Grass: Nun, die Sozialdemokratische Partei bedeutet ein Stück Kontinuität. Das ist ein Grund, warum ich an ihr hänge: Wir haben wenig Kontinuität in Deutschland, und die SPD wird demnächst 150 Jahre alt. Sie hat einen Haufen Fehler begangen und einiges durchgemacht. Aber ihre sozialen Grundsätze, die in der europäischen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts wurzeln, waren und sind für unser Land fundamental. Viele jüngere Sozialdemokraten leben zwar fern der Geschichte ihrer Partei, doch das wird die SPD auch noch überleben.
SPIEGEL: Sie schreiben in "Grimms Wörter" nicht einen Satz über mögliche Fehler in Ihren politischen Einschätzungen. Haben Sie sich denn nie getäuscht?
Grass: Ich befürchtete nach der Wiedervereinigung, es könne eine Art Groß-Bundesrepublik mit einer zentralistischen Macht in Berlin entstehen. Doch dafür ist der deutsche Föderalismus zum Glück als Gegenkraft zu stark. So unbequem er in vielen Dingen ist, halte ich das Gegengewicht der Länder doch für die beste deutsche Möglichkeit.
SPIEGEL: Fallen Ihnen andere Irrtümer ein, Lebensirrtümer womöglich?
Grass: Bei mir gibt es die bekannte Verführbarkeit zur Hitlerjugend in jungen Jahren. Das wird ja deutlich genug in meinem Buch "Beim Häuten der Zwiebel". Aus diesem Irrtum habe ich wohl auch eine gewisse Immunität gegen jedes ideologische Gehabe gezogen.
SPIEGEL: Sie kommen in "Grimms Wörter" erneut auf Ihre Zeit bei der Waffen-SS zu sprechen und schildern Ihre Vereidigung in einer frostklaren Nacht. Sie waren 17 Jahre alt. Zählen Sie diesen Moment ebenfalls zu den Irrtümern in Ihrem Leben?
Grass: Das war keine Verfehlung meinerseits. Ich bin damals, wie viele Tausende andere auch, eingezogen worden. Ich habe mich nicht zur Waffen-SS gemeldet. Das Kriegsende befreite mich von dem beschworenen blinden Gehorsam. Danach wusste ich: Nie wieder würde ich einen Eid leisten.
SPIEGEL: Sie sind verwurzelt in der deutschen Geschichte, haben aber gegen jede Form von Nationenkult immer protestiert. Wie gefällt Ihnen die neue nationale Begeisterung, etwa bei der Fußball-WM?
Grass: Ich war und bin immer noch der Meinung, dass man das Thema Nation nicht den Rechten überlassen darf. Denn wir können in Europa nur eine verantwortliche Rolle spielen, wenn wir das eigene Nationalbewusstsein gut begründen können - jenseits von Nationalismus. Die deutschen Fähnchen zur WM jedoch haben viel spielerische Momente. Ich habe Frauen beobachtet, wie sie ihren Babys einen schwarzrotgoldenen Schnuller in den Mund steckten. So hebt sich jedes vermeintliche Pathos selbst auf.
SPIEGEL: Sie sind nicht der einzige Schriftsteller Ihrer Generation, der sich immer wieder politisch zu Wort gemeldet hat. Vermissen Sie ähnlichen Elan bei den jungen Kollegen?
Grass: Ich würde es bedauern, wenn sie keine Lehre aus dieser relativ kurzen Tradition ziehen. Sie sollten nicht die Fehler der Weimarer Republik wiederholen und sich in privater Distanz halten. Der Beitrag der Intellektuellen zur Entwicklung unserer Schuldemokratie in Westdeutschland hin zu einer erwachsen gewordenen Demokratie war erheblich. Es gibt leider Anzeichen dafür, dass dieser Beitrag abreißt. Finanzkrise, Kinderarmut, Abschiebepraxis, das Auseinanderdriften in Reich und Arm: Das sind Themen, zu denen jüngere Autoren eine Haltung entwickeln und verlautbaren sollten.
SPIEGEL: Sie selbst mischen sich auch seltener ein als früher. Martin Walser hat in einem offenen Brief an die Kanzlerin den Abzug aus Afghanistan gefordert. Haben Sie keine Haltung zu diesem Krieg?
Grass: O doch, aber gerade der Afghanistan-Krieg lässt sich nicht auf eine einfache Formel bringen. Anders als etwa beim Krieg gegen den Irak liegt ein Uno-Mandat vor. Es hat sich als ein großer Irrtum herausgestellt, dass wir dort mittun, aber es ist schwer, sich aus dieser Verpflichtung verantwortungsvoll zu verabschieden. Sicherlich hätte man den USA nicht das Oberkommando überlassen dürfen. Die Amerikaner sind unfähig, diese Art von Kriegen zu führen; wie in Vietnam scheitern sie abermals - und wir mit ihnen.
SPIEGEL: Selbst wenn es kein Patentrezept gibt: Ihre Stimme hätte als Nobelpreisträger stärkeres Gewicht als früher. Warum halten Sie sich zurück?
Grass: Ich habe nicht den Eindruck, dass ich das tue. Und ich denke auch nicht den ganzen Tag darüber nach, dass ich Nobelpreisträger bin. Gelegentlich werde ich daran erinnert - meist wenn ich mich einmische. Beim Schreiben hilft es jedenfalls nicht. Es schadet aber auch nicht.
SPIEGEL: Setzt es Sie nicht unter Druck?
Grass: Der Preis hemmt mich überhaupt nicht beim Schreiben. Es hängt sicher damit zusammen, dass ich ihn im reifen Alter bekommen habe. Der Preis der Gruppe 47 im Jahr 1958 war für mich eigentlich wichtiger, weil ich zu dem Zeitpunkt arm wie die Kirchenmaus war. Und er wurde von Kollegen vergeben und hatte daher ein ganz anderes Gewicht. Damit will ich nicht den Nobelpreis abwerten, aber für mein Leben war er weniger wegweisend.
SPIEGEL: Jetzt mal ehrlich: Hatten Sie nicht schon lange gehofft, ihn zu bekommen?
Grass: Am Ende nicht mehr. Es ging ja 20 Jahre lang so: Jeden Herbst riefen Journalisten an und berichteten, ich sei in der engeren Wahl, und wollten schon einmal den ersten Interviewtermin reservieren. Und dann war wieder ein Jahr lang Ruhe.
SPIEGEL: Haben Sie sich geärgert, als Heinrich Böll den Preis 1972 bekam?
Grass: Nein, auch wenn Sie es mir nicht glauben. Ich stand mitten im Wahlkampf für die SPD mit einem VW-Bus irgendwo in Rheinland-Pfalz auf einem Marktplatz. Wir machten diese Spontanveranstaltungen, bei denen wir in die Kleinstädte fuhren. Ich hielt gerade durch den Lautsprecher meine Kurzrede, als mir ein Zettel gereicht wurde: Böll ist Nobelpreisträger. Ich habe das in den Wahlkampf eingebaut. Wir waren ja gleichermaßen Anhänger derselben politischen Idee.
SPIEGEL: Im Ihrem Buch ziehen Sie ein Resümee. "Das Abarbeiten" im Leben finde kein Ende, schreiben Sie, "selbst altherkömmliche Geschichten wollen aufs Neue erzählt werden. Und nach jeweiligem Schlußpunkt war mir weitere Arbeit gewiß." Welche Arbeit erwartet Sie noch?
Grass: Nach einer langjährigen Phase des Schreibens muss ich erst mal das Werkzeug wechseln und mich neuen Druckgrafiken widmen. Ich möchte zu meinem Roman "Hundejahre" zum 50. Jubiläum des Erscheinens Ätz- und Kaltnadelradierungen gestalten. "Grimms Wörter" wird sicherlich der Abschluss meines biografischen Schreibens sein. In meinem Alter ist man überrascht, wenn man das nächste Frühjahr erlebt, und ich weiß, wie lange es dauern kann, bis ein Buch mit einem epischen Konzept vollendet ist.
SPIEGEL: Fürchten Sie das Ende Ihres Lebens?
Grass: Na, ich stelle fest, dass man auf der einen Seite reif dafür ist. Und ich stelle fest, dass eine gewisse Neugier geblieben ist: Was wird aus den Enkeln, wie werden die Fußballergebnisse am Wochenende aussehen? Es sind also durchaus auch Banalitäten, die ich noch erleben möchte. Jacob Grimm hat eine wunderbare Rede auf das Alter geschrieben, und an anderer Stelle habe ich bei ihm gelesen: "Die letzte Ernte steht auf dem Halm". Das hat mich angerührt, und natürlich habe ich nahezu übergangslos das eigene Alter reflektiert. Eine vorherrschende Furcht vor dem Sterben stellte ich dabei nicht fest.
SPIEGEL: Herr Grass, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten Volker Hage und Katja Thimm
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© DER SPIEGEL 33/2010
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