Von Thilo Thielke
Gervase Greene blickt aus seinem Fenster im 22. Stockwerk des Central-Park-Hochhauses hinunter auf Perth. Der Winterhimmel hier an der australischen Westküste ist klar und von eisiger Bläue, die Morgensonne kriecht gerade über die Hochhäuser.
Doch von dem berühmten Fluss, der Lebensader der Millionenstadt, ist nicht mehr viel zu sehen. Der Blick von hier oben könnte traumhaft sein - wenn jetzt nicht überall so viel gebaut würde. Genau zwischen Greenes Büro und dem Schwanenfluss schießt ein neuer Wolkenkratzer in den Himmel, Kräne wuchten Metallträger in die Höhe. Der schöne Blick ist dahin.
Seit vier Jahren arbeitet Greene, 50, für den britisch-australischen Bergbauriesen Rio Tinto, er ist extra von Sydney hierhergezogen. Und nun knallt ihnen "ausgerechnet die Konkurrenz diesen scheußlichen Klotz" vor das Panoramafenster. Der Neubau gehört BHP Billiton, dem zweitgrößten australischen Förderer von Eisenerz.
Jede zweite Tonne Erz geht in die Volksrepublik
Fürchten muss Greene die Nähe der Rivalen nicht. Rio Tinto liegt bei der Erzförderung mit Abstand vorn und ist weltweit die Nummer zwei - hinter dem brasilianischen Bergbauriesen Vale. Im Übrigen herrscht in Australien ohnehin Goldgräberstimmung wie selten zuvor.
Der China-Boom macht es möglich: Jede zweite von Rio Tinto geförderte Tonne Erz wird ins Reich der Mitte exportiert, 110 Millionen Tonnen waren es vergangenes Jahr, nur noch rund vier Prozent, 8 bis 9 Millionen Tonnen, finden den Weg nach Europa. Und die ungebrochene chinesische Nachfrage treibt die Preise unablässig in die Höhe. Noch vor zwölf Monaten kostete eine Tonne Eisenerz 80 australische Dollar, etwa 56 Euro, jetzt sind es schon 113 Dollar. Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht.
Seit Jahren profitiert deshalb kaum ein Land so vom Rohstoffhunger der asiatischen Giganten China, Japan und Südkorea wie eben Australien. Der Kontinent ist rohstoffreich und liegt geografisch günstig: Nur zehn Tage benötigen Kohle, Aluminium und Nickel, Eisenerz, Gas und Gold, um von Down under zu den chinesischen Abnehmern zu gelangen, während die Ware aus Brasilien mehr als einen Monat unterwegs ist. Ganze fünf Prozent Arbeitslosigkeit verzeichnet Australien, das Wirtschaftswachstum betrug in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich fast drei Prozent. 2009 erreichte der Handel zwischen China und Australien ein Volumen von umgerechnet 46 Milliarden Euro.
Der China-Boom befeuert die australische Wirtschaft
Größter Aufreger im parteipolitischen Gerangel vor den Parlamentswahlen in dieser Woche war deshalb nicht wie überall sonst in westlichen Industriestaaten die Sorge um die Zukunft, sondern das Schicksal von 3000 Boatpeople, überwiegend aus Afghanistan und Sri Lanka, und die alte Frage, ob sie bleiben dürfen oder ob man das Eingangstor zum Paradies nicht lieber schließen sollte, jetzt, wo's richtig schön brummt.
Seit Beginn des China-Booms 2001 ist die Wirtschaftsleistung im rohstoffreichen Westaustralien um die Hälfte gestiegen. Und damit das so bleibt, genehmigte die Regierung im vergangenen Jahr das größte Gasprojekt in der australischen Geschichte. Chevron und andere Energieriesen dürfen das Gorgon-Feld anzapfen, das rund 200 Kilometer vor der Küste liegt.
10.000 Arbeitsplätze soll die Erschließung sichern, und das Feld soll so groß sein, dass es eine Millionenstadt 800 Jahre lang mit Erdgas versorgen kann. 300 Milliarden australische Dollar, 208 Milliarden Euro, Exportumsatz soll es Australien über einen Zeitraum von 20 Jahren bescheren. Klar, dass das Gas schon verkauft war, bevor es überhaupt zutage gefördert wurde: PetroChina hat sich schon einmal vertraglich eine Lieferung von 2,25 Millionen Kubikmeter Flüssiggas gesichert.
"Es ist unglaublich", schwärmt Greene, "in China entstehen ständig neue Millionenstädte - die Chinesen brauchen sprichwörtlich alles: Waschmaschinen, Häuser, Autos, Besteck." Was in Europa Jahrhunderte gedauert habe, vollziehe sich im Riesenreich in wenigen Jahren.
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Der Vergleich mit der Großostasiatischen Wohlstandssphäre ist auch eine kleine Gemeinheit gegen die EU; doch noch immer gilt hier das Gebot Fichtes, welches dieser gegen Napoleon aufgestellt hat: „...und daß es lediglich der [...] mehr...
Zugegeben. Aber die Chancen, dem zu entgehen, steigen zumindest, wenn die USA als Spieler auf dem Schachbrett für eine – entscheidende - Zeit ausfallen. Also die Ostasiatische Wohlstandssphäre bestand aus Japan und [...] mehr...
Was die Auffassung anbelangt, Europa werde dem trojanischen Pferd des Ostens entgehen, so will ich drauf mit den homerischen Versen antworten, die der Dichter Penelope sagen lässt, als ihr der Seher die nahe Rückkehr des [...] mehr...
Also noch ist dieser Aussenposten nicht verloren. Soweit ich weiss, wollen in Australien sowohl Labour als auch Liberals hauptsaechlich europäische Immigration. Und um das trojanische Pferd Türkei kommen wir aufgrund des [...] mehr...
Sicherlich wäre es wünschenswerter, wenn man in Europa den verlorenen Außenposten Aufmerksamkeit schenken würde, als das trojanische Pferd des Ostens, die Türkei, einzulassen; doch dazu ist es vielleicht schon zu spät: [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 33/2010
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