Von Jürgen Dahlkamp
Die Sylter haben sich selbst verloren, und das hat viel mit den Veränderungen der vergangenen Jahre im Sylter Tourismus zu tun. Veränderungen auf einer Insel, die eine Ferieninsel ist und auf der deshalb die Fremden aus "Europa", wie das Festland hier heißt, die entscheidende Rolle spielen.
Am Anfang steht die Anziehungskraft. Sylt hat Sog, viele, sehr viele wollen dort Urlaub machen. Einige sicher auch wegen der Promi-Polonaise am Strönwai, die meisten aber immer noch, weil sie die raue, klare Insellandschaft erleben wollen, die Einsamkeit eines Dünenspaziergangs im Frühnebel. Die ganze Jever-Werbung von morgens bis abends. Doch wo alle die Einsamkeit suchen, findet sie am Ende keiner.
Das ist das Paradoxon der Faszination Sylt. Und deshalb hatten schon 1974 Gutachter für die Kieler Landesregierung den kritischen Punkt markiert, an dem mehr Menschen der Insel mehr schaden als nutzen: 100.000. Höchstens 100.000 Menschen, die sich gleichzeitig auf der Insel aufhalten. "Diese Zahl sollte unter allen Umständen von allen Planungsbehörden als absolute Obergrenze angesehen werden", hieß es damals.
Fast sieben Millionen Übernachtungen
Ist es deshalb Zufall, dass Peter Douven, Chef der örtlichen Tourismus-Gesellschaft, 36 Jahre später auf die Frage, wie viele Menschen jetzt in der Hochsaison am Tag auf der Insel sind, "90.000 bis 95.000" antwortet? Darin enthalten: die Sylter, die Übernachtungsgäste und die Tagesbesucher, die in überfüllten Zügen auf die Insel schwappen.
Was gegen Douvens Angabe spricht: Douven selbst mit seinem Erfolg als Tourismus-Manager. Seit Jahren steigen die Zahlen, auf der Insel und im Gleichtakt in der Gemeinde Sylt. Fast sieben Millionen Übernachtungen waren es 2009 auf Sylt, noch mal 3,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Die alten Bestmarken aus den frühen Neunzigern sind alle längst getoppt.
Zwar dauert die Saison immer länger, die Gäste verteilen sich besser über das Jahr, kommen sogar noch im November. Doch dass die 100.000-Köpfe-Schmerzgrenze im Hochsommer noch eingehalten wird, glaubt außer Douven kaum noch einer. Nicht mal die Gemeinde Sylt selbst. "Heutige Realität: ca. 150.000 Menschen", heißt es in einem Grips-Vorbericht; der örtliche Wasserversorger EVS erhöht in einem Papier die Schätzzahl auf 160.000. Und dessen Bereichsleiter Karl Dettmar im Gespräch sogar auf 200.000. "Über die Zahl 100.000 lache ich nur."
Nicht mehr die abgeschiedene Schönheit
So beliebt die Insel also ist, so belastet ist sie in der Saison inzwischen auch: Autoschlangen, die sich kilometerlang nach Westerland hineinziehen, meist bei Regen, wenn die Strände leer bleiben. Ein Gewimmel in der Fußgängerzone in Westerland jeden Abend um zehn, als wäre verkaufsoffener Sonntag. Selbst Douven, der Tourismus-Chef, wirkt beinahe erleichtert, dass sich seit Jahren erstmals ein paar weniger Übernachtungen abzeichnen, minus zwei Prozent vielleicht, eine Spätfolge der Krise. Es reicht sogar Douven inzwischen - wenn noch mehr Gäste kämen, dann bitte in der Nebensaison, nicht mehr im Hochsommer.
In den vergangenen Jahren sind einige große Hotels entstanden, politisch gefördert von der Landesregierung, aus Sorge, Schleswig-Holstein könnte von Mecklenburg-Vorpommern abgehängt werden. Außerdem kommen inzwischen immer mehr Urlauber mit dem Flugzeug. Das sind zwar keine Pauschaltouristen, die Flug und Hotel billig im Paket gebucht haben. Und verglichen mit anderen Ferieninseln bleibt auch der Fluglärm auf Sylt noch ein Nebengeräusch - Air-Berlin-Chef Joachim Hunold hat sich in Archsum in der Einflugschneise seiner Maschinen sogar eine Villa gebaut. Aber ein Zeichen ist es schon: Sylt, das ist nicht mehr die abgeschiedene Schönheit, für die man sich Muße nehmen muss. Man kann jetzt auch schnell mal als wohlhabender Jetsetter von Berlin, Düsseldorf, München für zwei, drei Tage einfliegen.
Damit aber wird der Sylt-Sog noch stärker - für die vom Festland, die sich die Bestlage leisten können. Nur für Sylter wird die Lage unhaltbar.
Um nur mal eine Ahnung von der Wohnungsnot auf dem Eiland zu bekommen, kann man zwei Dinge tun: Eine 0173-Handynummer wählen, sich dort nach einem Zimmer im Victoria-Haus erkundigen, einem graugestrichenen Altbau in der Westerländer Fußgängerzone, und elf Quadratmeter kosten dann 335 Euro, Strom extra, die Gemeinschaftsdusche auf dem Flur.
Oder ein Anruf bei Peter Peters vom Maklerunternehmen Engel & Völkers. Wenn man ihn richtig versteht, während im Hintergrund die 6,3-Liter-Maschine seines Cabrios beim AMG-Fahrsicherheitstraining röhrt, dann sieht es auf Sylt so aus: ein bis zwei Zimmer für 300.000 Euro, drei Zimmer für 500.000, Reihenhaus für 2,5 Millionen, Premium-Einzelhaus vier Million, Kampen: Liebhabersache. Der Markt sei "sehr intakt", mit Preissteigerungen von bis zu 50 Prozent in den vergangenen fünf Jahren und einem extrasteilen Anstieg im vergangenen Jahr. Was ein Makler eben so "intakt" nennt.
Die Konsequenz: "Wer vor einem Jahr für 1,5 Millionen nicht verkaufen wollte, tut es jetzt doch für annähernd 2 Millionen. Das nimmt zu", sagt Peters. Man kann es ja verstehen, und es ist nur die Fortsetzung eines jahrelangen Ausverkaufs. Immer mehr Sylter, die ein Haus besitzen, können der Versuchung nicht widerstehen und machen sich zum Millionär. Andere dagegen müssen verkaufen, weil die Eltern sterben, sie geerbt haben und die Geschwister nicht auszahlen können, bei solchen Preisen. Und die Einzigen, die sich diese Preise leisten können, sind Käufer vom Festland. Sie bezahlen, reißen sogar Häuser ab, die erst zehn Jahre alt sind, bauen neu, größer.
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© DER SPIEGEL 32/2010
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