig Verständnis dafür haben, wenn man ihre Design-Klamotten nicht erkennt, weil es Ihnen um die Frau geht.

Lindbergh: Natürlich kann man die Fotos nicht unterhalb des Halses abschneiden, weil man in der Woche gerade ganz besonders auf Porträtfotografie steht. Diese Balance zu finden ist die ganze Kunst.

SPIEGEL: Wie dirigieren Sie die Models, um die Fotos zu bekommen, die Sie wollen?

Lindbergh: Schauen Sie, bei Helmut Newton wussten die Models auch genau, was erwartet wird: Die kamen an den Set, haben guten Morgen gesagt und sich noch in der Tür die Bluse ausgezogen. Bei mir wissen die Models, dass es um ihre Persönlichkeit geht.

SPIEGEL: Mehr nicht?

Lindbergh: Ich arbeite nicht mit Frauen, die happy sind, weil sie dazugehören, und am Ende sind alle happy, keiner weiß, warum, alle lächeln, und die Fotos sehen belanglos aus. Wenn ich Shootings erlebe, wo der Fotograf "hey baby, you're fabulous" ruft, könnte ich meinen Beruf wechseln.

SPIEGEL: Gerade durch den Anschein, authentisch zu sein, hat es lange gedauert, bis sich die Fotografie als Kunstsparte etablieren konnte. Wann wird Modefotografie zu Kunst?

Lindbergh: Die Unterscheidung zwischen Kunst und Kommerz ist überflüssig. Das sehen die Museen, die meine Bilder zeigen, genauso. Für mich ist ein Foto dann Kunst, wenn es Emotionen auslöst und in der Lage ist, etablierte Sehweisen zu verändern, oder einfach, weil es neu und originell ist.

SPIEGEL: Ein Keith-Richards-Triptychon von Ihnen wurde vergangenen November in London für über 100.000 Pfund versteigert. Auf den Fotos raucht Richards und lächelt in sich hinein. Kunst darf auf keinen Fall lachen, oder?

Lindbergh: Absolut. Lachen ist eindimensional, es radiert alles aus. Andere Emotionen sind nuancierter, sind besser. Das erste Mal, als ich mit Nadja Auermann gearbeitet habe, in der Nachmittagssonne in Los Angeles, da war die Atmosphäre so intensiv, dass sie plötzlich in Tränen ausbrach. Fotografieren kann sehr intim sein. Manchmal ist es so intim, dass ich die Frau direkt ansehe und gar nicht mehr durch den Sucher schaue. Ich prüfe dann nur zwischendrin kurz, ob ich einigermaßen im Format bin.

SPIEGEL: Ist Nähe Voraussetzung für ein gutes Foto?

Lindbergh: Ja, emotionale Nähe, die ist wichtig.

SPIEGEL: Und körperliche Nähe?

Lindbergh: Ich bin im Grunde ein sehr treuer Typ. Fotografie und Sex, das sind beides intime Akte. Wenn man mit einer Frau schläft, könnte ein gemeinsames Baby daraus entstehen. Wenn man eine Frau fotografiert, hat man ein gemeinsames Foto, das zwei Menschen ein ganzes Leben lang aneinander bindet.

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insgesamt 9 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
09.08.2010 von SURE:

Harmlosstil nicht behaupten kann. Profiequipment und das Fotografieren an sich ist so billig wie nie zuvor geworden ist, würde PL heute anfangen hätte er es bedeutend schwerer, vor allem mit seinem Katalogstil, das kann heute [...] mehr...

07.08.2010 von yeruku: ...

er ist der größte, nicht? denkt er jedenfalls. "Die Kunst der Fotografie besteht darin, etwas Neues zu schaffen, etwas so abzubilden, wie es noch kein anderer gezeigt hat. Viele Fotografen gehen aber nicht von ihren [...] mehr...

06.08.2010 von W. Robert: Schaufenster-Deko

Was an diesen meist extrem durchschnittlichen Supermodels interessant sein soll hat sich mir nie erschlossen. Wahrscheinlich waren die speziell ausgewählt, um die durchschnittliche Abteilungsleiterin nicht all zu neidisch werden [...] mehr...

06.08.2010 von klangholz: Wir zittern vor Ehrfurcht vorm grossen Künstler

Also mal ersthaft: Das Interview ist voller Plattheiten und Pauschalisierungen: Lachen ist immer schlecht, die Tipps von anderen sind alle schlecht,...nur ich weiss wie es richtig geht. Wie kann man so einen überheblichen, [...] mehr...

06.08.2010 von Reflektionen: Leeres gequatsche

@klangholz: Offensichtlich haben Sie ein anderes Interview gelesen. Ich fand es ausgesprochen gut. Ein Künstler der seine ehrliche Meinung sagt. Sie hingegen nutzen die typische "Forenplattitüde". Die hätten Sie sich [...] mehr...

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Zur Person

Kai Jünemann

Peter Lindbergh wurde 1944 als Peter Brodbeck in Polen geboren und wuchs in Duisburg auf. Zunächst machte er eine Ausbildung zum Schaufensterdekorateur. Später studierte er Malerei und arbeitete als Assistent eines Werbefotografen. 1978 hatte er seinen Durchbruch als Fotograf mit einer Modestrecke im "Stern". Seine legendären Fotos mit bekannten Mannequins gelten als Beginn der Topmodel-Ära, die Zeitschrift "Vogue" kürte eines zum "Foto des Jahrzehnts". Ab dem 25. September zeigt die Galerie C/O Berlin die Ausstellung "Peter Lindbergh. On Street". Lindbergh ist in zweiter Ehe verheiratet und lebt seit Ende der siebziger Jahre in Paris.


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