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Ausgabe 32/2010
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Helden Mein Freund, der Stier

Foto: AFP

Ende Mai rammt ein 530 Kilo schwerer Stier sein Horn in den Kiefer des Toreros Julio Aparicio. Im Mund tritt es wieder aus. Wenige Wochen später gibt Aparicio sein Comeback. Gegner des Spektakels protestieren - Torero und Manager machen das Geschäft ihres Lebens.

Am Morgen hat Julio Aparicio in seinem Hotelzimmer vor einem tragbaren Heiligenschrein gekniet, den er immer mitnimmt, wenn er irgendwo auf der Welt kämpft. Er hat an diesem Morgen länger davor gekniet als sonst, sagt er.

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Julio Aparicio ist seit über 20 Jahren Torero. Er hat schon Hunderte Stiere getötet, es ist nicht so, dass er diese Situation nicht kennt, die Aufregung kurz vor der Corrida. Aber es ist dieses Mal nicht die Anspannung, die er früher so oft erlebt hat. Im Gang stehen und warten, dass es beginnt. Die jubelnde Masse, die Rufe, die Musik. Es riecht nach Pferd, nach Heu, nach Stier, alles durchmischt sich, die Sommerhitze, der Lärm, der Geruch des Anzugs. Eigentlich ist es ja heute nicht anders. Gleich wird jemand das rote Holztor aufschieben, und Aparicio wird den gelblichen Sand der Arena sehen können. Die Kapelle wird aufspielen, der Applaus stärker werden. Früher war es der Moment, in dem die Spannung von ihm abfiel. Früher heißt, bis Mai dieses Jahres. Aber das, was er gerade fühlt, macht nicht den Anschein, als ob sie je wieder abfallen würde.

Der Torero hat Angst.

Es ist Anfang August, kurz vor sieben am Nachmittag, Aparicios Gesicht wirkt starr, die Haare hat er mit Pomade nach hinten gekämmt. Später wird er erzählen, dass diese Stunden die "schlimmsten seit meiner Geburt" sind.


Gerade aber tun alle um ihn herum so, als wäre das ein ganz normaler Arbeitstag. Sie tun so, als wäre es nicht das Comeback eines Toreros, der eigentlich tot sein müsste.

Für Aparicios Comeback gibt es erstklassiges Geld

Aparicios neuer Manager, ein junger Kerl im Sommeranzug, schaut abwechselnd auf sein iPhone und seine Rolex. Auch er ist nervös, obwohl es nur Pontevedra ist. Eine nicht sehr große Küstenstadt in Galicien, im Nordwesten Spaniens. Eine zweitklassige Arena, aber für Aparicio gibt es erstklassiges Geld, genauer gesagt für sein Comeback. Über 10.000 Euro, heißt es.

Pontevedra ist ideal, weit weg von Madrid. In der Hauptstadt wird Vollendung in den Bewegungen erwartet. Wenn man das nicht kann, muss man den Stier so nah an sich ranlassen, dass man jederzeit durchbohrt werden könnte. Wenigstens das. Entweder man tanzt Paso doble, oder man provoziert sein Glück, so läuft das in Madrid.

Pontevedra hingegen, das sind dankbare Provinzrabauken, freundliche Aficionados, die nicht Kunst, sondern Blut sehen wollen. Sie johlen, wenn der Torero dem Stier beim Vorbeirauschen auf den Hintern haut. Das hat mit Stierkampf zwar nichts zu tun, sie finden aber, dass es irgendwie gut aussieht.

Die Männer an Aparicios Seite, seine Helfer, dehnen seit Minuten ihre Beinmuskeln. Aparicio schaut sie an, er kennt sie alle seit Jahren. Rafael, Angel und David werden nachher dem Stier bunte Zierstäbe mit Widerhaken in die Schulter stechen. Wichtiger ist aber heute der dicke Francisco. Er trägt einen hellen, cremefarbenen Anzug, der aussieht, als wäre er ihm im Lauf der Jahre zu klein geworden. Francisco dehnt sich nicht. Er ist Picador. Er wird später auf einem Pferd sitzen und dem Stier eine Lanze in den Nacken bohren, die entscheidende Schwächung. Ohne den Reiter hätte der Matador keine Chance. Francisco muss das heute gut machen. Er darf es nicht übertreiben, das mögen die Leute nicht. Der Stier wäre zu geschwächt für einen guten Kampf. Julio Aparicio aber sieht heute nicht so aus, als könne er einen Stierkampf ohne einen starken Picador überleben.

Der Krach wird lauter. Er weht von den Tribünen bis hier nach unten vor das rote Holztor. Musik erklingt.

In der ersten Reihe der Arena, auf einem der besten Plätze der Plaza, sitzt ein älterer Herr, den sie hier alle Don Eduardo nennen. Eduardo Lozano Martín ist der Empresario, der Veranstalter. Ihm gehört die Plaza de Toros in Pontevedra. Er hat die Verträge mit den Toreros gemacht, er wird den Gewinn der Corrida einstreichen. Früher hat er 15 Jahre lang Madrid gemanagt, er war der wichtigste Empresario der Welt. Mittlerweile ist er 75 Jahre alt. Niemand weiß besser, wie man mit Stierkampf Geld verdient. Heute trägt Don Eduardo schon den ganzen Tag das Lächeln eines Mannes im Gesicht, der gerade erlebt, wie sein Plan aufgeht.

Stierkampf wird eher als kulturelles Spektakel gesehen

Es könnte keinen besseren Zeitpunkt geben. Mitte der Woche hat das katalanische Parlament den Stierkampf für alle vier katalanischen Provinzen verboten. Wieder einmal hatte es erhitzte Debatten gegeben zwischen Tierschützern und solchen, die Stierkampf für ein schützenswertes Kulturerbe Spaniens halten. Künstler und Intellektuelle hatten für den Erhalt der Corrida gekämpft. Der Philosoph Fernando Savater schrieb: "Es ist kein Missbrauch, von der Henne Eier zu bekommen, vom Schwein Schinken, vom Pferd Geschwindigkeit und vom Stier Tapferkeit." Es nutzte nichts, das Verbot war keine gute Nachricht für Don Eduardo.

Sein Plan entstand vermutlich irgendwann Ende Mai. Kurz nachdem ein Bild um die Welt ging, das man schwer ansehen kann. Vermutlich ist es das berühmteste Stierkampfbild aller Zeiten, die Ursache dafür, dass Julio Aparicio heute in Pontevedra steht und Angst hat.

Das Foto entsteht am 21. Mai 2010. Es ist ein angenehmer Frühlingstag in Madrid. In Las Ventas, der Stierkampfarena der Stadt, sind gerade die Feiern zu Ehren des Heiligen San Isidro. Jeden Tag Corrida, drei Wochen lang. In der Stadt aber reden die meisten nur über Fußball. Morgen spielen die Bayern gegen Inter Mailand im Bernabéu das Champions-League-Finale. Viele hier sind froh, dass Barcelona gegen die Italiener rausgeflogen ist und die Katalanen nicht in Madrid den Cup holen werden. Fußball ist wichtiger als Stierkampf in Spanien. Stierkampf wird nicht als Sport gesehen, eher als kulturelles Spektakel, ein Fest des alten Spanien, das vor allem die Konservativen mögen. Den meisten Platz räumt "ABC", die Zeitung der Rechten in Spanien, den Corridas ein. Sie rezensiert die Kämpfe im Feuilleton, gleich neben den Theaterkritiken.

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insgesamt 64 Beiträge
Florian Geyer 11.08.2010
Selbst auf Stiere ist heute kein Verlaß mehr...
Zitat von sysopEnde Mai rammt ein 530 Kilo schwerer Stier sein Horn in den Kiefer des Toreros Julio Aparicio. Im Mund tritt es wieder aus. Wenige Wochen später gibt Aparicio sein Comeback. Gegner des Spektakels protestieren - Torero und Manager machen das Geschäft ihres Lebens. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,710877,00.html
Selbst auf Stiere ist heute kein Verlaß mehr...
DJ Doena 11.08.2010
Ein Held ist für mich jemand, der sich freiwillig in eine gefährliche Situation begibt, seine Gesundheit riskiert *und* versucht, einem anderen Lebwesen zu helfen. Ein Torero tötet einen Stier, damit die zuschauende Masse [...]
Ein Held ist für mich jemand, der sich freiwillig in eine gefährliche Situation begibt, seine Gesundheit riskiert *und* versucht, einem anderen Lebwesen zu helfen. Ein Torero tötet einen Stier, damit die zuschauende Masse jubelt. Sorry, aber wo da Heldentum sein soll, bleibt mir verborgen.
Arthi 11.08.2010
Da hoffe ich ,das der nächste Stier besser trifft, so das dieser Tierquäler nie mehr in der Arena stehen kann.
Zitat von sysopEnde Mai rammt ein 530 Kilo schwerer Stier sein Horn in den Kiefer des Toreros Julio Aparicio. Im Mund tritt es wieder aus. Wenige Wochen später gibt Aparicio sein Comeback. Gegner des Spektakels protestieren - Torero und Manager machen das Geschäft ihres Lebens. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,710877,00.html
Da hoffe ich ,das der nächste Stier besser trifft, so das dieser Tierquäler nie mehr in der Arena stehen kann.
morini 11.08.2010
Meine Kinder haben sich über das Foto sehr gefreut und hoffen, daß es das Nächstemal besser klappt.
Meine Kinder haben sich über das Foto sehr gefreut und hoffen, daß es das Nächstemal besser klappt.
realpirate 11.08.2010
Fuer diesen Artikel gibt es stilbedingt den H.G. Konsalik gedaechtnispreis mit Romantikerschleifchen,Schoenschwafelkraut und Phrasenschwein am Bande.
Fuer diesen Artikel gibt es stilbedingt den H.G. Konsalik gedaechtnispreis mit Romantikerschleifchen,Schoenschwafelkraut und Phrasenschwein am Bande.
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