SPIEGEL: Herr Grass, Ihr neues Buch trägt den Titel "Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung". Wie begann diese Liebe?
SPIEGEL: Inwiefern?
Grass: Nun, der Däumling lebt in Oskar Matzerath aus der "Blechtrommel" fort. Jacob und Wilhelm selbst spielen in vielen Manuskripten eine Rolle. In der "Rättin" versuchen sie zum Beispiel als Minister und Staatssekretär, das Waldsterben zu begrenzen.
SPIEGEL: Was schätzen Sie an den Brüdern?
Grass: Vor allem ihre Unbedingtheit. Die beiden haben 1837 in Göttingen gegen die Abschaffung der Verfassung und damit gegen die Staatsmacht protestiert. Wie die anderen widerständigen Professoren der sogenannten Göttinger Sieben verloren sie ihren Posten. Und die Aufgabe, die sie sich anschließend stellten, war im Grunde nicht zu bewältigen: ein deutsches Wörterbuch voller Zitate und Beispielsätze. Sie sind ja auch nur bis zum sechsten Buchstaben im Alphabet gekommen. Andere haben das Wörterbuch dann vollendet.
SPIEGEL: Nach über 120 Jahren.
Grass: Dieser lange Zeitraum fasziniert mich ebenfalls. In den letzten 15 Jahren haben ja Germanisten in beiden Teilen Deutschlands daran gearbeitet. Mitten im Kalten Krieg saßen in Ost-Berlin und Göttingen still die Sesselfurzer und sammelten Fußnoten für ein gesamtdeutsches Wörterbuch. Es ist also ein Spiegel jener deutschen Geschichte, von dem ich in "Grimms Wörter" auch erzähle.
SPIEGEL: So wie Ihre eigene Geschichte mit diesem Land darin eine Rolle spielt.
Grass: Ich habe ja bereits in dem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" meine jungen Jahre zum Schwerpunkt gemacht und in der "Box" meine familiären Wirrnisse und auch Verbundenheiten. Nun geht es um die politische und gesellschaftliche Seite. Das Dasein der Grimms, die wie ich von radikalem Wechsel bestimmte Zeiten erlebten, bietet sich dazu an.
SPIEGEL: Sie schildern die beiden als "Wortschnüffler", um jeden Buchstaben besorgt. Sie schreiben auch: "Einerseits geben Wörter Sinn, andererseits sind sie tauglich, Unsinn zu stiften. Wörter können heilsam oder verletzend sein." Wie haben die unterschiedlichen Facetten von Wörtern Ihr eigenes Leben bestimmt?
Grass: Als unsinnstiftend habe ich jene Wörter oder Sätze erlebt, die mit Pathos aufgeladen sind und eine verführerische Euphorie erzeugen: "Wollt ihr den totalen Krieg?" ist solch ein Beispiel. Aber dasselbe gilt auch für: "Unsere Freiheit wird am Hindukusch verteidigt." Solche Sätze kommen mit Bedeutung daher und können diese Bedeutung auch entfalten, weil sie nicht genügend angezweifelt werden. Verletzende Worte habe ich im Übermaß gehört. Als wirklich schlimm empfinde ich es, wenn Bürger, die wie ich in ihrem Land auf Missstände hinweisen, als Gutmenschen bezeichnet werden. So ist ein Totschlagwort in Gebrauch gekommen.
SPIEGEL: An welche heilsamen Wörter erinnern Sie sich?
Grass: Die ganz wunderbaren sind mit meiner Kindheit verbunden. Adebar, ein anderes Wort für Storch, ruft einen Kosmos von Erinnerungen in mir wach. Oder Labsal, das ja schon beinahe verschollen ist. Dieses doppelte lange a ist wunderbar. Es begeisterte auch die Brüder Grimm, die trieben ja ohnehin Oralverkehr mit den Vokalen. Labsal wirkt so tröstlich, als gelange man nach großem Schrecken sicher nach Hause zurück.
SPIEGEL: Das klingt, als bedeute Ihnen die Sprache Geborgenheit und Heimat.
Grass: So ist es ganz gewiss. Ich habe meinen Roman "Die Blechtrommel" in Paris geschrieben und dort auch mit der Arbeit an "Hundejahre" begonnen. Aber nach vier Jahren merkte ich, wie verloren ich mich inmitten der fremden Sprache fühlte. Ich musste wieder zurück, hinein ins deutsche Sprachgebiet. Es erging mir ähnlich wie vielen Autoren, die im Nationalsozialismus in die USA emigrierten. Obwohl zu Hause eine grausame Diktatur herrschte, hielten manche von ihnen es kaum aus. Ihnen fehlte die Sprache zur Verständigung und zum Verständnis.
SPIEGEL: In sehr abgemilderter Form kann man diese Erfahrung auch im eigenen Land machen. Die Jugendkultur hat ihren eigenen Sprachstil. Verstehen Sie immer, was Ihre Enkel meinen?
Grass: Aber ja.
SPIEGEL: Chill mal? Der ist total durch? Lass mal rüberwachsen?
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Na sowas, in der Art hat Lena Meyer-Landrut für Deutschland ja auch gemacht.... mehr...
Es ist für mich nur schwer nachvollziehbar, wie man sowas schreiben kann.. All diese von ihnen zu Recht angeprangerten Veränderungen haben doch unter der intellektuellen Oberherrschaft von Grass&Co statt gefunden! Während [...] mehr...
Die alte Bonner Republik war zwar eng und miefig, aber zumindest gab es da eine Zeit in der man sich noch Gedanken darüber machte, in was für einer Gesellschaft man eigentlich leben will. Und dazu haben damals auch ein paar [...] mehr...
Tja, Herr Grass, nachvollziehen kann man das ja schon: "Als wirklich schlimm empfinde ich es, wenn Bürger, die wie ich in ihrem Land auf Missstände hinweisen, als Gutmenschen bezeichnet werden. So ist ein Totschlagwort in [...] mehr...
Mich ärgert bei Literaturkundigen - und von einem Nobelpreisträger darf man es wohl erwarten - , wenn sie sich unscharfer Formulierungen bedienen, wie z.B. GG, wenn er sein eigenes Alter mit der geradezu inadäquat [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 33/2010
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