Grass: Ja, und die Autoren hatten allen Grund für ihre Zurückhaltung. Die deutsche Sprache war im Nationalsozialismus beschädigt worden. Doch wir Jungen, auch Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger zählten dazu, wollten uns diese Fesseln nicht anlegen und die Sprache nicht insgesamt schuldig sprechen. So habe ich aus dem Gefühl heraus geschrieben, alles zu zeigen, was sie hergibt. Nun ist im Alter Erfahrung hinzugekommen. Und bewussteres Schreiben.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Grass: In hohem Maß auch die politischen Erfahrungen meines Lebens, die ich in "Grimms Wörter" beschreibe. Im Jahr 1961 zum Beispiel reiste ich zum ersten Mal im Wahlkampf-Tross von Willy Brandt mit. Der Mauerbau zählt ebenfalls zu diesen Erfahrungen, die Wiedervereinigung 1989/90, meine zahlreichen Besuche in der DDR zuvor.
SPIEGEL: Was hat Sie dorthin getrieben?
Grass: Ich war überzeugt vom Konzept einer einheitlichen Kulturnation. Also haben wir Autoren aus West und Ost uns in Ost-Berliner Privatwohnungen getroffen und aus unseren Manuskripten vorgelesen. Ich bezweifle, dass die Stasi-Spitzel überhaupt begriffen, worum es mir ging. Sie konnten nicht nachvollziehen, dass jemand nach zwei Seiten hin kritisch sein kann. Den Eindruck gewann ich jedenfalls bei der Lektüre meiner Akte.
SPIEGEL: Was haben Sie beim Lesen empfunden?
Grass: Ich habe mich vor allem gelangweilt. Ich habe mich auch lange geweigert, das Zeugs überhaupt zu lesen, und nie einen Antrag gestellt. Es sind mehr als 2000 Seiten. Frau Birthler hat sie mir schließlich ausgehändigt, aber ich habe mir ausgebeten, dass all die Stellen, in denen Spitzel genannt werden, geschwärzt sind. Ich wollte nicht wissen, wer mich bespitzelt hat. Das spielt, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, keine Rolle mehr.
SPIEGEL: Gegen die Wiedervereinigung haben Sie vehement argumentiert. Wie fällt Ihr Urteil heute aus?
Grass: Ich finde nach wie vor, dass wir uns die DDR nicht auf diese überhastete Weise hätten einverleiben dürfen. Es ist ein Unding, welch große Chance wir vertan haben. Man hätte diesen Moment, in dem nach zwei Diktaturen das demokratische Selbstbewusstsein in den berühmten vier Wörtern erblühte, nicht abwürgen dürfen. "Wir sind das Volk!" - und schon wurde es mitsamt seiner Produktionsstätten abgewickelt und sein Vermögen durch die Treuhand für einen Appel und ein Ei verschleudert. Diese 17 Millionen Menschen dort hatten während der langen Nachkriegszeit die Hauptlast des von allen Deutschen geführten und verlorenen Krieges zu tragen.
SPIEGEL: Was hätten Sie getan?
Grass: Ich hätte die Steuern um ein Vielfaches erhöht und keine Einheit auf Pump betrieben. Es steckt eine gehörige Portion Selbstbetrug darin, wenn wir uns jetzt im Jubiläumsjahr dazu beglückwünschen, wie wunderbar alles geworden ist. Die Tatsachen sprechen dagegen: Die hohe Arbeitslosigkeit, die entvölkerten Landschaften. Und das, was man die Mauer im Kopf nennt, existiert weiterhin. Dazu beigetragen hat auch der Umgang mit der PDS. Sie wurde regelrecht hochgejubelt, weil man sie als Nachfolgepartei der SED nicht zur Verantwortung zog. Es wurde ihr sehr leicht gemacht, und der SPD hat dieses Vorgehen geschadet.
SPIEGEL: Schmerzt Sie der Bedeutungsverlust der SPD?
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Na sowas, in der Art hat Lena Meyer-Landrut für Deutschland ja auch gemacht.... mehr...
Es ist für mich nur schwer nachvollziehbar, wie man sowas schreiben kann.. All diese von ihnen zu Recht angeprangerten Veränderungen haben doch unter der intellektuellen Oberherrschaft von Grass&Co statt gefunden! Während [...] mehr...
Die alte Bonner Republik war zwar eng und miefig, aber zumindest gab es da eine Zeit in der man sich noch Gedanken darüber machte, in was für einer Gesellschaft man eigentlich leben will. Und dazu haben damals auch ein paar [...] mehr...
Tja, Herr Grass, nachvollziehen kann man das ja schon: "Als wirklich schlimm empfinde ich es, wenn Bürger, die wie ich in ihrem Land auf Missstände hinweisen, als Gutmenschen bezeichnet werden. So ist ein Totschlagwort in [...] mehr...
Mich ärgert bei Literaturkundigen - und von einem Nobelpreisträger darf man es wohl erwarten - , wenn sie sich unscharfer Formulierungen bedienen, wie z.B. GG, wenn er sein eigenes Alter mit der geradezu inadäquat [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 33/2010
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