ThemaGünter GrassRSS

Alle Artikel und Hintergründe

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2010
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
16.08.2010
 

Literatur

"Oralverkehr mit Vokalen"

Nobelpreisträger Günter Grass: "Reif für das Ende"
Fotos

3. Teil: "Ich wollte nicht wissen, wer mich bespitzelt hat."

Grass: Ja, und die Autoren hatten allen Grund für ihre Zurückhaltung. Die deutsche Sprache war im Nationalsozialismus beschädigt worden. Doch wir Jungen, auch Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger zählten dazu, wollten uns diese Fesseln nicht anlegen und die Sprache nicht insgesamt schuldig sprechen. So habe ich aus dem Gefühl heraus geschrieben, alles zu zeigen, was sie hergibt. Nun ist im Alter Erfahrung hinzugekommen. Und bewussteres Schreiben.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Grass: In hohem Maß auch die politischen Erfahrungen meines Lebens, die ich in "Grimms Wörter" beschreibe. Im Jahr 1961 zum Beispiel reiste ich zum ersten Mal im Wahlkampf-Tross von Willy Brandt mit. Der Mauerbau zählt ebenfalls zu diesen Erfahrungen, die Wiedervereinigung 1989/90, meine zahlreichen Besuche in der DDR zuvor.

SPIEGEL: Was hat Sie dorthin getrieben?

Grass: Ich war überzeugt vom Konzept einer einheitlichen Kulturnation. Also haben wir Autoren aus West und Ost uns in Ost-Berliner Privatwohnungen getroffen und aus unseren Manuskripten vorgelesen. Ich bezweifle, dass die Stasi-Spitzel überhaupt begriffen, worum es mir ging. Sie konnten nicht nachvollziehen, dass jemand nach zwei Seiten hin kritisch sein kann. Den Eindruck gewann ich jedenfalls bei der Lektüre meiner Akte.

SPIEGEL: Was haben Sie beim Lesen empfunden?

Grass: Ich habe mich vor allem gelangweilt. Ich habe mich auch lange geweigert, das Zeugs überhaupt zu lesen, und nie einen Antrag gestellt. Es sind mehr als 2000 Seiten. Frau Birthler hat sie mir schließlich ausgehändigt, aber ich habe mir ausgebeten, dass all die Stellen, in denen Spitzel genannt werden, geschwärzt sind. Ich wollte nicht wissen, wer mich bespitzelt hat. Das spielt, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, keine Rolle mehr.

SPIEGEL: Gegen die Wiedervereinigung haben Sie vehement argumentiert. Wie fällt Ihr Urteil heute aus?

Grass: Ich finde nach wie vor, dass wir uns die DDR nicht auf diese überhastete Weise hätten einverleiben dürfen. Es ist ein Unding, welch große Chance wir vertan haben. Man hätte diesen Moment, in dem nach zwei Diktaturen das demokratische Selbstbewusstsein in den berühmten vier Wörtern erblühte, nicht abwürgen dürfen. "Wir sind das Volk!" - und schon wurde es mitsamt seiner Produktionsstätten abgewickelt und sein Vermögen durch die Treuhand für einen Appel und ein Ei verschleudert. Diese 17 Millionen Menschen dort hatten während der langen Nachkriegszeit die Hauptlast des von allen Deutschen geführten und verlorenen Krieges zu tragen.

SPIEGEL: Was hätten Sie getan?

Grass: Ich hätte die Steuern um ein Vielfaches erhöht und keine Einheit auf Pump betrieben. Es steckt eine gehörige Portion Selbstbetrug darin, wenn wir uns jetzt im Jubiläumsjahr dazu beglückwünschen, wie wunderbar alles geworden ist. Die Tatsachen sprechen dagegen: Die hohe Arbeitslosigkeit, die entvölkerten Landschaften. Und das, was man die Mauer im Kopf nennt, existiert weiterhin. Dazu beigetragen hat auch der Umgang mit der PDS. Sie wurde regelrecht hochgejubelt, weil man sie als Nachfolgepartei der SED nicht zur Verantwortung zog. Es wurde ihr sehr leicht gemacht, und der SPD hat dieses Vorgehen geschadet.

SPIEGEL: Schmerzt Sie der Bedeutungsverlust der SPD?

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 44 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.08.2010 von tikki_t: .

Na sowas, in der Art hat Lena Meyer-Landrut für Deutschland ja auch gemacht.... mehr...

21.08.2010 von tylerdurdenvolland: ...

Es ist für mich nur schwer nachvollziehbar, wie man sowas schreiben kann.. All diese von ihnen zu Recht angeprangerten Veränderungen haben doch unter der intellektuellen Oberherrschaft von Grass&Co statt gefunden! Während [...] mehr...

20.08.2010 von at.engel: über Grass herziehen ist einfach...

Die alte Bonner Republik war zwar eng und miefig, aber zumindest gab es da eine Zeit in der man sich noch Gedanken darüber machte, in was für einer Gesellschaft man eigentlich leben will. Und dazu haben damals auch ein paar [...] mehr...

20.08.2010 von tylerdurdenvolland: ...

Tja, Herr Grass, nachvollziehen kann man das ja schon: "Als wirklich schlimm empfinde ich es, wenn Bürger, die wie ich in ihrem Land auf Missstände hinweisen, als Gutmenschen bezeichnet werden. So ist ein Totschlagwort in [...] mehr...

20.08.2010 von eikfier: ...lämger warten, war schon richtig, sagt uns das!

Mich ärgert bei Literaturkundigen - und von einem Nobelpreisträger darf man es wohl erwarten - , wenn sie sich unscharfer Formulierungen bedienen, wie z.B. GG, wenn er sein eigenes Alter mit der geradezu inadäquat [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur
alles zum Thema Günter Grass

© DER SPIEGEL 33/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aus dem SPIEGEL

Sie lesen einen Text aus dem
SPIEGEL 33/2010 - entdecken Sie
weitere Top-Themen aus dem Heft:

  • - Love Parade: SPIEGEL-Gespräch mit Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland über Schuld und Verantwortung
  • - Reichtum: Ein österreichischer Millionär verlost seine Villa in Tirol
  • - Wohlfahrt: Weshalb Arm und Reich in den USA dramatischer denn je auseinanderdriften
  • - Radsport: Ex-Teamchef Hans-Michael Holczer über die kriminelle Energie der Fahrer und die Auswüchse des Dopings


Günter Grass: "Grimms Wörter"

Günter Grass und die Brüder Grimm begegnen sich im neuen Buch des Nobelpreisträgers "Grimms Wörter". Grass, 82, schaut in dieser "Liebeserklärung" den beiden Sprachwissenschaftlern gewisser - maßen über die Schulter, als sie 1838 ein umfassendes "Deutsches Wörterbuch“ in Angriff nehmen. Das zeitenübergreifende Prosawerk von Grass ist Biografie und Autobiografie in einem: Porträt der Brüder Jacob (1785 bis 1863) und Wilhelm Grimm (1786 bis 1859) – und Selbstporträt. Grass beschließt mit dem Band "Grimms Wörter" seinen autobiografischen Zyklus, zu dem auch "Beim Häuten der Zwiebel" (2006) und "Die Box“ (2008) zählen.

Die Brüder Grimm, durch ihre Sammlung von "Kinder- und Hausmärchen" (erster Band 1812) berühmt geworden, hatten das Ausmaß der Arbeit am Wörterbuch völlig unterschätzt, auch wenn ihnen durchaus bewusst war, ein "unabsehbares, von keinem noch angelegtes Werk" vor sich zu haben. Erst 1854 erschien der erste Band, der den Buchstaben A und einen Teil von B umfasst. Wilhelm Grimm übernahm den Buchstaben D im zweiten Band (1860). Überhaupt konnten die Brüder nur drei von insgesamt 32 Bänden bewältigen. Zum vierten Band (1878), der erst nach dem Tod der beiden erschien, hatte Jacob Grimm nur noch einen minimalen Teil beisteuern können. Erst 1961, mehr als 120 Jahre nach den ersten Anfängen, lag das epochale Kompendium mit mehr als 300.000 Stichwörtern komplett vor: als "Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm".


Buchtipp

Grimms Wörter:
Günter Grass.
Eine Liebeserklärung mit farbigen Vignetten. Illustriert von Günter Grass.

Steidl Gerhard Verlag; 360 Seiten; 29,80 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.





TOP



TOP