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Ausgabe 33/2010
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16.08.2010
 

Literatur

"Oralverkehr mit Vokalen"

Nobelpreisträger Günter Grass: "Reif für das Ende"
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2. Teil: "Veränderungen und Wildwuchs in der Sprache sollten wir erlauben"

Grass: Entspann dich. Der ist kaputt. Gib mal her. Es ist für mich ein wunderbarer Zugewinn, dass ich mit Hilfe meiner Enkel auf dem Laufenden darüber bin, was herrschender Jargon ist. Dafür sind Ausdrücke wie das alte Berliner Wort knorke eben nicht mehr in Gebrauch.

SPIEGEL: Bedauern Sie den Verlust?

Grass: Ein Wort wie knorke konserviert ja zum Glück die Literatur. Allgemein halte ich es mit Jacob Grimm und finde, dass wir Veränderungen und Wildwuchs in der Sprache erlauben sollten. Zwar können so auch unheilvolle neue Wörter entstehen, doch Sprache braucht die Chance, sich immer wieder zu erneuern. In Frankreich, wo die Académie française eine geradezu polizeiliche Aufsicht über die Wörter hält, lässt sich beobachten, dass Sprache förmlich werden, erstarren kann, wenn man sie allzu sehr behütet.

SPIEGEL: Sie geben in "Grimms Wörter" sogar Ihren eigenen Namen für Veränderungen frei.

Grass: Ich erlaube mir, Grass mit doppeltem s oder ß zu schreiben. Vor der Rechtschreibreform schrieb man Hass auch mit ß. Ich selbst unterzeichne gerne mit ß. Mir gefallen diese Spielereien, ebenso wie mich verschiedene Schriften begeistern oder die Qualität von Buchpapier. Zum Glück habe ich in Gerhard Steidl einen Verleger gefunden, der ein Büchermachernarr ist und zärtlich mit dem Papier und seiner Druckmaschine umgeht.

SPIEGEL: Sie sind einer der wenigen, die die Gestaltung ihrer Bücher übernehmen. Sie haben alle Umschläge selbst entworfen. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Grass: Es ist der Schluss, es gehört dazu wie der erste Satz. Und es verlangt dieselbe Sorgfalt, die beim Schreiben vonnöten ist.

SPIEGEL: Wie sieht ein guter Umschlag aus?

Grass: Er sollte wie ein Emblem den Inhalt des Buches verdichten und vereinfachen. Auf dem Umschlag von "Hundejahre" tut dies der Hundekopf, der wie eine Fingerfigur aus einem Schattenspiel aussieht; bei "örtlich betäubt" habe ich ein Feuerzeug mit einem Finger darüber gewählt. Dieses Mal sind es nun Buchstaben. Es wäre sinnlos gewesen, mit einem Doppelporträt der Brüder Grimm zu arbeiten, das hätte die Aussage nur teilweise getroffen. Ich habe vor wenigen Tagen erst das fertige Buch in der Hand gehalten. Es ist jedes Mal ein wunderbares Erlebnis.

SPIEGEL: Dann muss Sie die Entwicklung auf dem Buchmarkt mit Unmut erfüllen. In den USA steigt der Verkauf von elektronischen Büchern sprunghaft an.

Grass: Ich glaube nicht, dass damit das Buch erledigt ist. Es wird eine andere Wertigkeit bekommen. Die Massenproduktion wird sich reduzieren, und das Buch wird wieder das Ansehen eines aufbewahrenswerten, vererbbaren Gegenstandes erlangen.

SPIEGEL: Können Sie sich "Grimms Wörter" auf einem iPad vorstellen?

Grass: Kaum. Aber ich habe auch mit meinem Verleger abgesprochen, dass keines meiner Bücher dafür freigegeben wird, bevor ein die Autoren schützendes Gesetz wirksam wird. Ich kann allen Autoren nur raten, in dieser Beziehung ebenso viel Selbstbewusstsein zu entwickeln.

SPIEGEL: Sie rufen zum Protest auf?

Grass: Ich würde diese Entwicklung hin zum Lesen auf Computern gern aufhalten, aber das kann offenbar niemand. Dabei werden die Mängel des elektronischen Verfahrens bereits beim Erstellen des Manuskripts offenkundig. Die meisten jungen Autoren schreiben direkt in den Computer, verändern und arbeiten in ihren Dateien. In meinem Fall dagegen existieren zahlreiche Vorstufen: eine handschriftliche Fassung, zwei, die ich selbst mit meiner Olivetti-Schreibmaschine getippt habe, und schließlich mehrere Ausdrucke von Fassungen, die meine Sekretärin in den Computer eingegeben und ausgedruckt hat und in die ich jeweils zahlreiche handschriftliche Korrekturen eingearbeitet habe. Solche Arbeitsgänge gehen verloren, wenn man gleich am Computer schreibt.

SPIEGEL: Kommen Sie sich mit Ihrer Olivetti nicht altmodisch vor?

Grass: Nein. Im Computer sieht ein Text immer irgendwie fertig aus, auch wenn er es längst nicht ist. Das verführt. Ich schreibe die erste, handschriftliche Fassung meist in einem Guss, und wenn mir etwas nicht einfällt, lasse ich eine Lücke. In der Olivetti-Fassung fülle ich diese Lücken, und durch die Gründlichkeit setzt sich in den Text auch eine gewisse Umständlichkeit. Bei den folgenden Fassungen bemühe ich mich, das Ursprüngliche der ersten mit der Genauigkeit der zweiten zu verbinden. Bei diesem langsamen Vorgehen ist die Gefahr geringer, dass sich Glätte und Beliebigkeit einschleichen.

SPIEGEL: Hat sich Ihre Sprache dennoch im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Grass: Ich war anfangs darum bemüht, alle Register zu ziehen. Als ich "Die Blechtrommel", "Katz und Maus" und "Hundejahre" schrieb, war das ja in einer Zeit, in der viele ältere Autoren meinten, die deutsche Sprache dürfe nie mehr überborden.

SPIEGEL: Sie sprechen von den Vertretern der sogenannten Kahlschlagliteratur in der Nachkriegszeit?

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insgesamt 44 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.08.2010 von tikki_t: .

Na sowas, in der Art hat Lena Meyer-Landrut für Deutschland ja auch gemacht.... mehr...

21.08.2010 von tylerdurdenvolland: ...

Es ist für mich nur schwer nachvollziehbar, wie man sowas schreiben kann.. All diese von ihnen zu Recht angeprangerten Veränderungen haben doch unter der intellektuellen Oberherrschaft von Grass&Co statt gefunden! Während [...] mehr...

20.08.2010 von at.engel: über Grass herziehen ist einfach...

Die alte Bonner Republik war zwar eng und miefig, aber zumindest gab es da eine Zeit in der man sich noch Gedanken darüber machte, in was für einer Gesellschaft man eigentlich leben will. Und dazu haben damals auch ein paar [...] mehr...

20.08.2010 von tylerdurdenvolland: ...

Tja, Herr Grass, nachvollziehen kann man das ja schon: "Als wirklich schlimm empfinde ich es, wenn Bürger, die wie ich in ihrem Land auf Missstände hinweisen, als Gutmenschen bezeichnet werden. So ist ein Totschlagwort in [...] mehr...

20.08.2010 von eikfier: ...lämger warten, war schon richtig, sagt uns das!

Mich ärgert bei Literaturkundigen - und von einem Nobelpreisträger darf man es wohl erwarten - , wenn sie sich unscharfer Formulierungen bedienen, wie z.B. GG, wenn er sein eigenes Alter mit der geradezu inadäquat [...] mehr...

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Günter Grass: "Grimms Wörter"

Günter Grass und die Brüder Grimm begegnen sich im neuen Buch des Nobelpreisträgers "Grimms Wörter". Grass, 82, schaut in dieser "Liebeserklärung" den beiden Sprachwissenschaftlern gewisser - maßen über die Schulter, als sie 1838 ein umfassendes "Deutsches Wörterbuch“ in Angriff nehmen. Das zeitenübergreifende Prosawerk von Grass ist Biografie und Autobiografie in einem: Porträt der Brüder Jacob (1785 bis 1863) und Wilhelm Grimm (1786 bis 1859) – und Selbstporträt. Grass beschließt mit dem Band "Grimms Wörter" seinen autobiografischen Zyklus, zu dem auch "Beim Häuten der Zwiebel" (2006) und "Die Box“ (2008) zählen.

Die Brüder Grimm, durch ihre Sammlung von "Kinder- und Hausmärchen" (erster Band 1812) berühmt geworden, hatten das Ausmaß der Arbeit am Wörterbuch völlig unterschätzt, auch wenn ihnen durchaus bewusst war, ein "unabsehbares, von keinem noch angelegtes Werk" vor sich zu haben. Erst 1854 erschien der erste Band, der den Buchstaben A und einen Teil von B umfasst. Wilhelm Grimm übernahm den Buchstaben D im zweiten Band (1860). Überhaupt konnten die Brüder nur drei von insgesamt 32 Bänden bewältigen. Zum vierten Band (1878), der erst nach dem Tod der beiden erschien, hatte Jacob Grimm nur noch einen minimalen Teil beisteuern können. Erst 1961, mehr als 120 Jahre nach den ersten Anfängen, lag das epochale Kompendium mit mehr als 300.000 Stichwörtern komplett vor: als "Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm".


Buchtipp

Grimms Wörter:
Günter Grass.
Eine Liebeserklärung mit farbigen Vignetten. Illustriert von Günter Grass.

Steidl Gerhard Verlag; 360 Seiten; 29,80 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.





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