Von Thomas Schulz
In Amerika ist der freie Markt die oberste Instanz. Wer wenig Geld verdient, ist selbst schuld. Wer viel verdient, dem wird applaudiert - und nachgeeifert. Viel zu lange wurde dabei übersehen, dass dieser Aufstieg immer seltener gelang.
Statistisch liegt die Chance von weniger wohlhabenden Amerikanern, in die obere Mittelschicht aufzusteigen, bei vier Prozent - niedriger als in fast jedem anderen Industriestaat.
Die Politik findet bislang keine Antworten auf die sich verschärfende soziale Krise. Washington wartet immer noch auf die Jobs, die nicht kommen. Es scheint, als würden Präsident Barack Obama und seine Regierung einfach darauf vertrauen, dass sich die Amerikaner selbst aus dem Sumpf ziehen. Am besten so, wie sie es immer getan haben: indem sie Geld ausgeben. Für zwei Drittel der amerikanischen Wirtschaftsleistung ist der Binnenkonsum verantwortlich.
Aber obwohl Ben Bernanke, Chef der Notenbank Federal Reserve, weiter Geld in den Markt pumpt, obwohl das Staatsdefizit mittlerweile die atemraubende Höhe von 1,4 Billionen Dollar erreicht hat - es zeigen sich keine Erfolge.
In Hawaii fällt die Schule aus, um Kosten zu sparen
"In Amerika gehen die Lichter aus", donnerte Nobelpreisträger Paul Krugman vergangene Woche und beschrieb Kommunen, die sich nicht mal mehr den Unterhalt ihrer Straßen leisten können.
Denn das Problem ist: Viele Amerikaner können gar nicht mehr konsumieren. Sie haben keine Ersparnisse. Ihre Häuser sind teils nur noch die Hälfte wert. Sie bekommen keine billigen Kredite mehr. Sie verdienen weniger Geld oder sind arbeitslos. Und entsprechend sind sie auch nicht mehr in der Lage, Steuern zu zahlen.
Viele Bundesstaaten und Gemeinden haben deshalb mit riesigen Haushaltslöchern zu kämpfen. Auf Hawaii fällt in manchen Wochen freitags die Schule aus, um dem Staat Kosten zu sparen. In Georgia hat ein Landkreis seinen gesamten öffentlichen Busverkehr einfach eingestellt. In der 380.000-Einwohnerstadt Colorado Springs wurde ein Drittel aller Straßenlampen abgeschaltet, um Strom zu sparen.
Vieles scheint im Amerika nach der Finanzkrise nicht zusammenzupassen. Einerseits druckt die Notenbank ständig frisches Geld, und die Regierung pumpte allein 182 Milliarden Dollar in die Rettung von AIG. Andererseits gehen in manchen Gegenden tatsächlich die Lichter aus, weil Washington keine Finanzhilfen gewähren will und dies mit Sparzwang begründet. "Amerika ist auf einem unbeleuchteten, unasphaltierten Weg ins Nirgendwo", warnt Ökonom Krugman.
Es gibt noch das heile Amerika, aber es wird kleiner
Chanelle Sabedra ist bereits unterwegs. Fast drei Wochen hat sie gemeinsam mit ihren Mann im Auto geschlafen. "Das hätte ich nie erwartet, nie, nie, nie", sagt Chanelle. Ihr kommen die Tränen. "Ich komme schon irgendwie klar, aber es ist so hart für die Kinder." Sie hat drei, sie sind neun, fünf und drei Jahre alt.
"Wir hatten ein Haus weiter südlich, in San Bernadino." Im Juli 2009 verlor ihr Mann seinen Job, er hat Fertighäuser gebaut. Der Energieversorger drehte das Gas ab. "Wir haben das Wasser auf dem Grill heiß gemacht, um unsere Kinder zu baden." Im August wurden sie aus dem Haus geworfen, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten.
Freunde und Verwandte konnten kaum helfen. Jetzt haben sie ein Zimmer im Obdachlosenheim der Heilsarmee im Stadtzentrum von Ventura, das von Captain Finley geleitet wird.
Der direkte Absturz in die Obdachlosigkeit ist eine Realität, die schwer zu verstehen ist, wenn man an die Bilder denkt, die jeder aus Fernsehserien und Filmen kennt. Dort sind die Vorgärten immer gepflegt, und an jeder Doppelgarage ist ein Basketballkorb montiert. Es gibt dieses Amerika, aber es wird kleiner. Und wer wenigstens die Illusion am Leben hält, kann sie sich oft kaum noch leisten.
Jahrelang lebten die Amerikaner auf Pump
Seit 20 Jahren bereits haben Amerikas Bürger mit steigenden Kernausgaben zu kämpfen: Schon Anfang des Jahrtausends mussten Familien doppelt so viel für Krankenversicherungen und Hypotheken zahlen wie noch eine Generation zuvor.
"Um damit klarzukommen, haben in Millionen Familien bereits beide Eltern arbeiten müssen", sagt Harvard-Professorin Elizabeth Warren, die von Präsident Obama zur Chefaufseherin für die staatliche Bankenrettung eingesetzt wurde. Die durchschnittliche Familie habe ihr ganzes Einkommen und ihre Ersparnisse bereits aufgebraucht, "nur um sich über Wasser zu halten", so Warren.
Für alle anderen Ausgaben - Bildung, Gesundheit, Konsum - begannen die Amerikaner deswegen auf Pump zu leben. Die privaten Schulden liegen bei 13,5 Billionen Dollar.
Viele drohen nun unter ihrer Schuldenlast zu ersticken. 61 Prozent der Amerikaner leben ohne Reserve von einem Gehaltsscheck zum nächsten. Selbst eine Krankenhausrechnung kann dann existentielle Folgen haben.
"Ich schreibe jeden Tag Bewerbungen, aber es gibt nichts"
Der Mann von Chanelle Sabedra hat zwar wieder einen Job gefunden, als Lagerarbeiter in einer Firma, die Flugzeugturbinen herstellt. Aber das reicht noch nicht für den Abschied aus dem Obdachlosenheim: "Ich habe bisher keine Arbeit gefunden", sagt Chanelle. Der Job ihres Mannes ist zu schlecht bezahlt. Das Paar ist bei den "working poor" angekommen, den in den USA immer zahlreicher werdenden arbeitenden Armen, für die nicht einmal zwei Niedriglohn-Jobs reichen, um die Familie zu ernähren. "Allein um meine Jüngste halbtags in den Kindergarten zu geben, brauche ich mindestens 600 Dollar im Monat", sagt Chanelle.
Im Amerika vor der Rezession hätten sie und ihr Mann auf je zwei Jobs gearbeitet, um sich wieder nach oben zu kämpfen. Sie hätten tagsüber an der Kasse bei Wal-Mart geschuftet, am frühen Abend bei McDonald's am Herd oder die halbe Nacht noch als Wachmann oder Putzfrau. Alles schlechtbezahlte Jobs und ohne große Perspektiven, aber zusammengenommen eben genug, um über die Runden zu kommen. Im Amerika vor der Rezession war das Leben für Chanelle nicht üppig, aber es hat gereicht, wenn man nur hart genug arbeiten wollte. Wenn man nur bereit war, genug von sich selbst aufzugeben.
Nach was für Jobs sucht sie nun? "Ich versuche alles, Verkäuferin oder Arzthelferin, ich schreibe jeden Tag Bewerbungen, aber es gibt nichts", sagt sie.
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© DER SPIEGEL 33/2010
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