SPIEGEL: Was ist mit der SPD, aus der Sie selbst mal wegen Linksabweichung ausgeschlossen wurden? Steht sie vor einer Wiederbelebung?
Negt: Ich trete ja immer für einen starken linken Flügel der SPD ein. Ich war damals, 1961, nach meinem Ausschluss verletzt und beleidigt und fand dann wieder ein sehr gutes Verhältnis zur SPD, ohne noch einmal Mitglied zu werden. Die Hartz-Reformen waren für die SPD eine Katastrophe, ein Bruch mit ihrer Gerechtigkeitstradition. Das wird ihr noch ein Jahrzehnt anhängen. Wenn man vor einer Dreiteilung der Gesellschaft steht, mit einem krisengesicherten Drittel, einem zweiten, wachsenden prekären Teil und einem dritten, in dem immer stärkere Abkoppelungsbewegungen stattfinden, dann kann man dieser Entwicklung nicht mit Hartz-Reformen dieser Art kommen.
SPIEGEL: Dabei gehören Sie zum Freundeskreis von Gerhard Schröder, aus gemeinsamen Hannover-Zeiten. Sie konnten ihn beraten, er suchte gern das Gespräch mit Ihnen. Bestand da nicht die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen?
Negt: Es war meine Hoffnung, das Gespräch zu suchen und ihn zu überzeugen. Jedenfalls habe ich offiziell nie etwas anderes gesagt als privat. Aber ein Bundeskanzler neigt wohl immer zu den Tatsachenmenschen und nicht zu denen, die in Abwägung von Vernunft und Wirklichkeit mit Hegel sagen, umso schlimmer für die Tatsachen.
SPIEGEL: Welche Rolle spielen heute noch die öffentlichen Intellektuellen? Politiker schmücken sich gern mit ihnen, hören aber selten auf sie.
Negt: Die Beratertätigkeit von Philosophen in der Politik hat ja eine tragische Geschichte. Platon ging nach Syrakus zum Tyrannen Dionysos, um seine Gesellschaftsutopie zu verwirklichen. Das Experiment scheiterte bekanntlich schmählich, Platon landete auf dem Sklavenmarkt und musste von einem Schüler freigekauft werden. Und der Preußenkönig Friedrich der Große spottete nach seinen Erfahrungen mit Voltaire: Wenn ich eine Provinz bestrafen will, schicke ich ihr einen Philosophen als Gouverneur.
SPIEGEL: Im Spannungsfeld von Handeln und Denken, von Machtrealität und normativer Utopie zieht der Philosoph unweigerlich den Kürzeren?
Negt: Ludwig Marcuse hat in seiner wunderbaren Studie "Der Philosoph und der Diktator" über Platon geschrieben: "Das Erbauliche an seinem Leben ist nicht, was er erreicht hat, sondern was er versucht hat. Das Traurige an unserer Zeit ist aber nicht, was sie nicht erreicht, sondern was sie nicht versucht. Im Versuchen aber liegt der echte Idealismus."
SPIEGEL: Sie sind seit mehr als 40 Jahren mit Forschung, Lehre und ganz besonders auch mit Gewerkschaftsschulung und Erwachsenenbildung beschäftigt. Wie würden Sie nach all diesen Erfahrungen heute Ihre Gemütsverfassung beschreiben? Pessimistisch oder doch eher optimistisch?
Negt: Da antworte ich so ähnlich wie Antonio Gramsci in seinen "Briefen aus dem Kerker": Was Theorie und Analyse betrifft, bin ich Pessimist, denn der Intellektuelle, der politische zumal, hat die Aufgabe, auch die schlechteste Möglichkeit miteinzukalkulieren. Als praktischer Mensch bin ich Optimist, denn es gibt kein System ohne Risse. Diese gesellschaftlichen Risse zu suchen und an ihnen praktisch einzusetzen, das Unlegitimierte sichtbar zu machen und alternative Entwürfe zu entwickeln, das ist mein Credo und mein Programm.
SPIEGEL: Die linke Perspektive ist nicht die marxsche Revolution, sondern mit Max Weber das Bohren von harten Brettern?
Negt: Die Zeit der Barrikaden ist vorbei, Revolution ist ein Prozess, der nicht abschließbar ist. Was bloße Reform ist und was revolutionäre Veränderung, ist so einfach nicht zu unterscheiden. Ich verbinde den Revolutionsbegriff mit Strukturreformen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ohne kleine Schritte, ohne Veränderung im Alltag, ob in der Schule oder in der Familie, gibt es gar keine nachhaltige Entwicklung. Jeder ist aufgefordert, Risse und Widersprüche wahrzunehmen und sie auf ihre Veränderungsmöglichkeiten hin zu untersuchen, um sich dann für Alternativen stark zu machen. Das verstehe ich als Beitrag zur Verbesserung der Welt.
SPIEGEL: Professor Negt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Romain Leick
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© DER SPIEGEL 32/2010
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